Wenn alle Erwachsenen falschliegen

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Zwei Mädchen sitzen vor dem Fernseher und lachen.

Nicht laut, nicht ausgelassen, nicht so, wie Kinder lachen, wenn ein Erwachsener auf einer Bananenschale ausrutscht. Eher erleichtert. Fast ein wenig erschrocken über die eigene Erleichterung.

Auf dem Bildschirm spielt Loriot. Hedwig und Hellmuth treten auf, dieses Ehepaar aus einer Welt, in der niemand schreit, niemand offen widerspricht und niemand wirklich anwesend sein muss. Alles ist höflich, alles ist geordnet, alles ist entsetzlich.

Die beiden Mädchen erkennen etwas, bevor sie es erklären könnten: Auch diese Harmonie stimmt nicht.

Das Haus, in dem Streit nicht vorkommen darf

In dem Haus, aus dem sie kommen, darf Streit eigentlich nicht vorkommen. Jedenfalls nicht sichtbar. Man darf sich nichts nachsagen lassen. Dieser Satz ist keine kleine Benimmregel, sondern eine ganze Familienordnung.

Er bedeutet: Was nach außen dringt, ist gefährlich. Was andere sehen könnten, muss kontrolliert werden. Nicht die Verletzung ist zuerst das Problem, sondern ihr Sichtbarwerden.

In einer konkreten pietistisch geprägten Familienkultur kann diese Logik besonders wirksam werden, ohne dass man daraus eine Pauschaldiagnose über den Pietismus machen müsste. Es geht hier nicht um eine Religion als solche. Es geht um eine bestimmte häusliche Ordnung, in der Unbescholtenheit wichtiger werden kann als Verständigung.

Die Eltern verwechseln dabei drei Dinge, die nicht dasselbe sind: das Vorhandensein einer Meinungsverschiedenheit, deren Sichtbarkeit und ihre destruktive Austragung.

Gerade diese Verwechslung macht das Haus so eng. Denn wenn schon die Sichtbarkeit eines Konflikts als Niederlage gilt, kann niemand mehr lernen, einen Konflikt gut zu führen.

Der Streit, der den Streit diskreditiert

Natürlich ist der Streit der Eltern nicht harmlos. Er ist nicht einfach ein lebendiges Ringen zweier Menschen, die verschieden wahrnehmen, verschieden fühlen, verschieden wollen.

Er ist Kränkung. Unterstellung. Rückzug. Machtprobe. Manchmal Sieg, manchmal Unterwerfung, selten Verständigung.

Der Fehler liegt also nicht darin, dass es eine Differenz gibt. Der Fehler liegt darin, was aus der Differenz gemacht wird. Eine Wahrnehmung muss die andere besiegen. Eine Stimme muss recht behalten. Eine Person muss am Ende kleiner sein als vorher.

Damit erzeugen die Eltern selbst die scheinbare Evidenz für ihr Ideal. Weil Streit bei ihnen destruktiv wird, scheint Streit an sich beschämend zu sein. Weil er beschämend ist, darf man nicht offen über ihn sprechen. Weil man nicht offen über ihn sprechen darf, wird er schlechter. Und weil er schlechter wird, bestätigt er immer wieder die Angst, aus der er kommt.

Sie schützen nicht die Beziehung vor ihrer Zerstörung, sondern den Ruf der Familie vor dem Sichtbarwerden dieser Zerstörung.

Wenn Streitlosigkeit wie Erlösung aussieht

Für Kinder, die Streit nur als Zerstörung kennen, muss Streitlosigkeit zunächst wie Erlösung aussehen.

Wie schön wäre eine Welt, in der niemand die Stimme hebt. In der keine Türen zufallen. In der kein Kind zum Boten, Dolmetscher oder Seismografen der Erwachsenen wird.

Genau hier setzt Loriot an. Nicht mit einer therapeutischen Erklärung, nicht mit einem Familienratgeber, sondern mit einer Szene, die etwas entlarvt. In Pappa ante portas erscheinen Hedwig und Hellmuth als Gegenbild zur lauteren, gereizteren, sichtbareren Ehe von Heinrich und Renate Lohse.

Aber dieses Gegenbild ist keine Rettung. Es ist nur die andere Seite desselben Fehlers.

Wo die streitenden Eltern Differenz in Angriff verwandeln, verwandeln Hedwig und Hellmuth Differenz in ein Versehen. Wenn jemand etwas anderes erinnert, meint oder will, war es eben irrtümlich. Die Abweichung wird nicht bekämpft. Sie wird geräuschlos zurückgenommen.

Das ist höflicher als ein Streit. Aber es ist nicht freier.

Eineiig, nicht einig

Darum sind die Zwillinge keine Dekoration. Sie sind die genaueste denkbare Besetzung für diese Erfahrung.

Eineiig bedeutet nicht einig.

Gerade zwei Menschen mit größtmöglicher biologischer Ähnlichkeit können wissen, dass Nähe und Gleichheit nicht dasselbe sind. Sie können denselben Raum teilen, dieselben Eltern, denselben Fernsehabend, dieselbe angespannte Luft im Haus. Und dennoch bleiben sie zwei Personen.

Vielleicht bemerkt eine etwas zuerst. Vielleicht lacht eine früher. Vielleicht sieht die andere erst zu ihr hin und versteht dann, dass auch sie es gesehen hat.

Dieser Blick zwischen ihnen ist entscheidend. Er sagt nicht: Wir sind eins. Er sagt: Du siehst es auch.

Die Mädchen widerlegen durch ihre bloße Existenz das Ideal von Hedwig und Hellmuth. Man kann einander sehr ähnlich sein und trotzdem verschieden. Man kann nah sein, ohne deckungsgleich zu werden. Man kann verbunden sein, ohne sich selbst zurückzunehmen.

Hedwig und Hellmuths falscher Frieden

Hedwig und Hellmuth sind komisch, weil sie keinen offenen Krieg führen. Sie sind unheimlich, weil dieser Frieden etwas kostet.

Die Beziehung scheint vollkommen abgestimmt. Aber sie ist es nur, weil Verschiedenheit nicht wirklich vorkommen darf. Die Abweichung wird nicht ausgetragen, sondern annulliert. Eine Erinnerung, ein Gedanke, ein Impuls kann verschwinden, ohne dass etwas laut wird.

Das ist Loriots Präzision. Er macht nicht einfach die brüllenden, verletzenden, übergriffigen Erwachsenen lächerlich. Er zeigt auch die Erwachsenen, die so korrekt sind, dass sie gar nicht mehr streiten müssen, weil längst klar ist, wer sich anpasst.

Der vorhandene Ausgangstext „Loriot und die Würde des Streits“ hat diesen Punkt bereits an Dieter und an Hellmuths verräterischem „irrtümlich“ markiert: Dieter wird zum Kommunikationskanal der Eltern, Hellmuth zum Verwalter einer Harmonie, in der das Abweichende nur noch als Fehler erscheinen darf.

Für die Mädchen entsteht daraus eine überraschende Entlastung. Sie müssen nicht glauben, dass die Alternative zu verletzendem Streit eine Welt ohne Eigenständigkeit ist.

Zwei Fehler, keine Wahl

Die Erwachsenen haben ihnen zwei Modelle angeboten.

Im ersten Modell wird Differenz zum Angriff. Wer anders sieht, anders fühlt oder anders erinnert, gefährdet die Beziehung. Liebe wird unsicher, sobald Verschiedenheit sichtbar wird.

Im zweiten Modell wird Differenz zum Irrtum. Wer anders sieht, anders fühlt oder anders erinnert, muss sich korrigieren. Liebe bleibt nur stabil, solange niemand auf der eigenen Wahrnehmung besteht.

Diese beiden Modelle sind nicht notwendig gleich schädlich. Aber sie beruhen auf demselben Beziehungsfehler: Zwei eigenständige Wahrnehmungen dürfen nicht nebeneinander bestehen.

Im einen Fall muss eine besiegt werden. Im anderen Fall muss sie geräuschlos verschwinden.

Die falsche Alternative lautet also nicht einfach Streit oder Harmonie. Sie lautet: Zerstörung oder Selbstverleugnung.

Und genau aus dieser Alternative befreit Loriot die beiden Kinder.

Die nicht gezeigte dritte Welt

Das Merkwürdige ist: Loriot zeigt die dritte Möglichkeit gar nicht unmittelbar.

Er zeigt kein ideales Paar, das vorbildlich kommuniziert. Kein versöhnliches Gespräch am Küchentisch. Keine Szene, in der jemand sagt: Ich sehe das anders, aber ich bleibe bei dir.

Vielleicht wäre das auch zu einfach. Vielleicht wäre es sogar weniger wahr.

Stattdessen räumt Loriot gedanklich Platz frei. Er demontiert beide falschen Erwachsenenmodelle. Er zeigt, dass zerstörerischer Streit kein Beweis gegen Verschiedenheit ist. Und er zeigt, dass perfekte Harmonie kein Beweis für Liebe ist.

Erst dadurch wird die dritte Welt denkbar: Verschiedenheit ohne Entwürdigung. Konflikt mit Reparatur. Bindung ohne Gleichschaltung.

Auch die Forschung zu elterlichen Konflikten unterscheidet nicht sinnvoll zwischen „Streit“ und „kein Streit“, sondern zwischen destruktiven und konstruktiven Formen des Konflikts. Studien zu interparentalen Konflikten und emotionaler Sicherheit von Kindern arbeiten genau mit dieser Differenzierung: Nicht jede sichtbare Meinungsverschiedenheit hat dieselbe Bedeutung, und nicht jede äußerliche Ruhe ist schon Sicherheit.

Das heißt nicht: Streit vor Kindern ist gut. Es heißt: Die Qualität des Streitens zählt. Ob Kinder erleben, dass Differenz in Beschämung endet, oder ob sie erleben, dass Menschen nach einer Differenz wieder zueinander finden, ist ein erheblicher Unterschied.

Was das Lachen schon wusste

Die Mädchen konnten das damals vermutlich nicht so sagen.

Sie konnten keine Theorie über Familienkultur, Scham, Pietismus, Konformität oder Konfliktfähigkeit formulieren. Sie konnten auch nicht sauber zwischen destruktivem Streit, sichtbarer Meinungsverschiedenheit und konstruktiver Reparatur unterscheiden.

Aber sie konnten spüren, dass etwas schief klang.

Der Streit der Eltern war falsch. Die Heimlichkeit machte ihn nicht ungeschehen. Die perfekte Harmonie der anderen Erwachsenen war ebenfalls falsch. Und sie selbst waren weder zu empfindlich noch begriffsstutzig.

Die Erwachsenen hatten ihnen lediglich zwei defekte Modelle als ganze Welt präsentiert.

Darum ist dieses Lachen vor dem Fernseher mehr als eine Kindheitserinnerung. Es ist eine epistemische Entlastung. Loriot repariert das Zuhause nicht. Er schlichtet keinen Streit. Er öffnet keine Tür, hinter der die bessere Familie wartet.

Aber er entthront die Deutungshoheit der Erwachsenen.

Die Mädchen mussten sich nicht zwischen Zerstörung und Selbstverleugnung entscheiden.

Loriot gab ihnen keine heile Welt. Er gab ihnen das Recht, die unheilen für falsch zu halten.

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