Aus der Sicht eines bekennenden Kokainkonsumenten in Machtposition sind ADHS-Medikamente Sucht und Farmen die Antwort.

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TL;DR: Robert F. Kennedy Jr. (RFK Jr.) hat öffentlich erzählt, er habe früher Kokain „von Toilettensitzen“ konsumiert, und zugleich verschriebene ADHS-Medikamente in eine „Sucht“-Logik gezogen, aus der heraus „Farmen“ bzw. Sonderorte als Antwort plausibel wirken. Das ist kein belegter Deportationsplan. Aber es ist eine gefährliche Denkfigur: Behandlung wird moralisch verdächtig, Betroffene werden zu „Problemfällen“, und statt Rechte, Teilhabe und Versorgung rückt Separierung als Lösung in den Vordergrund.

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Es gibt politische Aussagen, die man nicht isoliert lesen darf, weil sie erst im Zusammenhang zeigen, welche Welt dahinter steht. Nicht die eine missglückte Formulierung ist das Problem, sondern die Logik, die sich aus mehreren Sätzen wie von selbst zusammensetzt.

In dieser Logik passiert ein entscheidender Schritt: Eine medizinische Behandlung wird nicht als Teil moderner Versorgung verstanden, sondern als moralischer Makel. Aus „Therapie“ wird „Abhängigkeit“. Aus „Menschen mit einem Recht auf Teilhabe“ werden „Fälle“. Und aus „Hilfe im Alltag“ wird die Idee, man müsse Menschen aus dem Alltag herausnehmen, um sie zu „reparieren“.

Genau hier liegt der Konflikt für Menschen mit ADHS – und für viele neurodiverse Menschen insgesamt. ADHS ist kein Lifestyle, kein Party-Label, kein „Trend“. Für viele ist es ein lebenslanger Umgang mit Aufmerksamkeit, Impulskontrolle, Stress, Überforderung, Scham und den praktischen Folgen in Schule, Beruf, Beziehungen. Und für sehr viele ist eine Stimulanzien-Therapie keine Laune, sondern eine ärztlich begleitete Entscheidung, die überhaupt erst ermöglicht, zuverlässig zu arbeiten, emotional stabiler zu bleiben, weniger zu scheitern, weniger destruktiv zu kompensieren und sekundäre Schäden zu vermeiden.

Wenn nun ein mächtiger Politiker wie RFK Jr. diese Medikamente sprachlich in eine „Sucht“-Kategorie zieht, passiert etwas, das Menschen ohne ADHS oft unterschätzen: Es verändert nicht nur die Debatte, sondern das Klima. Plötzlich steht nicht mehr die Frage im Raum, was hilft und was schadet, sondern ob du moralisch „sauber“ bist. Deine Behandlung wird zu einem Verdachtsmoment.

Und dann kommt der zweite Schritt. Wenn „Sucht“ das Etikett ist, dann liegt „Entzug“ als Antwort nahe. Nicht Versorgung, nicht Differenzierung, nicht Respekt vor medizinischer Indikation, sondern das große Reinigungsprogramm. Nicht selten gekoppelt an Orte, die schon in der Sprache nach Abschirmung klingen: Farmen, Einrichtungen, Programme, in denen man Menschen „umformt“, „resettet“, „neu erzieht“. Ob das als „freiwillig“ verkauft wird oder nicht, ist dabei nicht der Kern. Der Kern ist: Die Antwort auf Neurodiversität und auf Behandlung wird nicht als Rechte-Logik gedacht, sondern als Sonderort-Logik.

Für Betroffene ist das keine akademische Debatte. Es ist die Angst vor einem System, in dem du dich rechtfertigen musst, warum du überhaupt eine Behandlung bekommst. In dem du dich ständig erklären musst: „Nein, ich bin nicht high. Nein, ich bin nicht abhängig im moralischen Sinn. Ja, das ist verschrieben. Ja, das ist überprüft.“ Und je stärker dieses Klima wird, desto realistischer wird ein weiteres Risiko: dass Versicherungen, Behörden, Arbeitgeber oder politische Programme diese Verdachtslogik übernehmen. Nicht unbedingt aus Bosheit, sondern weil eine moralische Erzählung politisch bequem ist.

Das Ganze bekommt eine besondere Schärfe durch die persönliche Ebene: Wenn derselbe Mann zugleich öffentlich über extremen Kokainkonsum aus der eigenen Vergangenheit spricht, entsteht ein Zynismus, der schwer zu übersehen ist. Da ist jemand, der sich selbst als Mensch mit einer drastischen Drogenbiografie zeigen kann – und gleichzeitig anderen, die verschriebene Medikamente nehmen, das Etikett „Sucht“ anhängt. Das ist nicht nur heuchlerisch. Es ist gefährlich, weil es die Grenze zwischen illegaler Droge und medizinischer Behandlung rhetorisch verwischt und dadurch einen Raum öffnet, in dem Therapie politisch zu „Problem“ gemacht werden kann.

An dieser Stelle wird oft eingewendet: Menschen können sich ändern. Sucht ist eine Krankheit. Recovery ist real. Ja, das stimmt. Und genau deshalb muss man sauber unterscheiden: Der Punkt ist nicht, dass jemand mit Suchtvergangenheit grundsätzlich ungeeignet wäre. Der Punkt ist die Kombination: Machtposition plus moralische Stigmatisierung medizinischer Therapie plus Fantasien von Sonderorten als gesellschaftliche Antwort. Diese Kombination ist das Warnsignal.

Denn sobald Politik beginnt, Menschen in Kategorien zu pressen – „normal“ hier, „problematisch“ dort – und sobald sie beginnt, die „Lösung“ räumlich und institutionell zu denken, taucht eine historische Erfahrung auf, die man nicht leichtfertig bemühen darf, aber auch nicht verdrängen sollte: Aussonderung beginnt selten mit Gewalt. Sie beginnt mit Sprache. Mit Etiketten. Mit einem Tonfall, der sagt: „Das ist nicht einfach ein Mensch, das ist eine Last. Ein Risiko. Ein Fall.“ Und sie endet dort, wo genügend Menschen Sonderbehandlung für „vernünftig“ halten.

Ich behaupte nicht, dass RFK Jr. einen konkreten Deportationsplan vorlegt. Das wäre unseriös. Aber ich behaupte, dass in dieser Logik eine geistige Haltung sichtbar wird, die in unterschiedlichen Zeiten und Systemen immer wieder zu denselben Mustern geführt hat: Menschen werden nicht als Träger von Rechten und Würde betrachtet, sondern als Objekte sozialer Hygiene. Und dann ist der Weg kurz von „Hilfsprogramm“ zu Druck, von Druck zu Zwang, von Zwang zu institutioneller Trennung.

Wer ADHS hat, hört in solchen Aussagen nicht nur Politik. Er hört eine Drohkulisse. Vielleicht nicht als „morgen holen sie dich ab“, sondern als schleichende Botschaft: „Deine Behandlung steht unter Verdacht. Deine Existenz wird als Problem gerahmt. Und wenn wir genug Macht haben, definieren wir die Orte, an denen du hingehörst.“

Die richtige Gegenbewegung ist simpel und konsequent: Therapie ist keine moralische Kategorie, sondern eine medizinische. Neurodiversität ist kein Defekt, den man aus der Gesellschaft herauslösen muss, sondern Teil menschlicher Vielfalt, die Teilhabe verdient. Und politische Sprache, die Menschen zu „Fällen“ macht und Sonderorte normalisiert, ist nicht mutig – sie ist ein Rückfall.

Wenn ausgerechnet jemand, der öffentlich über eigene Kokainexzesse spricht, die Linie zwischen ADHS-Medikation und „Sucht“ verwischt und „Farmen“ als Antwort attraktiv macht, dann ist das nicht nur eine rhetorische Entgleisung. Es ist ein politischer Marker. Und wer neurodivers ist, sollte ihn als das erkennen, was er ist: ein Warnsignal, bevor aus Sprache Struktur wird.

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