„Adam ging. Das ist der Satz dieses Kapitels.“
Im Kapitel „Sackerl“ aus Band 1 meines Kaleidokosmos trägt mein Protagonist Adam seine Tochter Mina. Die Trage wird dort zum literarischen Symbol einer Vaterschaft, die nicht durch große Erklärungen sichtbar wird, sondern durch Wiederholung: anlegen, festziehen, Kind hineinsetzen, losgehen, weitergehen.
Ich bin Adam, weil ich mit meiner Mara dasselbe erlebt habe wie mein Adam.
Die Literatur verdichtet. Die Daten konkretisieren.
Die beigefügte Grafik zeigt mein Körpergewicht und meine Gehkilometer während Maras erstem Lebensjahr, vom 21. Februar 2021 bis zum 21. Februar 2022. Die grüne Kurve zeigt im gleitenden Siebentageszeitraum, wie viele Kilometer sich jeweils auf eine Woche summierten. Die blaue Kurve zeigt mein Körpergewicht auf der rechten Skala.
Die waagerechten Linien übersetzen die Zahlen in verständliche Größenordnungen:
- 70 Kilometer pro Woche entsprechen zehn Kilometern täglich.
- Rund 84 Kilometer pro Woche entsprechen zwei Marathons pro Woche.
- Rund 211 Kilometer pro Woche entsprechen fünf Marathons pro Woche.
Die Kurve zeigt drei deutliche Tragewellen.
Die erste Welle: Mara war zwei Monate alt
Ende April 2021 überschritt meine Gehstrecke innerhalb einer Woche die Marke von fünf Marathons.
Der Spitzenwert lag bei ungefähr 220 Kilometern in sieben Tagen. Das sind mehr als 31 Kilometer täglich oder rund 5,2 Marathons pro Woche.
Mara war zu diesem Zeitpunkt ungefähr zwei Monate alt.
Ich ging diese Strecken nicht, weil ich einen sportlichen Rekord aufstellen wollte. Ich ging, weil Gehen funktionierte. Weil Mara Nähe, Körperwärme und Rhythmus brauchte. Weil sie sich in der Trage beruhigte. Weil Schlaf manchmal nur möglich war, solange mein Körper in Bewegung blieb. Und weil eine Stunde mit Mara außerhalb des Hauses zugleich eine Stunde Entlastung für das gesamte Familiensystem sein konnte.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem Spaziergang und einer Trageleistung.
Von außen sieht man einen Vater mit Baby. Vielleicht einen Hund. Vielleicht Wald. Vielleicht schönes Wetter. Man sieht Bewegung und denkt an Freizeit.
Von innen ist es Infrastruktur.
Der eigene Körper wird zur Wiege, zum Taktgeber, zur Beruhigungshilfe und zum Transportmittel. Man kann nicht einfach stehen bleiben, wenn das Kind gerade eingeschlafen ist. Man geht weiter, weil der erreichte Frieden an Bewegung gebunden bleibt. Man korrigiert die Gurte, trägt das wachsende Gewicht vor der Brust, achtet auf Temperatur, Atmung und Haltung und versucht gleichzeitig, selbst nicht völlig zu erschöpfen.
In diesen Wochen war das Sackerl kein Zubehör. Es war Teil unseres Alltags.
Die zweite Welle: Mara war etwa ein halbes Jahr alt
Nach dem extremen Frühjahr ging die Belastung zurück. Sie verschwand aber nicht.
Um den August 2021, als Mara ungefähr sechs Monate alt war, stieg die Wochenleistung erneut auf etwa 125 Kilometer. Das entspricht knapp drei Marathons pro Woche oder fast 18 Kilometern täglich.
Diese zweite Welle war deutlich schwächer als die erste. Aber „schwächer“ ist relativ. Fast drei Marathons pro Woche sind keine Erholungsphase. Sie zeigen, dass die körperliche Regulationsarbeit nicht mit den ersten Säuglingsmonaten endete.
Ein Baby wird nicht leichter, wenn es älter wird. Die Trageidee bleibt dieselbe, aber die Masse nimmt zu. Schultern, Rücken, Hüften und Knie rechnen anders als die Erinnerung. Was am Anfang ein kleiner warmer Körper vor der Brust ist, wird Monat für Monat zu einer realen Last.
Gleichzeitig verändert sich die Aufgabe. Ein sehr junges Baby braucht vor allem Nähe und Rhythmus. Ein älteres Baby nimmt mehr wahr, wird unruhiger, will schauen, schlafen, wieder aufwachen, getragen und abgesetzt werden. Die körperliche Arbeit wird nicht unbedingt weniger. Sie wird anders.
Die dritte Welle: Mara war etwa acht Monate alt
Im Oktober 2021 folgte die dritte deutlich erkennbare Welle.
Die Wochenleistung stieg noch einmal auf ungefähr 105 bis 110 Kilometer. Das entspricht etwa zweieinhalb Marathons pro Woche oder rund 15 Kilometern am Tag.
Wieder war die Welle gegenüber der vorherigen abgeschwächt. Aber auch sie lag weit oberhalb dessen, was im Alltag üblicherweise als ein bisschen Spazierengehen bezeichnet wird.
Und auch zwischen diesen Spitzen lag die Bewegung häufig bei 50, 60, 70 oder mehr Kilometern pro Woche. Die Geschichte dieses Jahres besteht deshalb nicht nur aus drei außergewöhnlichen Gipfeln. Sie besteht aus einem dauerhaft hohen Grundniveau mit drei Phasen, in denen die Belastung noch einmal massiv anstieg.
Die Grafik misst nicht, ob Mara auf jedem einzelnen Kilometer im Sackerl saß. Das wäre eine Behauptung, die die Daten allein nicht leisten können. Die Grafik misst meine Wege. Meine Erinnerung und unser damaliger Alltag geben ihnen den Kontext.
Es wäre falsch, jeden Kilometer zu einem Tragekilometer zu erklären.
Es wäre aber ebenso falsch, diese Wege nachträglich als Sport, Rückzug oder Privatvergnügen umzudeuten.
Ein erheblicher Teil dieser Bewegung entstand, weil Mara getragen werden musste und weil das Tragen für sie funktionierte.
Mein Körper führte seine eigene Buchhaltung
Die blaue Gewichtskurve erzählt eine zweite Geschichte.
Zu Beginn von Maras erstem Lebensjahr lag mein Gewicht bei ungefähr 73 Kilogramm. Im Verlauf des Frühjahrs und Frühsommers schwankte es deutlich und erreichte zeitweise fast 75 Kilogramm. Danach begann eine lange Abwärtsbewegung.
Im Spätherbst lag mein Gewicht zeitweise nur noch bei ungefähr 64 Kilogramm. Vom vorausgehenden Höchststand aus betrachtet war das ein Verlust von rund elf Kilogramm innerhalb weniger Monate. Bis zum Ende von Maras erstem Lebensjahr stieg das Gewicht wieder etwas an, lag aber weiterhin nur bei ungefähr 68 Kilogramm.
Die Gewichtskurve ist kein medizinischer Kausalitätsnachweis. Sie beweist nicht, dass jeder Gewichtsverlust unmittelbar durch das Tragen entstand. Schlafmangel, psychische Belastung, Ernährung, Arbeit, Bewegung und die gesamte familiäre Situation wirkten zusammen.
Aber die Kurve zeigt, dass mein Körper in diesem Jahr nicht in einem stabilen Zustand blieb.
Die Leistung wurde nicht folgenlos erbracht.
Nach diesem ersten Jahr war ich nicht stolz erschöpft, wie nach einem sportlichen Ziel. Ich war körperlich und innerlich aufgebraucht. Die Regeneration hatte mit der Belastung nicht Schritt gehalten. Mein Körper hatte über Monate funktioniert, weil er funktionieren musste. Irgendwann zeigte er die Rechnung.
Vaterschaft als unsichtbare Infrastruktur
Im literarischen Kapitel heißt es, das Sackerl habe mich zur Landschaft gemacht.
Das ist vielleicht der präziseste Ausdruck dafür.
Für Mara war mein Körper in diesen Phasen Bewegung, Wärme, Begrenzung und Rhythmus. Meine Schritte gaben ihrer Welt Takt. Ich war nicht nur die Person, die sie trug. Ich war vorübergehend Teil ihrer Regulation.
Diese Form von Vaterschaft ist leicht zu übersehen. Sie findet nicht am Schreibtisch, nicht in einer Urkunde und nicht in einer großen Familienerzählung statt. Sie hinterlässt zunächst keine sichtbaren Ergebnisse. Am Ende schläft ein Kind. Jemand anderes konnte vielleicht eine Stunde atmen. Das Haus war etwas ruhiger. Der Vater kommt zurück, nimmt das Sackerl ab und der Vorgang scheint abgeschlossen.
Aber der Körper hat ihn gespeichert.
- In Schultern und Rücken.
- In Kilometern.
- In Müdigkeit.
- Im Gewicht.
- Und in der Bindung, die durch tausendfach wiederholte körperliche Nähe entsteht.
Das Sackerl steht deshalb für mehr als Babyausstattung. Es steht für eine Vaterschaft, die bereit war, sich zur Infrastruktur zu machen.
Keine Heldengeschichte – eine Wirklichkeitskorrektur
Ich erzähle diese Zahlen nicht, um aus Fürsorge eine Heldentat zu machen.
Eltern tragen ihre Kinder. Eltern schlafen zu wenig. Eltern übernehmen Aufgaben, für die sie keinen Applaus bekommen. Auch die Mutter hat in dieser Zeit Belastungen getragen, die eine Kilometerkurve nicht abbildet.
Die Grafik ist kein Wettbewerb zwischen Mutter und Vater.
Sie korrigiert lediglich ein unvollständiges Bild.
Ich war in Maras erstem Lebensjahr nicht verschwunden. Ich war nicht in eine Höhle gegangen. Ich entzog mich nicht der Familie, indem ich mit Mara draußen war. Ich nahm einen Teil der Familie vor die Brust und trug ihn durch Löwenburg, durch Wälder, durch Wetter und durch Erschöpfung.
Manchmal fehlt ein Vater im Haus, weil er die Familie gerade draußen trägt.
Das Sackerl war der sichtbare Gegenstand dafür. Die Kilometer sind seine Spur.
Was bleibt
Irgendwann wurde Mara zu groß für die Trage. Das Sackerl verlor seine tägliche Funktion und wurde zu einem Gegenstand, den man weglegt.
Die Form blieb.
- Halten, ohne festzuhalten.
- Tragen, ohne zu besitzen.
- Gehen, damit ein anderer Mensch zur Ruhe kommen kann.
- Und weitermachen, obwohl kaum jemand die Strecke sieht.
Ende April 2021 waren es mehr als fünf Marathons in einer Woche.
Im August fast drei.
Im Oktober noch einmal mehr als zweieinhalb.
Nach einem Jahr war ich erschöpft. Mein Körpergewicht machte sichtbar, was Worte nur unvollständig beschreiben können.
Die Literatur sagt: Adam ging.
Die Realität ergänzt:
Ich ging ungefähr 220 Kilometer in einer Woche, als meine zwei Monate alte Tochter mich brauchte.