Der EU–Indien‑Gipfel am 27. Januar 2026 in New Delhi – und die Messlatte für seinen Erfolg.
Gestern war die Kurve die Hauptfigur: Indien überholt China – ein demografischer Kipppunkt, der die globale Schwerkraft verschiebt.
Heute ist die Kurve nur noch der Hintergrund. Denn Schwerkraft allein macht noch keine Ordnung. Ordnung entsteht dort, wo sich Interessen, Standards, Kapital, Technologie und Talentströme in konkrete Architektur übersetzen lassen: in Verträge, Programme, Investitionen, Regeln, Zeitpläne.
Genau deshalb ist die Republik‑Day‑Woche in Indien 2026 mehr als Protokoll: Am 26. Januar nehmen der Präsident des Europäischen Rates António Costa und die Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen als Ehrengäste an den Feierlichkeiten zum 77. Republic Day teil – zum ersten Mal in dieser Form für die EU‑Spitze.
Und am 27. Januar co‑chairen sie gemeinsam mit Premierminister Narendra Modi den 16. EU–Indien‑Gipfel in New Delhi.
Wenn man an 1945–2025–2100 glaubt (und nicht nur an den News‑Cycle), dann ist das einer dieser seltenen Momente, in denen man Politik an ihrer Langfrist‑Tauglichkeit messen kann.
1) Warum dieser Gipfel ein „zweiter Kipppunkt“ ist
Der erste Kipppunkt war demografisch: Indien ist nicht mehr „das nächste große Land“, sondern das Land, das die Welt im 21. Jahrhundert numerisch trägt. Laut UN‑Projektionen (WPP 2024, mittlere Variante) wächst Indien noch Jahrzehnte, erreicht um 2061 einen Peak von rund 1,7 Milliarden, und liegt 2100 immer noch bei etwa 1,5 Milliarden; China fällt im gleichen Horizont auf 633 Millionen.
Der zweite Kipppunkt ist politisch:
Ob diese Schwerkraft in Stabilität, Wohlstand und legitime Ordnung übersetzt wird, entscheidet sich weniger an Geburtenraten – und mehr an der Fähigkeit, Partnerschaften so zu bauen, dass sie skalieren.
Und ja: Die EU ist im globalen Demografie‑Bild der Gegenpol – ein hochproduktiver, regelsetzender Markt, aber mit Alterung als strukturellem Thema. Die EU‑Bevölkerung lag am 1. Januar 2025 bei 450,4 Millionen (Eurostat) – Wachstum zuletzt vor allem durch Migration, nicht durch natürlichen Zuwachs.
Das ist kein Nachteil, sondern ein Rahmen: Europa muss seine Wettbewerbsfähigkeit in einer Welt verteidigen, in der „mehr Menschen“ anderswo stattfinden.
2) Der Kontext: Mehr als Symbolik, weniger Romantik
Die Reise ist als State Visit 25.–27. Januar 2026 kommuniziert, inklusive Treffen mit der indischen Staatsführung und einem erwarteten India‑EU Business Forum am Rande des Gipfels.
Und die EU‑Seite setzt die Agenda bewusst breit: Trade, Security & Defence, Clean Transition, People‑to‑People.
Das ist keine zufällige Themenliste. Es ist eine implizite Diagnose:
Wohlstand im 21. Jahrhundert ist nicht nur BIP – es ist Resilienz (Lieferketten), Regelsetzung (Standards), Talentmobilität, Sicherheit von Seewegen, technologische Souveränität.
Wenn das stimmt, dann ist dieser Gipfel kein „nettes Treffen“. Er ist ein Versuch, eine neue Umlaufbahn zu definieren.
3) Die harte Zahl hinter dem schönen Wort „Partnerschaft“
Partnerschaft klingt weich. Handel ist hart.
Die offiziellen EU‑Zahlen zeigen:
- Warenhandel EU–Indien 2024: über €120 Mrd. (EU‑Importe €71,4 Mrd., EU‑Exporte €48,8 Mrd.)
- Dienstleistungshandel 2024: über €66 Mrd. (EU‑Importe €37,4 Mrd., EU‑Exporte €29,2 Mrd.)
- EU‑FDI in Indien 2024: über €132 Mrd., über 6.000 europäische Unternehmen in Indien, rund 3 Mio. Jobs
- Connectivity / Global Gateway: EU und Mitgliedstaaten haben für Projekte in Indien > €15 Mrd. für 2021–2025 zugesagt.
Diese Zahlen sind wichtig, weil sie das eigentliche Thema markieren:
Es existiert bereits ein ökonomischer Orbit. Die Frage ist, ob er jetzt eine strategische Tiefe bekommt.
4) Der offizielle Bauplan: Vier Pfeiler – oder vier Tests
Die EU‑Seite erwartet, dass eine „joint EU‑India comprehensive strategic agenda“ beschlossen wird – mit vier Schwerpunktbereichen:
- Prosperity & sustainability
- Technology & innovation
- Security & defence
- Connectivity & global issues
Man kann das als PR lesen. Oder als Checkliste, an der man den Gipfel in fünf Jahren noch bewerten kann. Ich schlage Letzteres vor.
5) Was Europa rational will (ohne moralische Verpackung)
Europa hat drei strategische Bedürfnisse – und Indien passt in alle drei:
(1) Resilienz durch Diversifizierung
Wenn Lieferketten geopolitisch werden, wird „Abhängigkeit“ zum Preisfaktor. Europa braucht mehr als ein „China‑oder‑nichts“‑Ökosystem.
(2) Standards mit Gewicht
Wer in Tech, Daten, Industrie und Klima Standards setzt, schreibt nicht nur Regeln – er exportiert Macht im Gewand der Norm.
(3) Ordnungspolitik / „rules‑based“ als Eigeninteresse
Nicht, weil Europa „besser“ wäre, sondern weil ein System aus Regeln, Rechtswegen und Verlässlichkeit für offene Volkswirtschaften günstiger ist als ein System aus Drohung, Zöllen und Erpressbarkeit.
Dass die EU den Gipfel explizit auch als Beitrag zum Schutz der „rules‑based international order“ rahmt, ist deshalb nicht Pathos, sondern Interessenpolitik.
6) Was Indien rational will (und warum Europa dafür relevant ist)
Indiens demografische Dividende ist keine automatische Rendite. Sie ist eine Investitionsentscheidung – mit Zeitdruck.
Indien will (und muss) typischerweise:
(1) Jobs & Produktivität skalieren
Mehr Menschen werden nur dann zum Vorteil, wenn sie produktiv werden können – über Bildung, Industrie, Services, Infrastruktur.
(2) Marktzugang in einem Hochpreis‑Markt
Ein FTA mit der EU ist für Indien nicht „West‑Prestige“, sondern potentiell ein Hebel für Export‑Upside, gerade in Sektoren wie Textilien, Elektronik, Chemie. Reuters berichtet, dass beide Seiten eine Ankündigung zur Beendigung der FTA‑Verhandlungen beim Gipfel am 27. Januar erwarten.
(3) Technologie & Kapital – ohne strategische Abhängigkeit
Indien sucht Kooperationen, die Wachstum ermöglichen, aber politisch autonom bleiben. Europa ist dafür interessanter als viele glauben: groß genug, regelbasiert genug, und (wichtig) nicht nur „Security‑Partner“, sondern Investitions‑ und Standard‑Partner.
7) Die Messlatte: Sechs Outcomes, an denen man den Gipfel messen kann
Wenn dieser Gipfel historisch sein soll, dann nicht wegen der Kulisse, sondern wegen Deliverables. Hier sind sechs Outcomes, die einen „bestmöglichen Ausgang“ definieren – aus Sicht beider Seiten.
Outcome A: FTA – nicht nur „Fortschritt“, sondern ein Pfad zur Unterschrift
Die Verhandlungen laufen offiziell seit 2007 und wurden 2022 neu gestartet.
Best‑Case ist daher nicht ein weiteres „wir sind optimistisch“, sondern mindestens:
- politische Verständigung auf Abschluss oder verbindliche Roadmap (Legal Scrub → Signatur → Ratifikation)
- plus ein Mechanismus, wie heikle Kapitel (z.B. Autos, Regulatorik) final entschieden werden.
Outcome B: Carbon‑/Regulatorik‑Brücke (CBAM & Co.) – Kompatibilität statt Dauerkrise
Reuters nennt EU‑Carbon‑Levies und andere Non‑Tariff‑Barriers explizit als Knackpunkt.
Best‑Case wäre ein technischer Pfad: Reporting‑Kompatibilität, Übergänge, Kooperation bei Mess‑ und Verifikationsstandards – damit Klima nicht zum Handelskrieg wird.
Outcome C: Security & Defence – von Gesprächen zu Formaten
Die EU‑Seite betont Security & Defence als Top‑Agenda und spricht von einer anzustrebenden Security‑&‑Defence‑Partnerschaft.
Reuters berichtet zudem über Erwartungen, dass eine Security‑/Defence‑Vereinbarung parallel zum Gipfel unterzeichnet werden könnte.
Best‑Case wäre: feste Dialogformate, maritime Zusammenarbeit, Schutz kritischer Infrastruktur – also „operationalisierungstauglich“, nicht nur „gemeinsame Werte“.
Outcome D: Mobility – Talent als strategische Währung
Reuters nennt eine erwartete Mobility‑Vereinbarung für hochqualifizierte Arbeitskräfte und Studierende.
Best‑Case wäre: klare Programme, Anerkennungs‑/Visa‑Erleichterungen, und „People‑to‑People“ nicht als Kulturprogramm, sondern als strategische Pipeline.
Outcome E: Connectivity / Global Gateway – Projekte, die man auf einer Karte zeigen kann
Es gibt bereits zugesagte > €15 Mrd. (2021–2025) im Global‑Gateway‑Kontext.
Best‑Case ist ein Update: neue Projektpipeline (Digital, Energie, Transport) mit Zeitplan, Financing‑Structure und Ownership – keine reinen Absichtserklärungen.
Outcome F: Tech & Innovation – gemeinsame Standards statt parallele Ökosysteme
Der Gipfel‑Frame nennt „Technology & innovation“ explizit als Pfeiler.
Best‑Case wäre eine Handvoll sichtbarer Pilotprojekte: interoperable digitale Infrastrukturen, vertrauenswürdige Datenräume, gemeinsame Forschungsschwerpunkte – dort, wo beide Seiten Skalierung und Rechtsrahmen verbinden können.
8) Die vier Reibungspunkte, die man nicht wegmoderiert
Seriosität heißt: man benennt die Konfliktlinien, bevor sie einen später in der Umsetzung zerlegen.
- Autos & Industriezölle: Indiens Zurückhaltung bei starken Zollsenkungen auf Autoimporte wird als Streitpunkt beschrieben.
- Carbon‑Kosten / CBAM: Indische Sorgen zu EU‑Carbon‑Levy‑Mechaniken werden explizit genannt.
- Non‑Tariff‑Barriers & Regulierungsdichte: Wenn Standards zu Marktzugangshürden werden, entsteht politischer Widerstand – selbst bei ökonomischem Nutzen.
- EU‑Ratifikation & Zeit: Reuters weist darauf hin, dass EU‑Ratifikation (inkl. Europäisches Parlament) Zeit braucht – selbst nach politischer Einigung.
Ein guter Gipfel ist nicht der, der diese Punkte vermeidet – sondern der, der sie in ein lösbares Verfahren übersetzt.
9) Was Erfolg ausdrücklich nicht ist
Erfolg ist nicht:
- ein Communiqué, das alles verspricht und nichts terminiert.
- ein Foto, das Freundschaft zeigt, aber keine Mechanik hinterlegt.
- eine Vision, die keine Budgetlinie findet.
Wenn demografische Schwerkraft wandert, werden „nette Worte“ billiger – und „lieferfähige Institutionen“ teurer. Das gilt für Indien. Es gilt genauso für Europa.
10) Schluss: Aus Schwerkraft wird Richtung – oder eben nicht
Die Welt steuert nicht auf ein einziges Zentrum zu, sondern auf eine multipolare Ordnung. Der demografische Kipppunkt war das Signal. Der Gipfel in New Delhi ist die Frage: Können zwei große Demokratien eine Partnerschaft bauen, die den nächsten Jahrzehnten standhält – wirtschaftlich, technologisch, sicherheitspolitisch und sozial?
Und hier liegt die eigentliche Pointe des 2100‑Blicks:
Die UN‑Projektionen deuten an, dass die Weltbevölkerung um die 2080er herum bei etwa 10,3 Milliarden ihren Peak erreicht und bis 2100 ungefähr bei 10,2 Milliarden liegt – Wachstum wird langsamer, Konkurrenz um Produktivität wird härter.
In dieser Welt gewinnt nicht, wer am lautesten „Zukunft“ sagt – sondern wer Partnerschaften baut, die Zukunft produzieren.
Demografie verschiebt die Schwerkraft.
Aber Partnerschaften entscheiden, ob aus Schwerkraft Richtung wird.