Die Szene im Barbierladen ist dabei mehr als ein realistisches Intermezzo; sie ist ein Modell. Der Barbier legt die Schere kurz beiseite und sagt: „Olivia Garden“. Nicht wie einen Markennamen, sondern wie einen Eigennamen. Aus dem Kürzel „OG“ wird eine Person, eine Herkunft, ein Mythos. Und dann fällt der Satz, in dem Jean und Micheline als Ursprung gesetzt werden: Jean (Rennette). Micheline. Immer zusammen. St. Tropez, bevor „das hier“ war. Ein Steg, mit eigenen Händen gebaut, für eine Wasserskischule. Perücken am Anfang. 1967 die Gründung in Belgien. Klein. Sauber. Hartnäckig. 1976 eine Erfindung – „kein Aerosol mehr“ –, und plötzlich bekommt die Unternehmensgeschichte den Tonfall der Legende: Der Barbier nennt Steve Jobs, als bräuchte jede Moderne ihren Heiligen, um zu begreifen, was Erfindung ist.
Wichtig ist dabei nicht, ob jedes Detail objektiv ist; wichtig ist, wie es wirkt. Der Barbier erzählt so, wie Menschen erzählen, wenn sie nicht „berichten“, sondern ehren. Er sucht nach dem Wort „verlässlich“ und findet es. Und damit wird Jean (Rennette) im Roman genau zu dem, was er in meinem Leben ist: eine Figur der Verlässlichkeit, die nicht bieder ist; eine Figur des Aufbruchs, die nicht prahlt; eine Figur des Schaffens, die nicht ausstellt, sondern tut.
Dass Gustav diese Geschichte im Spiegel hört und trocken kommentiert – „Vom Zelt zur Weltherrschaft“ – und dass er Zieser darin wiedererkennt, ist die literarische Verknotung, mit der ich Jean (Rennette) in die große Maschinenhalle meines Romans ziehe. Plötzlich steht Jean nicht isoliert als privater Mentor am Rand, sondern als Resonanzkörper neben Kieser und Zieser: Unternehmertum als Legende, Training als Religion, Erfindung als Trost. Jean wird so zur Brücke zwischen beingloco und bestforming, ohne dass ich diese Wörter in der Szene überhaupt aussprechen muss. Denn in der Barbiergeschichte gibt es beides: das Kind auf Skiern, die es nicht geben kann, und die Firma, die aus Hartnäckigkeit Weltformat macht.
Und hier liegt zugleich die Korrektur einer früheren Fehllektüre – und ihre Rettung: In einer alten Deutung schien es, als sei der Barbier selbst der Mentor, weil er erzählt. In Wahrheit ist es Jean (Rennette), der Mentor ist – und der Barbier ist der Beweis, dass Mentorenschaft auch dann weitergeht, wenn der Mentor tot ist. Jemand erzählt ihn. Jemand trägt ihn weiter. So wird der Mentor, der fehlt, doch anwesend.
Dass ich mich in Bildern aus Jeans Leben als Wahlzwilling erkenne, ist in der Logik meines Romans kein Nebensatz, sondern ein Schlüssel: Ich suche nicht nur Lehrer, ich suche Verwandtschaft. Nicht Blutverwandtschaft, sondern Seelenverwandtschaft, Funktionsverwandtschaft, Rhythmusverwandtschaft. Joachim als Ersatzvater der Ordnung. Borucki als erster, der verstand. Kieser als Gesetz der Wiederholung. Jean als impulsiver Bruder, der direkt zum Mond fliegt. Und genau so – als Quartettsatz – wird aus „vier tote Mentoren“ keine bloße Trauerliste, sondern eine Struktur, die mein Werk trägt: vier Stimmen, die fehlen, und vier Stimmen, die im Text weiterreden, weil ich sie hineingeschrieben habe.
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Diese Verwandlungen sind psychografisch bedeutsam: Sie zeigen, wie ich mir Halt baue. Nicht, indem ich Mentoren einfach zitiere, sondern indem ich sie in Funktionen verwandle, die im Roman handeln können. Der Tote kann dann nicht mehr widersprechen – aber er kann als Figurprinzip weiterwirken. Und genau darin liegt die Doppelheit, die ich beim Schreiben ständig gespürt habe: Es ist Dank und Last zugleich.
Teil 5 – Der Startpunkt: Ton vor Handlung – und die Ethik im Grammatikdetail
In der Werkstattchronik gibt es einen Fixpunkt, der wie eine Zündung wirkt: T00 – Freitag, 2. Januar 2026, 18:37. Dort „springt die Mann-Maschine an“: aus einer Stilzerlegung wird ein Projekt, das sich eine Parallelität zum “Zauberberg” vornimmt – später erweitert durch Tonio Kröger und Tod in Venedig als Spiegel und Leitstern.
Wichtig ist, was an dieser Stelle als „kleine“ Entscheidung erscheint und sich im Nachhinein als programmatische Abweichung erweist: der Wechsel zur Anrede „verehrte Leserin, verehrter Leser“.
Das ist nicht nur politischer Anstand, nicht nur Korrektur einer patriarchalen Tradition, sondern literarisch gesehen ein Signal: Es soll nach Mann klingen – aber es darf nicht Mann sein. Der Roman nimmt sich das Recht auf Nachahmung als Werkzeug, aber er beansprucht Abweichung als Programm.
Am Anfang war der Ton „Mann-nah“ als Imitationsleistung. Mit der Anrede wird er „Mann-nah“ als bewusste Wahl – und damit als eigene Stimme. Der Effekt ist subtil, aber fundamental: Nicht mehr der Erzähler spricht „von oben herab“ in eine männliche Norm; er spricht in eine Gegenwart hinein, in der das Erzählen selbst Verantwortung hat.
Teil 6 – Die Woche als Produktionsform: Tonio-Schaffen, aber in Systemen
Das “Making of” spricht von „manisch“ – ausdrücklich als literarische Metapher, nicht als klinische Zuschreibung. Und es zieht daraus eine Linie, die in dieser Schreibwoche besonders sichtbar wurde: Geschwindigkeit ist möglich, wenn sie auf Schienen läuft.
Der Autor schreibt schnell, aber nicht chaotisch. Er schreibt schnell, weil er sich Ordnung baut. Arbeitspläne, wiederholbare Update-Rituale, standardisierte Arbeitsanweisungen – all das wird zu einer äußeren Infrastruktur, auf der eine innere Geschwindigkeit überhaupt erst sicher fahren kann.
Hier öffnet sich die biografische Tiefenschicht, ohne dass sie den Text in Diagnose verwandelt. 2003: kokaininduzierte Psychose. Danach eine falsche Bipolar-Diagnose. Eine medikamenteninduzierte Depression, die nach acht Monaten durch eigenmächtiges Absetzen endet. Danach ein paradox stabiler Alltag, fortgesetzter Cannabiskonsum, das Pflicht-„Bleiben“ im Familienunternehmen – und gleichzeitig das innere „Gehen“ in eigene Projekte.
Diese Konstellation erklärt die Schreibwoche rückwirkend wie ein Modell: Form stabilisiert. Form ist nicht nur Leistung, sondern Rettungsmechanik. Der Schaffensdrang ist nicht nur Ehrgeiz, sondern Selbstberuhigung durch Gestalt.
Darum ist bestforming im Roman nicht Lifestyle, sondern Kurform der Gegenwart, die zugleich tröstet und tyrannisiert. Wer das Bedürfnis nach Form aus Notwendigkeit kennt, beschreibt Systeme anders als jemand, der sie aus Mode konsumiert.
Teil 7 – Bildarbeit als Weltbau: Warum die Sonnenalp „echt“ wirkt
Ein entscheidender Werkstattfaktor war die Bildarbeit. Die Sonnenalp wurde nicht frei erfunden, sondern aus Blickachsen gebaut: Empfangshalle, Leuchter, Bibliothek darüber, Musikzimmer, Außenanlagen. Der Ort entsteht aus konkreten Dingen, die wiederkehren und Bedeutung aufsaugen.
Das ist Mann-Technik, modernisiert: Leitmotive sind nicht nur Symbole, sie sind Arbeitstiere. Sie organisieren Beziehungen und moralische Spannungen.
Der Leuchter wird zum Beispiel ausdrücklich als zentraler Gegenstand benannt, der von Dekor zum Auge kippt: Zierde wird Überwachung. Und diese Logik zieht sich durch: Der Ring misst nicht nur; er sieht. Die Fotobox hält nicht nur fest; sie macht sichtbar. Der Würfel (GYMcube) ist nicht nur Trainingsraum; er ist Beichtstuhl, Zelle, Kabine – eine moderne Liegehalle in Einzelhaft. Die Pulver sind nicht nur Nahrungsergänzung; sie sind Ritualisierung des Tages, Ersatzreligion.
Anfangs waren Bilder „Anpassung“: Räume, Licht, Blickachsen sollten passen. Später wurden Bilder „Motor“: Das Setting schrieb mit, weil es Gegenstände lieferte, die arbeiten konnten. Diese Verschiebung ist mehr als Handwerk; sie ist Psychologie. Wer in Bildern denkt, baut sich eine Welt, in der Gegenstände stellvertretend fühlen.
Teil 8 – Der Modernisierungskern: Vom Sanatorium zum Optimierungsresort
Der “Zauberberg” hatte Kur, Liegehalle, Temperaturkurven. Die „Kaleidokosmos-Sonnenalp“ hat Ring, Werte, Programme, Dr. Porsche als warmprofessionellen Arzt-Manager mit Riss, Zieser als asketischen Erfolgspriester, AuDHS als Meta-Deuter.
Das ist die Modernisierungsachse: bestforming wird vom Wort zur Kurform der Gegenwart.
Hier wird eine der wichtigsten inhaltlichen Bewegungen sichtbar: Der Roman wurde davor bewahrt, reine Selbstverbesserungspropaganda zu werden. Der Text ist voll von Werten, Ritualen, Messungen – aber sein moralischer Schwerpunkt kippt am Ende bei Beziehungen: Lilien, Teamarbeit, Blutegel entfernen. Die heimliche Pointe lautet: bestforming ist nur dann erquicklich, wenn es nicht gegen die Lilien arbeitet.
Verehrte Leserin, verehrter Leser, das ist vielleicht die entscheidende Reibung dieses ganzen Projekts: Optimierung ohne Beziehung ist nur Ordnung. Beziehung ohne Form ist nur Rausch. Der Roman versucht, beides in eine spannungsfähige Koexistenz zu zwingen.
Teil 9 – Figuren als Funktionen: Das Personal als inneres Gespräch
Die Nebenfiguren sind psychografisch aufschlussreich, weil sie weniger „Menschen“ als „Funktionen“ sind. Sie sind innere Stimmen, die in äußere Kostüme gesteckt werden.
Das wird besonders deutlich, sobald man die Identitätsarchitektur kennt, die hinter dem Roman steht. Früher war die Selbstbeschreibung „Dr. ADHS“. 2025 wird daraus AuDHS: die Gleichzeitigkeit von ADHS und Autismus als präzisere Fassung. Und dann die nächste Umkehr: Dr. AuDHS ist nicht Identität, sondern Maske; die Identität ist Philipp Morgenstern.
Das erklärt, warum der Roman so beharrlich um Masken, Aliasse, Sichtbarkeit und kontrollierte Wahrheit kreist: Hans lebt mit Alias. Die Fotobox und die Masken arbeiten an der Frage der Sichtbarkeit. Der Ring als Auge ist Kontrollblick.
Wenn Dr. AuDHS im Roman moralisch sprechen kann, ohne sich zu entblößen, dann ist das nicht nur Kunstgriff. Es ist Schutz. Und der Riss in dieser Figur – dass sie selbst Lösungen braucht, dass sie nicht fertig ist – ist das ehrliche Leck in dieser Schutzarchitektur.
Morgenstern wiederum ist der Beziehungsmensch, der System 2 nicht predigt, sondern lebt – mit Lilien und Blutegeln. Und die Präzisierung ist wichtig: Die Blutegel sind Menschen im Umfeld, die Gutmütigkeit ausnutzen; die Blutegel an sich selbst werden durch die fünf Vorsätze adressiert. Das macht die Figur sozialer und weniger moralistisch: Es geht nicht um Selbstbestrafung, sondern um Grenzarbeit.
Tonio, Gustav, bezoo schließlich sind die Kunst- und Krankheitsschatten, die den Roman in eine zweite Tiefendimension ziehen. Tonio steht für das Schaffen als Existenzberechtigung. Gustav für Großzügigkeit, Spiel, die Verrücktheit des Hutmachers, für Geld als Tauschmittel. bezoo als frühe Synthesefigur aus Trickster, Künstler-Ich und Wunschidentität zeigt: Die heutige Integration hat Vorgeschichte. Das Gespräch des Romans mit sich selbst ist älter als dieser Roman.
Teil 10 – Kapitel 9 als Drehpunkt: System 2 als Ethik von Zeit und Beziehung
Ein “Making of” wird interessant, wenn es nicht so tut, als sei alles von Anfang an geplant gewesen. Hier liegt eine der klarsten Revisionen: Kapitel 9 wurde komplett umgebaut zu „Kapitel 9: System 2“.
Hans in Topform. Spaziergang Hans–Morgenstern–AuDHS. Die Esel-Fabel. AuDHS ordnet Esel, Tiger, Löwe. System 1 versus System 2, Kahneman als moderner Naphta/Settembrini-Ersatz. Und dann der Beziehungsrat: Fokus auf Lilien, Blutegel entfernen.
Bis dahin war bestforming vor allem Kur. Mit Kapitel 9 wird bestforming Methode – nicht nur für Blutdruck, Schlaf und Training, sondern für Denken und Beziehung. Es ist die Stelle, an der der Roman sich offen traut, nicht nur zu beschreiben, sondern zu deuten: Was ist klug? Was ist würdig? Welche Konflikte sind Eselkonflikte? Warum ist es manchmal das Intelligenteste, nicht zu diskutieren?
Psychografisch ist diese Revision kein Zufall. Sie spiegelt die Selbstbeschreibung: Glück als euphorischer Hyperfokus – aber der Preis dieser Euphorie ist oft Verzettelung, falscher Kampf, zu viel Energie auf der Gedankenautobahn. System 2 ist die literarische Form des Wunsches, den Hyperfokus nicht zu verlieren, aber ihn zu führen.
Und hier schließt sich, beinahe unheimlich, der Kreis zum Spruch-Irrtum: Auch der Irrtum entstand aus einem schnellen Schluss. Die spätere Sinngebung war System 2. Der Roman lehrt, was er selbst getan hat: Irrtum erkennen, Bedeutung integrieren, Mythos nicht mit Wahrheit verwechseln – und trotzdem dankbar sein für die produktive Kraft des Fehlers.