Das Damenwahl-Optimum im Nash-Beispiel

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Die berühmte Barszene aus A Beautiful Mind wirkt wie ein eleganter Moment mathematischer Erleuchtung. Fünf Männer sehen fünf Frauen. Eine von ihnen gilt in der Logik der Szene als die begehrteste. Der Film lässt John Nash erkennen: Wenn alle Männer ihr nachstellen, blockieren sie sich gegenseitig. Wenn sie sie gemeinsam meiden, haben sie bessere Chancen bei den anderen.

Das klingt nach Spieltheorie. Es klingt nach Nash. Es klingt nach jener kühlen Einsicht, dass individuelle Konkurrenz manchmal kollektive Dummheit erzeugt.

Nur ist ausgerechnet diese Filmszene formal kein Nash-Gleichgewicht.

Warum die Filmstrategie kein Nash-Gleichgewicht ist

Ein Nash-Gleichgewicht liegt vor, wenn niemand sich durch eine einseitige Abweichung verbessern kann, solange alle anderen bei ihrer Strategie bleiben. Genau daran scheitert die Filmstrategie.

Wenn alle Männer die attraktivste Frau meiden, entsteht sofort ein Abweichungsanreiz. Ein einzelner Mann kann doch zu ihr gehen. Da alle anderen sie meiden, wäre er ihr einziger Bewerber. Unter den vereinfachten Annahmen der Filmszene bekäme er also gerade jene Partnerin, die alle ursprünglich bevorzugt haben.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist der zentrale mathematische Haken. Die Strategie „alle meiden sie“ ist nicht stabil, weil jeder einzelne Mann einen Grund hat, auszuscheren. Mehrere spieltheoretische Kommentare zur Szene weisen genau auf diesen Fehler hin: Die Filmszene popularisiert eine richtige Intuition über strategische Abhängigkeit, aber sie zeigt nicht das, was sie zu zeigen behauptet. Sie zeigt kein Nash-Gleichgewicht.

Eine gut lesbare Analyse dieses Fehlers findet sich etwa bei Law & Liberty über den spieltheoretischen Fehler in A Beautiful Mind. Auch die Lehrmaterialien von SERC erklären die Szene als didaktisch nützlich, aber formal problematisch: SERC zur Barszene und zum Nash-Gleichgewicht.

Das 5×5-Modell: Wie viele Paare entstehen wirklich?

Nehmen wir die Filmszene als vereinfachtes 5×5-Modell: fünf Männer, fünf Frauen, vollständige Hetero-Paarbildung, keine Seitengespräche, keine komplexen Präferenzen, keine Zeitdynamik. Das ist grob, aber als Gedankenexperiment brauchbar.

Dann ergeben sich vier verschiedene Fälle:

VerfahrenErfolgreiche PaareNash-stabil?
Alle fünf Männer gehen zur attraktivsten Frau0 nach der filmischen AbweisungslogikNein
Alle meiden sie und verteilen sich auf vier andere FrauenHöchstens 4Nein
Genau ein Mann geht zu ihr, die übrigen zu unterschiedlichen Frauen5Ja, unter den vereinfachten Filmannahmen
Sie wählt zuerst einen Mann, anschließend werden die übrigen vier Paare gebildet5Möglich, aber nicht automatisch garantiert

Der entscheidende Punkt ist: Das effiziente Ergebnis verlangt nicht, dass die begehrteste Frau kollektiv gemieden wird. Es verlangt, dass genau ein Mann zu ihr gehört und die anderen vier Männer sich nicht gegenseitig bei den übrigen vier Frauen blockieren.

Das ist das korrekte effiziente Muster. Nicht alle weg von ihr. Auch nicht alle hin zu ihr. Sondern: genau einer zu ihr, vier andere zu vier anderen.

Das Nash-Gleichgewicht Barszene ist asymmetrisch

Das Nash-Gleichgewicht Barszene ist deshalb nicht die romantisch-kommunistische Männerabsprache des Films: „Wir verzichten alle auf die Schönste.“ Es ist ein asymmetrisches Ergebnis. Einer darf, vier weichen aus.

Das klingt weniger kinotauglich. Es ist aber mathematisch sauberer.

Im vereinfachten Modell gibt es nicht nur ein solches Ergebnis, sondern mehrere. Jeder der fünf Männer könnte derjenige sein, der zur bevorzugten Frau geht. Solange die anderen vier sich konfliktfrei auf die übrigen vier Frauen verteilen, ist die maximale Paarzahl erreicht.

Damit entsteht ein Auswahlproblem. Die Mathematik sagt nicht automatisch, welcher Mann „der eine“ sein soll. Genau hier wird deine Damenwahl-Idee interessant.

Was das Damenwahlverfahren wirklich verbessert

Das Damenwahlverfahren erzeugt gegenüber dem korrekten effizienten Nash-Muster nicht mehr Paare. Fünf Paare sind bei fünf Frauen und fünf Männern bereits das Maximum. Mehr als fünf Paare gibt es in diesem Modell nicht.

Gegenüber der Filmstrategie ist die Verbesserung aber deutlich. Wenn die kollektive Meidung nur vier Paare erzeugt, während die Damenwahl fünf Paare ermöglicht, steigt die binär gemessene Sozialwohlfahrt von acht auf zehn gepaarte Menschen:

SWFilm = 8, SWDamenwahl = 10.

Das ist eine Steigerung um 25 Prozent, wenn Sozialwohlfahrt hier ausschließlich bedeutet: Wie viele Menschen sind erfolgreich gepaart?

Doch die stärkere Pointe liegt woanders. Das Damenwahlverfahren löst nicht primär ein Mengenproblem. Es löst ein Macht- und Selektionsproblem. Es entscheidet, wer der eine Mann sein soll, der zur bevorzugten Frau gehört. Und diese Entscheidung fällt nicht durch männliche Konkurrenz, nicht durch Zufall und nicht durch ein stillschweigendes Kartell der Männer, sondern durch sie selbst.

Sie wird von einem passiven Preis der Männerkonkurrenz zu einer strategischen Akteurin.

Mehr Paare bedeuten nicht automatisch mehr Zufriedenheit

Damit der Gedanke sauber bleibt, muss man eine wichtige Einschränkung festhalten: Mehr Paare bedeuten nicht automatisch mehr Gesamtzufriedenheit.

Wenn die Frau jenen Mann wählt, der sonst leer ausgegangen wäre, und die anderen vier Paare bestehen bleiben, ist das eine eindeutige Pareto-Verbesserung. Zwei Menschen werden besser gestellt, niemand wird schlechter gestellt.

Wählt sie hingegen einen Mann, der bereits einer anderen Frau zugeordnet war, verschiebt sich das Problem. Die bisherige Partnerin dieses Mannes muss neu zugeordnet werden. Sie kann dadurch schlechter gestellt sein. Dann entstehen zwar fünf Paare, aber nicht zwingend mehr Glück, mehr Zufriedenheit oder mehr Nutzen.

Das ist der alte Unterschied zwischen Kardinalität und Wohlfahrt. Die Zahl der Paare ist messbar. Die Qualität der Zuordnung ist anspruchsvoller.

Warum Gale-Shapley die konsequentere Fassung ist

Wenn man die patriarchale Logik der Filmszene wirklich verlassen will, reicht eine einzelne Erstwahl nicht aus. Dann brauchen alle Beteiligten eigene Präferenzen und ein Ablehnungsrecht. Nicht nur die Männer wählen. Nicht nur eine Frau wählt. Alle haben Strategien, Präferenzen und die Möglichkeit, Nein zu sagen.

Genau dafür ist das Stable-Matching-Problem einschlägig. Der klassische Bezug ist der Aufsatz von David Gale und Lloyd Shapley, College Admissions and the Stability of Marriage. Dort wird gezeigt, dass unter bestimmten Bedingungen stabile Zuordnungen existieren und durch ein Vorschlags- und Ablehnungsverfahren gefunden werden können.

In einer fraueninitiierten Variante machen Frauen Angebote, Männer können vorläufig annehmen oder ablehnen, und abgewiesene Frauen wählen weiter. Bei vollständigen Präferenzlisten und allgemeiner gegenseitiger Akzeptabilität entsteht ein vollständiges stabiles Matching. Außerdem ist das Ergebnis für die vorschlagende Seite unter den stabilen Zuordnungen optimal.

Das ist die eigentlich konsequente nichtpatriarchale Version. Nicht: Die begehrteste Frau darf einmal wählen. Sondern: Alle Frauen und Männer erhalten Präferenzen, Vorschlagsmacht und Ablehnungsrechte.

Die Pointe: Nicht Nash liegt falsch, sondern der Film

Die präziseste Schlussfolgerung lautet also: Nicht Nash liegt falsch. Die Filmszene bildet sein Gleichgewicht formal falsch ab.

Das korrekte effiziente Ergebnis im vereinfachten 5×5-Spiel lautet: Genau ein Mann geht zur bevorzugten Frau, vier Männer bilden vier weitere Paare. Das ist kardinal optimal. Das Damenwahlverfahren erzeugt gegenüber diesem Ergebnis nicht mehr Paare, sondern eine andere Auswahl desselben effizienten Ergebnistyps.

Und genau darin liegt sein Wert.

Es verschiebt die Frage von „Wie koordinieren sich Männer, damit sie erfolgreicher sind?“ zu „Wer darf eigentlich entscheiden, welches effiziente Gleichgewicht gilt?“

Diese Verschiebung ist klein genug, um mathematisch präzise zu bleiben, und groß genug, um die Szene politisch umzudrehen. Das Damenwahl-Optimum ist kein sechstes, noch besseres Gleichgewicht. Es ist die klügere Auswahl zwischen mehreren effizienten Gleichgewichten.

Oder etwas zugespitzter: Die Filmszene entdeckt nicht die Kooperation. Sie vergisst die Frau. Die mathematische Korrektur besteht darin, sie wieder als Spielerin einzusetzen.

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