Intro
Am Ende steht ein Uhrzeitstempel, der so unspektakulär aussieht, wie alle Enden aussehen, die man sich vorher als dramatischer vorgestellt hatte: Freitag, 9. Januar 2026, 13:27 Uhr – „Fertigstellung inklusive Layout“. Das ist die Art Schluss, die einem Werk, das sich so lange mit Übergängen, Schwellen, Kalendergrenzen und dem „außer Ordnung“ beschäftigt hat, fast zynisch gut steht: keine Explosion, keine Apotheose, kein Feuerwerk – sondern ein leiser Klick in einer Datei, eine letzte Formatierung, eine letzte Zeile, die sich nicht mehr bewegt.
Doch der Titel dieses Berichts behauptet etwas, das mehr ist als Statistik, und das man deshalb aussprechen muss, bevor man es vergisst: 6 Tage, 18h und 50min. Das ist nicht die hübsche Übertreibung einer Legende, sondern die tatsächliche Dauer zwischen dem Moment, in dem die „Mann-Maschine“ ansprang, und dem Moment, in dem sie stillhielt. Der Startpunkt war Freitag, 2. Januar 2026, 18:37 Uhr. Von dort bis Freitag, 9. Januar 2026, 18:37 Uhr wären es genau sieben Tage gewesen. Aber das Ende fiel nicht auf 18:37, sondern auf 13:27 – also 5 Stunden und 10 Minuten früher. Sieben Tage minus 5:10, und die Schreibwoche schrumpft zu dem, was im Titel steht: 6 Tage, 18 Stunden und 50 Minuten.
Diese Zahl ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, kein sportlicher Rekord, den man sich an die Brust heftet. Sie ist das Maß eines Zustands. Sie ist Tonio-Schaffen in Kalenderform: eine knappe Zeitspanne, in der ich nicht „ab und zu“ schreibe, sondern in der Schreiben zur Lebensweise wird, zur Kur, zur Selbstorganisation, zum Versuch, durch Geschwindigkeit eine Ordnung herzustellen, die sich sonst nicht einstellt. Dass der Roman selbst von bestforming, Ritualen, Messwerten und Logbüchern handelt, ist hier mehr als Stoffwahl; es ist Spiegelung. Der Text entsteht in einer Produktionsweise, die dem Text ähnelt: Zeit wird nicht erlebt, sie wird vermessen; das Ende ist nicht Erlösung, sondern ein Beleg dafür, dass Form gefunden wurde.
Und doch ist dieser Stempel – 13:27 – nicht bloß Verwaltung. Er ist Motiv. Er ist die moderne Variante des „Schlusses“, den Thomas Mann seiner großen Maschine manchmal gönnt: nicht als Frieden, sondern als Nachweis, dass sich etwas schließen ließ. Und weil „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ nie nur ein Roman sein wollte, sondern zugleich Selbstbeobachtung, Stilversuch, Zuneigungserklärung und – ja – eine höflich verkleidete Selbstentblößung, wird die Spanne von 6 Tagen, 18 Stunden und 50 Minuten zum Angelpunkt eines Berichts, der mehr ist als Produktionsnotiz. Sie wird zur Spur eines inneren Vorgangs.
Verehrte Leserin, verehrter Leser, das ist die entscheidende Prämisse dieses “Making of”: Es beschreibt nicht nur, wie ein Text entstand. Es beschreibt, warum er so entstehen musste – in dieser Dichte, in dieser Kürze, in dieser fast unverschämten Woche –, um mich in einer bestimmten Weise zu entlasten, zu ordnen, aufzuwühlen und – im besten Fall – zu integrieren.
Vor Teil 1 –
Ich empfehle die “Sonnenalp” (und “die Empfehlung ist die sanfteste Form des Befehls”)
Verehrte Leserin, verehrter Leser (hier dürfen Sie bzw. darfst Du diese Anrede einmal wörtlich nehmen),
ich empfehle Ihnen – ich empfehle Dir – die Sonnenalp.
Und ich meine das nicht als Hotelkritik, nicht als Reiseführer, nicht als das, was man heute „Tipp“ nennt, sondern als eine Empfehlung im alten Sinn: als Übergabe eines Ortes, der mehr tut, als man von einem Ort erwarten darf. Denn die Sonnenalp ist für mich nicht nur ein Gebäude, nicht nur eine Adresse, nicht nur ein Ort, an dem man ankommt und wieder abreist. Sie ist mir zweite Heimat geworden, ein „Zimmer im Inneren“, das ich betrete, sobald ich durch ihre Türen gehe.
Das ist etwas, was man kaum beschreiben kann, ohne kitschig zu werden. Man versucht es dann mit Dingen: mit Licht, das auf Holz fällt; mit Gerüchen, die so unaufdringlich sind, dass sie erst im Nachhinein wie eine Hand wirken; mit dem Geräusch von Schritten auf Boden, der nicht nach Straße klingt, sondern nach Innen. Man versucht es mit Blickachsen: der Leuchter in der Halle wie eine schwarze Sonne; die Bibliothek darüber, als sei das Denken selbst eine Etage höher untergebracht; das Musikzimmer als Behauptung, dass Kultur nicht nur Dekor ist. Und man versucht es, wenn man ehrlich ist, mit einem Satz.
„Empfehlung“ ist dabei ein heikles Wort. Es klingt freundlich, aber es hat eine Kante. Es tut so, als sei es unverbindlich, und ist doch eine Form von Einfluss. Wer empfiehlt, nimmt sich das Recht, in die Entscheidungen anderer hineinzureden – mit einem Lächeln, das sich selbst für harmlos hält. Deshalb ist es gut, wenn man sich an dieser Stelle an einen meiner eigenen Sätze erinnert, den ich später meinem Roman in den Mund gelegt habe: die Empfehlung ist die sanfteste Form des Befehls.
Denn genau so funktioniert die Sonnenalp auch. Nicht als Zwang, nicht als Drill, nicht als harte Regel, sondern als ein System aus sanften Befehlen: Sie empfiehlt Ruhe. Sie empfiehlt Ordnung. Sie empfiehlt, den Lärm des Tals unten eine Weile nicht ernst zu nehmen. Sie empfiehlt, sich selbst ernst zu nehmen – nicht auf die eitle Art, sondern auf die vorsichtige. Und sie empfiehlt, dass man hier verweilen darf, ohne sich entschuldigen zu müssen.
Was ich Ihnen – was ich Dir – damit eigentlich empfehle, ist nicht „ein Wochenende“. Es ist eine Erfahrung von Verweilen, die in meiner Welt selten geworden ist: ein Frieden, der nicht erarbeitet werden muss, und der nicht sofort wieder in eine Aufgabe umkippt. Und genau deshalb ist diese Empfehlung ambivalent. Denn wer einen Ort findet, der einen beruhigt, wird versucht sein, ihn zu benutzen. Und wer schreibt, benutzt Orte.
Ich empfehle die Sonnenalp also auch in einem zweiten, gefährlicheren Sinn: als Werkstatt. Als Bühne. Als jene Art von zweiter Heimat, die es einem überhaupt erst erlaubt, die erste Heimat – die eigene innere Unruhe – anzuschauen, ohne sofort daran zu ertrinken. Wenn ich sage, ich empfehle die Sonnenalp, dann sage ich auch: Hier habe ich die Ruhe gefunden, die ich brauchte, um ein Werk zu schreiben, das dieser Ruhe im Text den Frieden nehmen musste.
Und damit sind wir, verehrte Leserin, verehrter Leser, schon mitten in der Ironie, die Thomas Mann gefallen hätte: Dass eine Empfehlung, die Frieden geben will, am Ende ein Befehl an die Literatur wird. Denn ich kann Ihnen die Sonnenalp empfehlen – aber ich kann Ihnen nicht empfehlen, was sie mit Ihnen machen könnte, wenn Sie Künstlerin, Autor oder die kleine Maus Frederick sind.
Teil 1 –
Der eigentliche Rohstoff: ein Ort, der beruhigt – und deshalb literarisch entstellt werden muss
Dieses “Making of” beginnt nicht mit Plot, sondern mit einem Satz an einer Wand.
Denn das, was den Roman in Gang setzt, ist – nüchtern betrachtet – ein Widerspruch: Die Sonnenalp ist im Prolog ausdrücklich „zweite Heimat“, ein „Zimmer im Inneren“, ein Ort der Wiederkehr, der Erlaubnis, des Aufgehobenseins. Gerade deshalb, verehrte Leserin, verehrter Leser (hier bitte ich Sie bzw. Dich zum zweiten und letzten Mal, diese Anrede wörtlich zu nehmen), ist sie als Stoff so gefährlich: Wer einen Ort wirklich kennt, wer dort nicht nur Gast ist, sondern Wiederkehrender, besitzt ihn innerlich – und wird gleichzeitig von ihm besessen. Und Besitz erzeugt Verantwortung.
Literatur aber, wenn sie nach Thomas Mann riechen soll, erzeugt nicht Verantwortung, sondern Spannung: Schuld, Verschiebung, Unruhe, „unerquicklich“ im Sinn von: Es ist nicht bequem, es geht einem nach.
Diese Spannung – Heimat als Beruhigung, Literatur als Störung – wird im Werkstattdenken als Kernthese benannt: Der Autor braucht den Frieden als Ort, aber er braucht die Unruhe als Literatur. Darum wird die Sonnenalp, die reale, friedliche, „verweilende“, in der Fiktion zu einer Bühne der Schwelle umgebaut: Empfangstresen, Leuchter, Rituale, Programme, Messwerte, Würfelkabinen, ein Ring, der sieht – und vor allem: ein Spruch, der den Ort nicht mehr beruhigt, sondern antreibt.
Das ist der erste große Kunstgriff – und zugleich der erste große biografische Hinweis: Wer so arbeitet, arbeitet nicht an irgendeinem Material. Ich arbeite an einem Material, das mich beruhigt – und ich nehme ihm diese Beruhigung weg, damit ich schreiben kann.
Teil 2 – Der Spruch-Irrtum als größere Tür: Wie ein Foto das Motto erfand
Der zweite Kunstgriff ist eine Auslassung – aber er ist, in seiner Entstehung, kein Kunstgriff im klassischen Sinn, sondern ein Prozess.
In der echten Sonnenalp lautet der Spruch in der Empfangshalle: „Freude dem, der kommt. Friede dem, der verweilt. Segen dem, der geht.“ Drei Zeilen, drei Zustände, eine kleine Ethik der Gastlichkeit. Ankommen als Freude. Bleiben als Frieden. Gehen als Segen.
Im Roman jedoch steht verkürzt und verschoben: „Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.“
Die Wirkung dieser Verkürzung ist enorm, und sie war – das ist die eigentliche Pointe – nicht zuerst Absicht, sondern Irrtum. Die Formel entstand, weil ein Foto nur Fragmente erkennen ließ: genug, um „Freude dem, der komm…“ zu lesen, genug, um eine mittlere Zeile als „Friede dem, d…“ zu ahnen, und genug, um unten „…dem, der…“ zu sehen, ohne den entscheidenden Begriff. Aus diesem Fragment wurde schnell geschlossen, dass die Wiederholung „Freude“ konzeptionell sein müsse, eine symmetrische Rahmung des Kommens und Gehens.
So schrieb sich das Motto in den Text – nicht als bewusste ästhetische Entscheidung des Autors, sondern als automatischer, plausibler Schluss aus unvollständigen Daten. Ein System-1-Moment, könnte man später sagen: schnell, elegant, falsch – und gerade dadurch produktiv.
Erst danach passierte das, was Thomas Mann besonders gefallen hätte: Die nachträgliche Sinngebung. Sobald die Formel einmal im Roman stand, begann sie zu arbeiten. Sie wurde Leitmotiv, moralisches Messer, ironischer Motor. Der Eindruck entstand, die Auslassung sei ein bewusstes „Unterschlagen“ des Friedens: als wolle der Autor seiner zweiten Heimat den beruhigenden Mittelteil entziehen, um eine Mann’sche Unruhe zu erzwingen.
Diese spätere Deutung ist nicht gelogen – sie ist nur zeitlich falsch. Sie beschreibt nicht den Ursprung, sondern das Resultat: Denn auch wenn die Auslassung nicht geplant war, wurde sie, nachdem sie da war, angenommen, ausgebaut, verteidigt, mythologisiert. Der Irrtum schrieb mit – und das Werk tat später so, als sei es Absicht gewesen. Genau diese Kette, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist Mann’sche Ironie in Reinform: Das Werk behauptet Kontrolle, wo es Zufall gab; es erzeugt Bedeutung, indem es die Zufälligkeit im Nachhinein als Notwendigkeit behandelt. Kunst entsteht nicht nur aus Wollen, sondern aus dem, was sich dem Wollen entzieht und dann integriert werden muss.
Und nun kommt die zweite Zufallspointe hinzu, die die Modernität komisch markiert: Dass im echten Spruch „Segen dem, der geht“ steht. Dieses Wort hätte im Roman kaum stehen bleiben können. Nicht, weil der Autor Religion „schlecht“ fände, sondern weil die Romanwelt – Optimierungsprogramme, Tracking, Resort-Ästhetik, säkularer Gesundheitskult – das Vokabular des Segens nicht mehr trägt. „Segen“ klingt nach Kirche; der Roman arbeitet mit Messwerten, nicht mit Sakramenten. „Freude“ dagegen klingt nach Marke, nach Angebot, nach Event: genau die semantische Oberfläche, in der ein modernes Optimierungsresort sich moralisch tarnt.
So wird aus einem Lesefehler ein Stilgesetz. Aus einem Fragment wird eine Ethik. Aus einer falschen Wiederholung wird eine richtige Romanschrift.
Und wenn man diese Kette ernst nimmt, dann ist der Spruch nicht nur Dekor. Er ist das Programm, das den Ort von innen umlackiert: Die reale Heimat sagt Ankommen – Bleiben – Gehen. Der Roman sagt Ankommen – Gehen. Das Bleiben wird nicht gefeiert, sondern zum Problem gemacht. Nicht weil der Autor es bewusst so plante, sondern weil der Irrtum ihm die härtere, produktivere Formel anbot – und er sie, in der Logik des Schaffens, annahm.
Hier zeigt sich die tiefe, fast unheimliche Passung zu Mann: Auch der “Zauberberg” ist voller poetischer Freiheiten, Datums-Pointe, Selbstkommentar. Und auch dort ist das scheinbar Zufällige oft die Stelle, an der der Text seine eigentliche Notwendigkeit zeigt.