Ein Roman in 6d 18h 50min (Teil 3)

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Es gibt das Bild von der „SF conference for women executives“. Hinter uns ein Schriftzug: „Create & Activate“. Jean, der zum Ausdruck bringen möchte, dass er Frauen in Führungspositionen (beginnend mit seiner Tochter Anne als seiner Nachfolgerin bei OG); ich, der ich ausdrücklich auf dem Bruch mit Thomas Mann bestehe, und auch meine verehrten Leserinnen anspreche, und nicht nur meine verehrten Leser. Ich bin überzeugt davon, dass es Thomas Mann im Jahr 2025 nicht anders machte.

Und im Laufe der Jahre immer mehr auch: Jean als öffentliche Figur, Gründer, Mentor – und ich neben ihm, nicht als Zuschauer, sondern als Beteiligter. Auf dem Foto der OG-50-Year-Celebration liegt mein Arm auf Jeans Arm. Keine Pose, keine Klammer. Zugehörigkeit.

Die innigste Verdichtung aber steckt in den beiden WhatsApp-Status-Bildern. „Ich 14:33“, „Ich 14:38“. „Sharing his many words of wisdom…“ – und darunter mein eigener Satz: „So wahr. Ich vermisse Dich, Jean, das hat sich auch 2026 nicht geändert.“ Dann noch einmal das Foto, und der Satz, der alles ausspricht:

„RIP, lieber Jean Rennette. Mein Geschäftspartner, mein Mentor, mein älterer Zwilling. Ich werde wie Du weiter direkt zum Mond fliegen, selbst dann, wenn ich noch nicht mal oben am Eiffelturm angekommen bin.“

Dass Jean im Text nicht als handelnde Figur auftritt, sondern als erzählte Präsenz, ist keine Schwäche, sondern Form. Nicht der Barbier ist der Mentor; der Barbier ist das Medium. Jean ist der Mentor – und er kommt, wie viele Tote kommen: nicht als Körper, sondern als Erzählung.

So wird Jean für mich zur Brücke zwischen beingloco und bestforming. Er steht für das Recht auf Übermut, der nicht zerstört, sondern baut; für die Erlaubnis, nicht erst „erwachsen“ werden zu müssen, um ernsthaft zu sein; und für den Beweis, dass ein Mensch zugleich Gründer und Vater, Impuls und Verpflichtung, Bühne und Küche sein kann.

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Und weil alle vier Mentoren tot sind, verstärkt sich der psychographische Druck dieses Abschnitts: Der Auftrag bleibt, aber die Instanz fehlt. Der Trost bleibt, aber die Stimme ist nicht mehr verfügbar. Daraus entsteht jene Mischung aus Dank und Schuld, aus Erlaubnis und Last, die dieses Werk – und seine Entstehung – nicht nur begleitet, sondern antreibt. Ich muss mich selbst autorisieren, weil die Autoritäten fehlen. Und ich tue es, indem ich sie in Figuren verwandle – nicht um sie festzuhalten, sondern um weiter mit ihnen sprechen zu können.

Dass diese vier Mentoren tot sind, macht meine Widmung zu einem kleinen Totenreich am Eingang des Buches. Im “Zauberberg” ist das Sanatorium ein Ort, an dem Zeit, Krankheit und Tod ständig anwesend sind – auch wenn man sich mit Tischmanieren, Diskussionen und Festen dagegen wehrt. In „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ ist die Sonnenalp der Ort, an dem Optimierung die Krankheit maskiert. Meine Widmung aber zeigt: Der Tod ist nicht maskiert. Er ist der stille Hintergrund, vor dem der Satz „endlich zufrieden mit mir“ überhaupt erst Sinn bekommt.

Und so bilden Widmung und Empfangshallenspruch eine Doppelklammer: Hier das entnommene – oder genauer: verschwundene – Verweilen, dort die abwesenden Mentoren. In beiden Fällen wird etwas, das beruhigen könnte, entzogen. Und genau dadurch entsteht die Energie, die dieses Werk trägt: eine Unruhe, die nicht zerstören will, sondern schaffen muss.

Teil 4 – Die Verwandlung der Mentoren in Romanfiguren

Die Mentoren sind in meinem Buch nicht nur genannt; sie sind verwandelt. Das ist ein entscheidender Punkt, weil Verwandlung eine der saubersten Formen von Literatur ist: Ich sage nicht einfach „Das war so“, ich zeige „So fühlt es sich an, wenn es so war“. Und weil ich diese vier Toten nicht als Fußnoten, sondern als innere Instanzen erlebe, musste ich sie so in den Text bringen, dass sie im Roman weiterwirken können: nicht als biografische Belege, sondern als Prinzipien, die Szenen kippen, Tonlagen färben, Entscheidungen biegen.

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Joachim (Goth) erscheint in meinem Roman nicht als Lehrergestalt mit Kreidefinger und Klassenbuch; er erscheint als Haltung, und zwar als jene seltene Haltung, die Ordnung nicht mit Druck verwechselt. Wenn ich an Joachim als Latein- und Griechischlehrer denke, denke ich nicht zuerst an Vokabeln, sondern an eine Atmosphäre: Latein „ohne Druck“, Märchen aus aller Welt, eine Bildung, die nicht knebelt, sondern öffnet. Diese Erfahrung ist in meinem Roman nicht als „Schulszene“ abgelegt, sondern als Erzähltechnik: Plötzlich stehen dort Geschichten, die wie aus einem Unterricht mitgebracht wirken, ohne Unterricht zu spielen – Chamäleon am Bergsee, Esel und Tiger vor dem Löwen, kleine Lehrstücke, die nicht dozierend sind, sondern trösten, warnen, ordnen, ohne zu bestrafen. Joachim wird für mich im Roman zum Prinzip, dass man etwas Ernstes sagen darf, ohne die Person klein zu machen, die es hören muss.

Und dann gibt es die zweite, schärfere Verwandlung, die mir selbst im Schreiben wie eine Mannsche Pointe vorkam, weil sie zugleich rührend und unerquicklich ist: Joachim wird wörtlich, indem aus der moralischen „Aufrecht-Haltung“ eine körperliche wird. In meiner Widmung steht der Satz „im Stehen sterben“, und im Text taucht Kautsonik auf, der im Stehen sterben möchte, in der Empfangshalle, im Dienst, als wäre das Stehenbleiben die letzte, würdige Form des Bleibens. Das ist keine 1:1-Übertragung, verehrte Leserin, verehrter Leser; es ist eine Übersetzung. Joachim, der mich als Schüler und später als Freund hielt, wird zur Figur des Haltens in einem Hotel, das vom Kommen und Gehen lebt. Sogar die intime Erfahrung des Griechisch-Leistungskurses – zwei Schüler, ein Lehrer, kein Publikum, nur Begegnung – findet eine stille Entsprechung in den Bibliotheks- und Gesprächsräumen meines Romans: Orte, an denen nicht „die Menge“ entscheidet, sondern das Gegenüber. Und selbst unsere gemeinsame politische Idee – platonische Demokratie, zufällig geloste Vertreter – klingt als Unterton mit, wann immer ich Zufall und Ordnung ineinander schiebe: Schaltabend, Schwelle, System-2-Ethik. Joachim ist damit nicht nur eine Figur hinter meinem Text; er ist eine Grammatik meines Textes: Ordnung als Güte.

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Werner (Kieser) wird in meinem Roman am sichtbarsten zur Figur, weil er sich zur Kunstfigur verdichten ließ – schon im Namen. Prof. Zieser ist nicht Werner Kieser, und er ist nicht Frank Zane; er ist die literarische Fusion: Körperästhetik und Systemethik, Bühne und Maschine, Disziplin und Eleganz. Wer Werner kannte, kennt auch diese besondere Mischung aus Ruhe und Hartnäckigkeit: die Beharrung, die nicht laut ist, sondern konsequent. Genau das ist Zieser in der Welt der Sonnenalp: ein Mann, der Training so erklärt, als sei es ein stilles Gesetz, und der gerade dadurch wie ein Priester der Moderne wirkt – nicht weil er Pathos hat, sondern weil er Wiederholung ernst nimmt.

Dass Werner immer auf einer Unterscheidung bestand – Geräte, nicht Maschinen; sie machen nichts von allein – ist in meinem Roman nicht bloße Pedanterie, sondern Metaphysik. Die Apparate sind überall, ja; aber ohne menschliche Tat bleibt alles leere Kulisse. Der Würfel, der GYMcube, ist die räumlich gewordene Kieser-Idee: klein, sauber, hartnäckig, eine Struktur, die das Chaos nicht wegredet, sondern ihm eine Form anbietet, in der man handeln kann. Und weil Werner für mich nie nur „Training“ war, sondern auch Unternehmer-Mentor, schwingt im Zieser-Komplex immer Franchising als Meta-Handwerk mit: die Idee, dass man nicht nur ein System betreiben, sondern Systeme bauen kann.

Dass ich den GYMcube mit Werner als Franchise entworfen habe, schimmert im Roman durch, wenn der Cube nicht nur Trainingsraum ist, sondern Produktionszelle: ein standardisiertes Ritual im Hotelbetrieb – und damit zugleich eine ironische Spiegelung meiner Herstellungsweise des Romans selbst. Und Werners wichtigster Satz, der in meinem Leben als Gegenmittel gegen Ungeduld steht – „Seien Sie geduldig, lieber Herr Erhardt, Sie sind noch so jung und haben noch so viel Zeit“ – wirkt wie eine unsichtbare Regieanweisung hinter Ziesers didaktischer Härte: erst der Königssatz, dann die Backoffs; erst der Prozess, dann die Fantasie. Zieser ist damit nicht nur Trainingsfigur. Er ist die ins Literarische gehobene Erlaubnis, dass Geduld kein Aufgeben ist, sondern die einzige Art, lange genug zu leben, um überhaupt etwas zu schaffen.

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Ulrich (Borucki) ist in meinem Roman nicht als Person „aufgeführt“, sondern als Funktionsspur verteilt – und gerade diese Verteilung ist seine präziseste literarische Verwandlung. Denn Ulrich war biografisch selbst ein Mensch, der Rollen mischte: Dermatologe, Ernährungsberater (Metabolic Balance), ADHS-Verhaltenstherapeut, Diagnostiker aus einem zufälligen Kennenlernen heraus – und zugleich jemand, dessen Praxis die Ambivalenz der Moderne in sich trug: Hilfe und Abrechnung, Erkenntnis und blinder Fleck, Methode und Markt. Aus so einer Figur kann man im Roman keinen „Therapeuten im Sessel“ machen, ohne zu lügen; also musste ich Ulrich als Struktur in den Text schreiben: als etwas, das überall wirkt, ohne sich eindeutig zu zeigen.

Ein Teil von Ulrich lebt in Dr. AuDHS: in der Fähigkeit, zu sehen, zu benennen, zu übersetzen; in der Idee, dass Sprache und Systematik Rettung sein können, weil sie Chaos in Module überführen, ohne den Menschen zu verraten. Ein anderer Teil lebt in Dr. Porsche: in der medizinischen Ästhetik der Optimierung, in der Nähe von Notwendigkeit und Angebot, in jener glatten Professionalität, die zugleich einen Riss hat – weil sie weiß, dass Gewinnlogik und Heilversprechen sich manchmal zu gut verstehen. Der reale Arzt meiner Sonnenalp ist ein anderer Typ; aber in der Romanwelt brauchte ich diese Mischfigur, weil ich genau diese Gegenwart beschreibe, in der sich Hilfe und Geschäft, Praxis und Markt nicht sauber trennen lassen.

Und dann gibt es den vielleicht wichtigsten Ulrich-Schatten, der meinem Roman seine Wahrhaftigkeit gibt: den blinden Fleck. Ulrich sah das ADHS, aber nicht den Autismus; er half mir, “abzudocken”, Grenzen zu spüren, aber er konnte das Ganze nicht vollständig einordnen. Genau daraus entsteht im Text der Grundton, dass nicht alles „durch Methode“ heil wird, selbst wenn es nach Methode schreit. Der Ring kann Werte liefern, der Plan kann Rituale liefern, der Vortrag kann Evolution erklären – und doch bleibt eine Zone, in der Bedeutung nicht messbar ist. Ulrich wird so zur unsichtbaren Quelle eines Romansatzes, der nie ausgesprochen werden muss, weil er überall wirkt: Alles ist erklärbar, aber nicht alles ist erquicklich.

Jean (Rennette) wird in meinem Roman nicht als handelnde Figur eingeführt, sondern als erzählte Präsenz – und das ist entscheidend. Denn Jean ist nicht der Barbier; der Barbier ist der Überträger, der Träger einer Stimme, die nicht mehr im Raum sitzen kann, aber im Raum gehört werden kann. Die Mentorenschaft geschieht hier also nicht durch „Unterricht“, sondern durch Narration: Jemand erzählt von Jean, und durch das Erzählen wird Jean wieder wirksam.

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