Wurst für die Kinder, Zucker für die Erwachsenen: Warum Wespen im August beides wollen

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Am Gartentisch wirkt die Sache oft widersprüchlich. Eben noch sitzt eine Wespe auf der Wurst, kurz darauf interessiert sie sich für Limonade, Kuchen oder den süßen Rand am Marmeladenglas. Und irgendwo im Hinterkopf liegt die bekannte Sommerregel: Erst wollen Wespen Fleisch, später Zucker.

Diese Regel stimmt im Kern, aber sie ist zu grob. Es gibt keinen festen Schalter im Wespenstaat, der irgendwann von „Wurst“ auf „Zucker“ umgelegt wird. Viel präziser ist eine andere Unterscheidung: Zucker ist vor allem Treibstoff für die erwachsenen Wespen. Fleisch, Insekten und andere Eiweißquellen sind überwiegend Nahrung für die Larven.

Darum kann Anfang August beides gleichzeitig stimmen: starke Begeisterung für Süßes und ein auffälliges Interesse an Wurst, Schinken oder Grillfleisch. Das ist kein biologischer Widerspruch, sondern meist die Phase des höchsten Gesamtbedarfs.

Wespen im August suchen nicht entweder Wurst oder Zucker

Der Denkfehler steckt im Wort „oder“. Wespen im August suchen nicht entweder Wurst oder Zucker. Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben für unterschiedliche Mitglieder ihres Staates.

Die erwachsenen Arbeiterinnen brauchen vor allem schnell verfügbare Energie. Dafür nutzen sie Kohlenhydrate: Nektar, Honigtau, Pflanzensäfte, Fallobst, Limonade, Kuchen, Eis oder andere süße Quellen. „Zucker“ ist in diesem Zusammenhang also eine alltagstaugliche Kurzform für kohlenhydratreiche Nahrung.

Eiweiß dagegen spielt vor allem für die Brut eine Rolle. Die Larven wachsen, und Wachstum braucht Protein. In der Natur bedeutet das vor allem erbeutete Insekten. Am menschlichen Tisch können aber auch Wurst, Fleisch, Fisch oder andere Speisereste als Ersatzquelle interessant werden. Für uns sieht es dann aus, als habe die Wespe plötzlich Appetit auf Grillbuffet.

Eigentlich ist sie eher Lieferdienst.

Zucker ist Treibstoff für die Erwachsenen

Eine fliegende Arbeiterin ist ein kleines Hochleistungsgerät. Sie sucht Nahrung, verteidigt das Nest, pflegt die Brut, reguliert Temperatur und fliegt immer wieder zwischen Futterquelle und Nest hin und her. Dafür braucht sie Energie, und die bekommt sie aus Kohlenhydraten.

Studien zu Vespula-Wespen beschreiben kohlenhydratreiche Quellen wie Nektar, Honigtau, Pflanzensäfte und menschliche Lebensmittel als wichtige Energieressourcen für erwachsene Tiere. Das passt sehr gut zu der Beobachtung, dass süße Getränke und reifes Obst nicht erst im Herbst interessant werden, sondern grundsätzlich immer eine Rolle spielen.

Der Unterschied liegt eher in der Sichtbarkeit. Solange viel Brut im Nest ist, fällt uns die Proteinsuche stärker auf: Wespen schneiden Stücke aus Wurst oder Fleisch, jagen Insekten oder tragen Futter zurück. Später, wenn weniger Larven versorgt werden müssen, tritt die Suche nach Zucker deutlicher in den Vordergrund.

Eiweiß ist Kinderessen

Die proteinreiche Nahrung ist vor allem Larvennahrung. Erwachsene Wespen selbst können feste Eiweißbrocken nicht in derselben Weise verwerten wie die Brut. Sie zerkleinern Beute oder Fleisch, transportieren es ins Nest und verfüttern es dort an die Larven.

Das erklärt, warum die Wurst am Tisch für die Wespe nicht einfach „lecker“ ist, sondern funktional. Ein kleines Stück Fleisch ist Material für den Nachwuchs. In einem wachsenden Volk kann der Bedarf enorm sein, denn jede Larve ist ein hungriger kleiner Proteinempfänger.

Der Naturschutzbund weist in seinen Wespeninformationen entsprechend darauf hin, dass Wespen zwar süße Stoffe nutzen, zur Aufzucht ihrer Brut aber eiweißhaltige Nahrung wie Insekten, Speisereste oder Fleisch benötigen. Besonders auffällig werden dabei nur wenige Arten, vor allem die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe.

Die Larven geben auch etwas zurück

Der Wespenstaat funktioniert nicht als Einbahnstraße. Arbeiterinnen füttern Larven, aber Larven geben den Arbeiterinnen ebenfalls Nahrung zurück: eine nährstoffhaltige Flüssigkeit. Diese gegenseitige Fütterung heißt Trophallaxis.

Das ist keine bloße Gartenerzählung. Hunt, Baker und Baker untersuchten die biochemische Grundlage dieser Trophallaxis bei sozialen Wespen und beschäftigten sich mit der Zusammensetzung von Larvenspeichel, Nektar und den darin enthaltenen Nährstoffen.

Die praktische Folge ist interessant: Solange viele Larven im Nest sind, erhalten Arbeiterinnen aus dem Nestsystem selbst eine Art Rückfluss. Wenn die Brut später zurückgeht, verändert sich auch dieses Verhältnis. Dann sinkt der Eiweißbedarf des Staates, während der Energiebedarf der erwachsenen Arbeiterinnen weiterhin besteht. Die Suche nach Zucker wirkt nach außen hin deshalb immer auffälliger.

Warum Anfang August beides besonders stark sein kann

Anfang August ist für viele Wespennester keine gemütliche Nachsaison. Häufig erreicht das Volk jetzt eine sehr große Stärke. Es gibt viele Arbeiterinnen, noch Brut im Nest und oft auch die Aufzucht neuer Königinnen und Männchen.

Das bedeutet: Der Staat braucht Energie und Baumaterial, Jagderfolg und Kohlenhydrate, Protein für Larven und Zucker für Erwachsene. Wer in dieser Zeit gleichzeitig Wespen an Wurst und an Limonade beobachtet, sieht also keine Ausnahme von der Regel. Er sieht die Regel in ihrer vollständigeren Form.

Die oft erzählte Verschiebung zur Zuckersuche ist eher eine spätere Tendenz. Wenn weniger Larven vorhanden sind, wird weniger Protein gesammelt. Zugleich bleiben erwachsene Arbeiterinnen auf Kohlenhydrate angewiesen. Dann fallen sie uns besonders an süßen Quellen auf: überreifes Obst, Saft, Kuchen, Eis, Limonade.

Der Kalender ist nur eine Faustregel

Für Deutschland lässt sich der Jahresverlauf grob so beschreiben: Im Frühjahr gründet die Königin das Nest und versorgt die ersten Larven. Im Juni und Juli wächst das Volk, der Proteinbedarf steigt. Im August und frühen September können Zucker- und Eiweißsuche parallel sehr stark sein. Später wird die Zuckersuche auffälliger, bis der Staat im Herbst zusammenbricht.

Aber ein Wespennest liest keinen Kalender. Wetter, Region, Art, Nahrungsangebot und Entwicklungsstand des jeweiligen Volkes können den Ablauf verschieben. Ein kühles Frühjahr, ein heißer Sommer, viele oder wenige Beuteinsekten, reichlich Fallobst oder eine gut erlernte Futterstelle am Terrassentisch verändern das konkrete Verhalten.

Auch Erfahrung spielt eine Rolle. Experimente mit der Deutschen Wespe zeigen, dass Sammelentscheidungen nicht starr sind. Kohlenhydrate werden sehr verlässlich angenommen, während die Bereitschaft zur Proteinsuche stärker von Erfahrung und Rückmeldungen aus dem Nest beeinflusst werden kann.

Nicht jede Wespe ist ein Tischgast

Ein weiterer Punkt geht im Alltagsärger oft unter: Die typischen Besucher an Kuchen, Wurst und Limonade sind fast immer nur wenige Arten. In Deutschland fallen vor allem die Gemeine Wespe und die Deutsche Wespe am menschlichen Essen auf. Viele andere heimische Wespenarten interessieren sich kaum für unsere Speisen oder bleiben so unauffällig, dass sie gar nicht als Problem wahrgenommen werden.

Das ist wichtig, weil „die Wespen“ im Alltag schnell zu einer einzigen nervigen Kategorie verschmelzen. Biologisch ist das zu grob. Manche Arten jagen andere Beute, manche haben andere Nestgewohnheiten, viele bleiben deutlich friedlicher oder diskreter. Der Konflikt am Tisch ist also nicht repräsentativ für alle Wespen, sondern vor allem für zwei besonders anpassungsfähige Arten.

Die bessere Faustregel

Die präziseste Kurzform lautet: Wurst ist hauptsächlich Futter für die Kinder, Zucker Treibstoff für die Erwachsenen.

Solange viel Brut vorhanden ist, sammeln Wespen beides. Wenn die Brut ausläuft, sinkt der Proteinbedarf, und die Suche nach Zucker wird sichtbarer. Deshalb ist Anfang August gerade keine klare Entweder-oder-Phase, sondern oft der Moment, in dem der Wespenstaat auf mehreren Kanälen gleichzeitig arbeitet.

Wer das verstanden hat, sieht die Tiere am Tisch vielleicht immer noch nicht gern. Aber er sieht sie genauer. Die Wespe auf der Wurst ist nicht launisch, und die Wespe am Kuchen hat nicht plötzlich ihre Ernährung umgestellt. Beide folgen derselben Logik: Der Staat braucht Eiweiß für die Larven und Energie für die Erwachsenen.

Der Sommermythos braucht also nur eine kleine Korrektur. Nicht: erst Wurst, dann Zucker. Sondern: Wurst für die Kinder, Zucker für die Erwachsenen — und im August oft beides auf einmal.

Quellen und weiterführende Informationen: NABU Holzminden zu Wespen, Ernährung und Arten, NABU Ober-Erlenbach zu Wespen am Essenstisch, Hunt, Baker & Baker zur Trophallaxis bei sozialen Wespen, Mattiacci et al. zu Protein- und Kohlenhydratsuche bei Vespula germanica sowie Scientific Reports zur Kohlenhydrat-Responsivität bei Vespula-Wespen.

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