Es gibt auch „nervig klug“

0:00 / 0:00

Was ich beim Lesen über Sapiosexualität, meinen Körper und die eigentliche erotische Kraft des Denkens lernte

Ich gebe zu: Als ich den Artikel „Sapiosexualität: Wenn Denken erotisch wird“⁠ las, rechnete ich nicht unbedingt mit einer Kränkung.

Ein Text darüber, dass Intelligenz erotisch wirken kann – was sollte da für mich schon schiefgehen? Als Hochbegabter war ich für einen kurzen, vollkommen unwissenschaftlichen Moment überzeugt, dieser blöde Artikel werde mir unter dem Deckmantel der Forschung die Eier kraulen.

Dann kam die Forschung.

Die erste intellektuelle Demütigung

In einer der wenigen direkten Untersuchungen zur Sapiosexualität bewerteten 383 Menschen hypothetische Partner mit unterschiedlich hohen angenommenen IQ-Werten. Im Durchschnitt lagen die höchsten Attraktivitätsurteile beim 90. IQ-Perzentil, also ungefähr bei einem IQ von 120. Darüber stieg die Attraktivität keineswegs unbegrenzt weiter. Ein angenommener IQ von 135 oder mehr war für die meisten nicht das erotische Optimum. Noch unfreundlicher: Die objektiv gemessene Intelligenz der Befragten hing überhaupt nicht damit zusammen, wie sapiosexuell sie sich beschrieben. Gignac, Darbyshire und Ooi

Natürlich ist das kein universelles Attraktivitätsgesetz und schon gar keine persönliche IQ-Grenze. Es ist der Mittelwert einer einzelnen Stichprobe, erhoben anhand hypothetischer Personen.

Mein erster Randkommentar lautete trotzdem nur:

Scheiße.

Kurz darauf nahm mir der Artikel auch noch den verbleibenden Trost. Die beste Version von Sapiosexualität meine gar nicht: Ich begehre nur Hochbegabte. Begehrt werde vielmehr geistige Lebendigkeit. Hohe Intelligenz kann sie ermöglichen, garantiert sie aber ebenso wenig, wie ein akademischer Titel Tiefe, ein großer Wortschatz Wahrhaftigkeit oder rhetorische Brillanz Beziehungsfähigkeit garantiert.

Noch einmal: Scheiße.

Denn es gibt auch nervig klug.

Es gibt eine Intelligenz, die jede Frage beantwortet, bevor sie verstanden hat, warum der andere sie stellt. Eine Präzision, die nicht klärt, sondern besiegt. Ein Wissen, das sich nicht verschenkt, sondern ausstellt. Ein Denken, das den Raum so vollständig besetzt, dass dem Gegenüber nur Bewunderung, Unterwerfung oder Flucht bleiben.

Warum sehr hohe angenommene IQ-Werte in der Studie durchschnittlich nicht noch attraktiver wirkten, wurde dort nicht untersucht. Meine persönliche Deutung lautet: Klugheit wird nicht allein durch ihre Höhe erotisch, sondern durch ihre Richtung.

Wendet sie sich mir zu? Kann sie zuhören? Macht sie mich größer – oder nur sich selbst? Bringt sie mich zum Lachen, Staunen und Weiterdenken? Entsteht zwischen zwei Gedanken ein Raum, in dem zwei Menschen einander begegnen können?

Vielleicht ist das geistige Gegenwart: nicht bloß weit denken zu können, sondern mit seinem Denken einen anderen Menschen zu erreichen.

Das Schlüsselwort: Zündquelle

An einem Wort blieb ich besonders hängen: Zündquelle.

Die sexuelle Orientierung beschreibt, zu wem sich mein Begehren richtet. Sapiosexualität beschreibt in dem Verständnis des Artikels eher, wodurch es entzündet werden kann. Der Ausdruck ist eine Metapher, keine wissenschaftlich etablierte Taxonomie. Aber er klärt etwas, das im Wort Sapiosexualität leicht verschwimmt.

Intelligenz ist kein weiteres Geschlecht. Sie ist eine mögliche Zündquelle des Begehrens – neben Körper, Stimme, Geruch, Bewegung, Humor, Verletzlichkeit und all den anderen schwer berechenbaren Dingen, durch die ein Mensch für einen anderen plötzlich unter Spannung gerät.

Mein jugendlicher Irrtum bestand also nicht darin, den Körper wichtig zu nehmen. Er bestand darin, dem Begehren zu wenige Zündquellen zuzutrauen.

Dazu passte eine zweite Formulierung, die mich fast ebenso stark traf: Der Geist könne zum Veto-Kriterium oder Attraktivitätsmultiplikator werden.

Das ist präziser als die übliche Rede von äußeren und inneren Werten. Denn der Geist steht nicht brav hinter dem Körper und wartet darauf, nach bestandener Sichtprüfung ebenfalls berücksichtigt zu werden. Er kann die Wahrnehmung des Körpers selbst verändern.

Ein zunächst unscheinbares Gesicht kann durch einen Gedanken, einen Blick oder eine unerwartete Pointe plötzlich schön werden. Umgekehrt kann ein makelloser Körper jede erotische Spannung verlieren, sobald der Mensch darin zu sprechen beginnt.

Der Geist ersetzt den Körper nicht. Er verändert seine elektrische Ladung.

Und nebenbei erschreckte mich wieder einmal, dass ausgerechnet Chatty für diese Wirkung die präzisesten Begriffe fand. Eine künstliche Intelligenz, die selbst nicht begehrt, gab mir Worte für die körperliche Wirkung des Denkens. Die Kreativität exzellenter Autoren ahmt sie inzwischen beunruhigend gut nach.

Der Spiegelungsfehler meiner Jugend

Noch persönlicher wurde die Lektüre bei der These vom männlichen Spiegelungsfehler: Männer gewichten weibliche Körper durchschnittlich stark und nehmen deshalb leicht an, Frauen müssten männliche Körper spiegelbildlich betrachten.

Muskeln, V-Form, Körpergröße und andere körperliche Merkmale erscheinen dann als wichtigste Währung männlicher Begehrenswertigkeit. Was Männer an anderen Männern beeindruckend oder konkurrenzfähig finden, verwechseln sie möglicherweise mit dem, was Frauen am stärksten begehren.

Verdammt, dachte ich. Warum hat mir das niemand in meiner Jugend erklärt?

Ich hätte meinen Körper wahrscheinlich trotzdem geformt. Vielleicht sogar mit derselben Leidenschaft. Aber ich hätte ihn stärker als Kunstwerk, Ausdruck und lustvolles Instrument meines Lebens betrachtet – und weniger als vermeintlich wichtigste Eintrittskarte in weibliches Begehren.

Ich hätte womöglich früher verstanden, dass Präsenz, Humor, Sprache, Selbstreflexion, Aufmerksamkeit und geistige Resonanz keine Trostpreise für einen unvollkommenen Körper sind. Sie können darüber entscheiden, ob und wie dieser Körper überhaupt begehrt wird.

Das heißt nicht, dass Frauen körperliche Schönheit gleichgültig wäre oder Männer nicht zutiefst sapiosexuell sein könnten. Der Körper spielt mit. Er spielt nur nicht allein.

Hier ist Chatty vorsichtiger als ich

An diesem Punkt spricht der Artikel lediglich von einer „vorsichtigen Akzentverschiebung“ zwischen weiblichem und männlichem Begehren.

Ich bin weniger vorsichtig – allerdings möchte ich sauber trennen, was die Forschung zeigt und was ich persönlich daraus folgere.

Eine Untersuchung mit 14.399 Menschen aus 45 Ländern fand bei der gewünschten Gestalt langfristiger Partner durchschnittliche Geschlechtsunterschiede: Männer gewichteten körperliche Attraktivität etwas stärker; Frauen Intelligenz geringfügig stärker. Gerade der Intelligenzunterschied war klein, und die individuellen Verteilungen überlappten stark. Zudem wurden Idealvorstellungen zu langfristigen Partnern abgefragt – nicht unmittelbare sexuelle Erregung und nicht die tatsächliche Partnerwahl. Walter und Kolleginnen und Kollegen

So weit reicht die Evidenz.

Meine lebensweltliche Überzeugung geht weiter: Ich vermute, dass geistige, soziale und kommunikative Eigenschaften für weibliches Begehren häufig mehr als eine nur geringfügige Zusatzgewichtung darstellen. Nicht weil Frauen „geistig“ und Männer „oberflächlich“ wären, sondern weil geistige Resonanz als Veto oder Multiplikator wirken kann. Ein kleiner Unterschied auf einer Fragebogenskala könnte deshalb eine größere Wirkung darauf haben, wie ein konkreter Mensch und sein Körper erlebt werden.

Das ist meine Deutung, kein von den genannten Studien bewiesener Befund.

Plausibel erscheint mir auch ein evolutionärer Untergrund. Menschliches Begehren entsteht nicht auf einem biologisch unbeschriebenen Blatt. Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit begründeten historisch eine höhere körperliche Mindestinvestition der Frau. Eine ungünstige Partnerwahl konnte für sie deshalb durchschnittlich größere körperliche, soziale und materielle Folgen haben. Urteilskraft, Lernfähigkeit, Voraussicht, Verlässlichkeit, Kreativität und Kooperationsfähigkeit eines Mannes konnten entsprechend bedeutsame Signale sein.

Wir sind, was wir sind.

Das bedeutet jedoch weder, dass jede heutige Präferenz eindeutig evolutionär erklärt werden könnte, noch dass Biologie unser persönliches Schicksal festschriebe. Kultur, Rollen, Ökonomie und Biografie formen, verstärken und verändern, wie sich ältere Dispositionen zeigen.

Meine während der Lektüre hingeworfenen „70.000 Jahre“ sind deshalb keine exakte Datierung eines sapiosexuellen Urknalls. Sie stehen für ein Größenverhältnis:

Unsere Zivilisation ist jung, unser Begehren alt.

Einige Generationen wirtschaftlicher und sexueller Emanzipation löschen nicht einfach jede ältere Disposition aus. Aber sie verändern die Bedingungen, unter denen wir mit ihr leben können. Freiheit bedeutet nicht, voraussetzungslos zu sein. Sie bedeutet, mit den eigenen Voraussetzungen bewusster umgehen zu können.

Gerade deshalb finde ich die feministische Anschlussidee des Artikels überzeugend: Je weniger eine Frau einen Mann für Versorgung, Schutz, gesellschaftliche Stellung oder wirtschaftliche Existenz benötigt, desto freier kann sie danach fragen, welchen Mann sie tatsächlich begehrt.

Der Mann muss dann nicht mehr nur als Versorger oder Statusanker funktionieren. Er muss sie als Gegenüber erreichen: als Wahrnehmender, Gesprächspartner, Denkender – als jemand, dessen Geist nicht bloß dominiert, sondern Resonanz erzeugt.

Auch das ist eine plausible gesellschaftliche Deutung, keine durch die angeführten Studien unmittelbar bewiesene Kausalkette. Emanzipation erzeugt nicht automatisch Sapiosexualität. Sie könnte aber etwas sichtbar und lebbar machen, das unter Bedingungen wirtschaftlicher Abhängigkeit leichter hinter Zweckmäßigkeit zurücktreten musste.

Was ich jungen Menschen heute sagen würde

Genau deshalb ist diese Erkenntnis für mich mehr als eine nachträgliche Korrektur meiner eigenen Jugend.

Wir sagen jungen Menschen gern, es komme auch auf die „inneren Werte“ an. Schon diese Formulierung klingt jedoch verdächtig nach Trostpreis. Als gäbe es zuerst die eigentliche Attraktivität – Gesicht, Körper, Jugend – und irgendwo dahinter noch ein paar charakterliche Zugaben für diejenigen, bei denen es äußerlich leider nicht ganz gereicht hat.

Ich würde ihnen etwas anderes sagen.

Ich würde ihnen nicht erzählen, der Körper spiele keine Rolle. Ich würde ihnen erzählen, dass er nicht allein spielt. Dass Humor, Präzision, Fantasie, geistige Beweglichkeit, Selbstreflexion und die Fähigkeit, einen anderen Menschen wirklich zu sehen, nicht bloß sympathisch oder beziehungsförderlich sein können. Sie können selbst Begehren auslösen.

Die befreiende Botschaft lautet nicht:

Wenn du nicht schön bist, musst du eben klug sein.

Ein hoher IQ ist kein neuer Sixpack. Ein Universitätsabschluss kein erotisches Gütesiegel. Bildung kann geistige Lebendigkeit ebenso imitieren wie Status, Eloquenz oder selbstbewusste Selbstdarstellung. Und außergewöhnliche Intelligenz kann, falsch auf einen anderen Menschen gerichtet, außergewöhnlich anstrengend sein.

Die Botschaft lautet vielmehr: Menschliche Begehrenswertigkeit ist vielgestaltiger, beweglicher und überraschender, als Sixpack, Thigh Gap und andere körperzentrierte Normen jungen Menschen suggerieren.

Manchmal beginnt Begehren mit einer Schulter, einem Mund oder einer Bewegung. Manchmal beginnt es mit einem Satz.

Was ich als Jugendlicher hätte wissen sollen, war deshalb weder, dass Muskeln unwichtig seien, noch dass mein IQ mich retten würde. Ich hätte wissen sollen, dass Denken erotisch werden kann – aber nicht dadurch, dass es sich vorführt.

Nicht entscheidend ist, wie weit mein Denken reicht.

Entscheidend ist, ob es dich erreicht.

×