18:45, und der zweite Roman beginnt

0:00 / 0:00

Heute starte ich die Produktion von „Kaleidokosmos: Die Brüder Morgenstern“ — nicht als Feuerwerk, sondern als Werkstattbetrieb.

Einstieg: Samstag, 24. Januar 2026, 18:45

Um 18:45 Uhr ist die Wohnung still genug, dass das Ticken der Heizung eine Art Metronom wird. Draußen: Winterlicht, das nicht mehr leuchtet, sondern nur noch an den Fenstern klebt. Auf dem Tisch liegt eine Karteikarte, zu groß für das, was sie tragen soll, und doch gerade richtig: „24.1.26 – 18:45“ steht darauf, schief, als hätte die Hand kurz gezögert, ob sie das wirklich festnageln darf.

Daneben: ein Notizbuch, ein Bleistift, eine Tasse, die längst kalt ist. Es sind keine fetten Symbole; es sind Gegenstände, die meinen Blick daran hindern, ins Ungefähre auszuweichen. Ich setze mich, lege die Karteikarte obenauf wie einen Deckel — und sage es einmal laut, damit es im Raum bleibt: Jetzt beginnt die Produktion.

Wenn du schreibst, kennst du vielleicht dieses eigenartige Moment: nicht „Inspiration“, eher eine Entscheidung, die sich als Handgriff tarnt. Du schiebst ein Blatt zurecht, richtest den Stuhl, und mit diesem banalen Ordnungsgestus schiebst du auch eine innere Grenze zurecht. Davor: Reden. Danach: Arbeit.

Warum jetzt / warum dieses Buch

Warum also ein zweiter Roman — und warum dieser?

Ich will ein Buch schreiben, das zeigt, wie Zuschreibung zur Verfolgung wird: wie jemand zu etwas erklärt wird, das er nicht ist, und wie Institutionen diese Erklärung verwalten, speichern, wiederholen — bis sie sich wie Wahrheit anfühlt. Erst wird jemand zu „Juden“ erklärt, obwohl er christlich lebt; später wird er zu „Deutschen“ erklärt, hinter dem Eisernen Vorhang. Das sind keine Etiketten im Vakuum. Sie sind Handlungen, in Sprache gegossene Gewalt, oft kalt, oft bürokratisch, oft mit Stempel.

Und ich will, dass man beim Lesen merkt: Das geschieht nicht im Nebel großer Geschichte, sondern an Schnittstellen. An Schaltern. In Formularen. In Akten. In Blicken, die plötzlich nicht mehr sehen, sondern zuordnen. Vielleicht kennst du das in kleinerer Form: ein Satz, der dich auf eine Rolle festlegt; eine Akte, die über dich mehr weiß als du selbst; ein Algorithmus, der dich in eine Kategorie legt und dabei behauptet, nur „zu messen“.

„Kaleidokosmos: Die Brüder Morgenstern“ soll ein Roman sein, der den Maßstab wechselt, ohne in die Vorlesung zu flüchten: Ich ↔ Institution ↔ Weltzeit/2100 ↔ Lebenszeit. Nicht als Theorie, sondern als Szene. Nicht als Exkurs, sondern als Gegenstand, der in der Hand liegt.

Was dieses Buch nicht tut

Dieses Buch wird roman1 nicht rückwirkend erklären oder glätten. Es wird ihn nicht brechen.

Es wird keine neuen historischen Tatsachen behaupten, nur weil Details „gut klingen“.

Es wird keine privaten Nebenwelten ausplaudern, die hier nichts zu suchen haben.

Es wird Figuren nicht diagnostizieren und ihnen keine Psychologie aufkleben wie ein Etikett.

Es wird Leid nicht verklären und niemandem vorschreiben, „Sinn finden zu müssen“.

Es wird nicht mit Zukunftsprognosen protzen; 2100 erscheint nur dort, wo eine Szene es trägt.

Es wird nicht erklären, wo es zeigen kann — und es wird schweigen, wo Erklärung zur Entwürdigung würde.

Das ist die Abmachung. Nicht als Moral. Als Handwerk.

Wie ich arbeite: das Werkstattbetriebssystem in 15 Schritten

Damit das Buch nicht aus Ideen besteht, sondern aus tragfähigen Szenen, arbeite ich mit einer Architektur, die mich selbst einschränkt — und gerade dadurch frei macht. In einer verständlichen Kurzfassung sieht das so aus:

  1. Setup: Arbeitsvertrag mit mir selbst, Regeln festziehen, STATE anlegen — noch kein Text.
  2. Kanon-Extraktion: Aus roman1 und Pflichtmaterial eine Whitelist bauen: Was darf ich sagen? Was muss ich meiden?
  3. Planet-Statement: In einem Satz klären, warum dieses Buch existiert — ohne Plot, ohne Ausreden.
  4. Bucharchitektur: Prolog, Kapitel 1–N, Epilog planen: Jede Einheit hat Funktion, Ort, Objekt, Maßstab.
  5. Objekt- & Motivnetz: Dinge als Sinnspeicher definieren, Wiederkehren planen, Dekor verhindern.
  6. Prolog-PREP: Prolog als Blueprint: Beats, Objekte, Wahrheitsschnittstelle, Ethik-Gates.
  7. Prolog-WRITE: Prolog schreiben — strikt nach Blueprint, keine neuen Behauptungen.
  8. Kapitel-k-PREP: Für jedes Kapitel ein Blueprint: Handlungslinien, Objekte, Institution, Maßstab, No-new-facts-Check.
  9. Kapitel-k-WRITE: Kapitel schreiben — dann entscheiden: weiter, Checkpoint oder Revision.
  10. Checkpoint: Alle 2–3 Kapitel: Verdichten, Überfrachtung stoppen, Objektlogik nachziehen.
  11. Red-Team: Härteste Kritik aktivieren: Ton driftet? Ethik verletzt? Objekt nur Dekor? Kanonbruch?
  12. Epilog-PREP: Epilog blueprinten, damit 2100/Lebenszeit szenisch werden, nicht predigend.
  13. Epilog-WRITE: Epilog schreiben — ebenfalls strikt, ohne Zukunftsdaten-Feuerwerk.
  14. Konsolidierung: Continuity- & Motiv-Sweep: Widersprüche, Sprünge, Faktenrisiken, Revision-Tickets.
  15. Packaging: Manuskript sauber ausgeben + Register (Objekte/Realia) für spätere Pflege.

Wenn du das liest und denkst: „Das klingt nach Bürokratie“ — ja. Aber es ist die Bürokratie, die ich brauche, um nicht in die Bürokratie zu schreiben. Ein Gerüst, damit das Haus nicht nur Fassade ist.

Worum es mir ethisch geht

Ich schreibe dieses Buch unter einer Ethik, die man nicht predigen kann, ohne sie zu verraten: Sinn ist keine Pflicht. Sinn ist keine Tapferkeitsprämie. Sinn ist nichts, das man dem Leid überstülpt, damit es „irgendwie gut“ wird.

Wenn in diesem Roman etwas wie Sinn aufscheint, dann nur als Antwortform: als Handlung, als Haltung, als Sprache, die sich weigert, den Menschen auf ein Etikett zu reduzieren. Und zugleich: als Anerkennung, dass man zerbrechen kann — ohne Schuld, ohne moralische Abwertung, ohne das heimliche „Du hättest nur richtig reagieren müssen“.

Das hat Konsequenzen für jede einzelne Szene. Es zwingt mich, auf meine Sätze aufzupassen. Nicht zu zeigen, um zu zeigen. Nicht zu beschreiben, um zu besitzen. Nicht zu „erklären“, wo Erklärung zur Entblößung würde. Du merkst vielleicht: Das ist keine theoretische Leitlinie. Das ist ein Handgriff am Satz.

Und es zwingt mich auch, Institutionen nicht als Bösewichte zu karikieren. Institutionen sind oft nicht „böse“. Sie sind Werkzeuge, die Sprache stabilisieren: Formulare, Akten, Stempel, Konten, Listen. Wahrheit wird verwaltet. Geld wird verwaltet. Schuld wird verwaltet. Identität wird verwaltet. Und das ist genau die Stelle, an der Literatur konkret werden kann, ohne in Daten zu fliehen.

Objekte als Sinnspeicher

Vielleicht ist das der Kern meines Handwerks: Ich vertraue den Dingen mehr als den Behauptungen. Dinge lügen nicht — aber sie können dazu benutzt werden, Lügen zu stabilisieren. Deshalb bekommen Objekte in „Kaleidokosmos“ eine tragende Rolle. Nicht als „Symbolik“, sondern als Speicher.

  • Ein Ausweis: nicht „Papier“, sondern eine tragbare Behauptung über dich. In der Tasche: klein. Am Schalter: Weltmacht.
  • Ein Stempel: ein Geräusch, ein Abdruck — und plötzlich ist aus einer Aussage ein Verwaltungsakt geworden.
  • Ein Koffer: nicht nur Gepäck, sondern eine Entscheidung über Lebenszeit: Was darf mit? Was bleibt? Was wird beschlagnahmt?
  • Ein Brief / ein Zettel: Sprache, die unterwegs ist, gefährdet, abfangbar — und zugleich die dünnste Form von Nähe.
  • Eine Akte: ein Bündel Papier, das dich überdauert, dich reduziert, dich transportiert, auch wenn du nicht anwesend bist.

Solche Dinge erlauben mir, den Maßstab zu wechseln, ohne zu dozieren. Ein Ausweis kann „Ich“ sein und „Institution“ zugleich. Eine Akte kann in die Lebenszeit schneiden und trotzdem in einem Regal liegen. Und wenn irgendwann 2100 auftaucht, dann nicht als Statistik, sondern als etwas, das man anfassen kann: ein Archivkarton, ein digitaler Zugriff, eine Spur, die bleibt — oder gelöscht wird.

Ausblick ohne Termine: Einladung

Was passiert als Nächstes? Ich werde mich an meine eigene Architektur halten. Ich werde zuerst die Regeln schärfen, die Quellen sauber halten, das Objektregister bauen, bevor ich den ersten Satz „Romantext“ nenne. Das klingt langsam, ist aber meine Form von Geschwindigkeit: weniger Umwege, weniger nachträgliches Retten, weniger schöne Sätze, die keine Verantwortung tragen.

Und wenn du Lust hast, kannst du das begleiten. Nicht als Countdown, nicht als Versprechen, nicht als „Journey“, sondern als Werkstattlicht, das abends noch an ist. Schreib mir in die Kommentare, was dich an solchen Prozessen interessiert — oder worauf du als Leser:in allergisch reagierst, wenn Bücher „über Wahrheit“ reden. Wenn du magst, folge dem Blog oder abonniere den Newsletter, um die nächsten Werkstattnotizen nicht zu verpassen. Ohne Druck. Ohne „du musst“. Nur als Möglichkeit, gemeinsam aufmerksam zu bleiben.

Ich drehe die Karteikarte noch einmal zwischen den Fingern, als müsste ich prüfen, ob die Tinte hält. 24.1.26 – 18:45. Ein Datum, das nichts beweist, aber etwas eröffnet. Dann klappe ich das Notizbuch auf.

Jetzt beginnt die Produktion.

×