€1000/h oder €0/h: Die Zwei-Preise-Methode für radikale Klarheit

0:00 / 0:00

Es gibt eine Szene, die ich immer wieder vor mir sehe: ein Schalter. Metall. Schwer. Nicht das billige Plastik‑Klick‑Ding, das man nebenbei bedient, sondern so ein Teil, bei dem der Finger kurz innehält, weil er spürt: Das ist eine Entscheidung.

Genau so behandle ich Zeit inzwischen auch. Nicht als „Kalenderfüllstoff“, nicht als gleichförmige Masse, nicht als moralisches Rohmaterial, das man beliebig in Pflichten verwandeln darf. Sondern als zwei Modi.

Und ja: ich drücke das in zwei Preisen aus. Provokant. Absichtlich grob. Damit es wirkt.

Kurz:

Arbeit bepreise ich mental mit €1000/h. (Nicht, weil ich so viel verlange. Sondern weil diese Zahl mich zwingt, ernst zu werden.)

Leidenschaft bepreise ich mental mit €0/h. (Nicht, weil sie „nichts wert“ ist. Sondern weil sie nicht durch ROI‑Gerede vergiftet werden darf.)

• Das Ergebnis ist nicht „mehr Hustle“, sondern weniger Beschäftigungstherapie – und mehr echte Wirkung.

Wenn dich die Zahlen triggern: gut. Der Trigger ist Teil des Systems. Wir kommen gleich dazu.

Die Methode in einem Satz

Behandle Arbeitszeit wie ein extrem teures Gut – und Leidenschaft wie einen Raum, in dem du nichts beweisen musst.

Das klingt banal. Ist es nicht.

Denn die meisten von uns machen (meist unbewusst) das Gegenteil:

• Wir geben Arbeit für €0/h weg: endlose Meetings, Email‑Pingpong, Kleinkram, „kannst du mal kurz“, Entscheidungen ohne Entscheidung.

• Und wir verlangen von Leidenschaft €1000/h: „Lohnt sich das?“, „Bringt das was?“, „Wird daraus irgendwann ein Produkt?“, „Ist das effizient?“

Diese Umkehr ist die heimliche Quelle von Ineffektivität – und von Müdigkeit.

Warum €1000/h funktioniert

€1000/h ist keine betriebswirtschaftliche Zahl. Es ist eine Zumutbarkeitsgrenze.

Stell dir vor, du müsstest jede Stunde „Arbeit“ bar bezahlen – am Ende des Tages. Nicht mit Geld, sondern mit einem sehr knappen Konto namens Aufmerksamkeit, Gesundheit, Geduld, Beziehungskapazität.

Bei €1000/h würdest du plötzlich Dinge tun, die du eigentlich längst tun solltest:

1. Du würdest klarer definieren, was „fertig“ heißt.

Nicht: „Wir sprechen mal drüber.“

Sondern: „Am Ende steht eine Entscheidung / ein Dokument / ein Commit / ein Go‑No‑Go.“

2. Du würdest den Preis des Kontextwechsels sehen.

Das Problem ist selten die Arbeit selbst. Es ist das ständige Umschalten.

(Und ja: jedes „nur kurz“ ist oft ein Kontextwechsel in Verkleidung.)

3. Du würdest nicht mehr höflich bei Ineffizienz mitspielen.

Höflichkeit ist eine Tugend. Aber Höflichkeit ist auch ein hervorragender Tarnmantel für Verschwendung.

€1000/h ist die Zahl, die mich dazu bringt, auf eine Frage zu bestehen, die fast nie gestellt wird:

„Wenn das wirklich €1000/h kostet – was ist hier der Output?“

Und plötzlich wird vieles lächerlich. Nicht im Sinne von „ich bin besser“, sondern im Sinne von: Warum tun wir so, als wäre das normal?

Warum €0/h noch wichtiger ist

Jetzt kommt der Teil, den viele übersehen: €0/h ist nicht die „weiche“ Seite. Es ist die gefährlichere – und die heiligere.

Leidenschaft ist der Ort, an dem du:

• ohne Publikum denken darfst,

• ohne Ergebnis spielen darfst,

• ohne Rechtfertigung lernen darfst,

• ohne KPI wieder du selbst wirst.

Sobald du Leidenschaft mit „Return“ besteuerst, passiert etwas Giftiges:

• Du beginnst zu performen statt zu erkunden.

• Du wählst nur noch das, was wahrscheinlich klappt.

• Du verlierst genau die Eigenschaft, die Leidenschaft produktiv macht: Unschuld.

Und jetzt die Ironie:

Wenn du Leidenschaft als €0/h behandelst, wird sie oft später zu den besten €1000/h‑Stunden deines Lebens – aber als Nebenprodukt, nicht als Forderung.

€0/h ist die Art, wie man einem System sagt:

„Hier darf etwas entstehen, das ich noch nicht benennen kann.“

Das ist nicht romantisch. Das ist pragmatisch. Denn die Welt wird nicht von denen verändert, die nur das tun, was man bereits abrechnen kann.

Zwei Modi, zwei Wahrheiten

Damit wir uns nicht missverstehen:

Arbeit (€1000/h) bedeutet nicht

• dass du dich ausbeuten musst,

• dass alles monetarisiert werden muss,

• dass du ein „High‑Performer“ sein musst.

Es bedeutet nur:

Wenn es Arbeit ist, darf es nicht billig erledigt werden.

Leidenschaft (€0/h) bedeutet nicht

• dass du dich treiben lässt,

• dass du nie Grenzen setzt,

• dass du alles „aus Spaß“ machen musst.

Es bedeutet nur:

Wenn es Leidenschaft ist, darf es nicht durch Rechtfertigung vergiftet werden.

Und ja – es gibt Dinge, die sind beides. Dann ist der Trick: splitten. Nicht mystifizieren.

„Podcast machen“ ist selten „beides“.

Ideen sammeln kann €0/h sein.

Sponsorenmails beantworten ist €1000/h.

Produktion kann irgendwo dazwischen liegen – und genau deshalb muss man sie sauber trennen.

Die 5‑Schritte‑Umsetzung

1) Brutal sortieren: Arbeit oder Leidenschaft

Nimm deine To‑dos (oder besser: deinen Kalender der letzten Woche) und markiere jedes Element als:

A = Arbeit (€1000/h)

L = Leidenschaft (€0/h)

Keine Mischkategorie. Wenn du zögerst, ist es meistens Arbeit, die du romantisch verkleidest.

Merksatz:

Wenn du es nur tust, weil du „musst“, ist es Arbeit.

Wenn du es tust, obwohl du nicht musst, ist es wahrscheinlich Leidenschaft.

2) Der €1000/h‑Filter: streichen, delegieren, bündeln, standardisieren

Für alles, was A ist, gilt:

Wenn das Ergebnis nicht plausibel den Wert dieser Stunde rechtfertigt: raus damit.

Und „Wert“ heißt nicht nur Geld. Es kann auch sein:

• Risiko minimiert,

• Klarheit geschaffen,

• Entscheidung getroffen,

• Beziehung stabilisiert,

• echte Qualität geliefert.

Vier Fragen, die fast immer reichen:

1. Was wäre die einfachste Version, die den Job erledigt?

2. Wer sollte das eigentlich machen – wenn nicht ich?

3. Kann ich das als Standard bauen, statt es jedes Mal neu zu denken?

4. Kann ich es bündeln, statt es in 17 Mikromomenten zu zerreißen?

Wenn du es ehrlich machst, reduziert sich deine „Arbeit“ drastisch. Nicht, weil du weniger verantwortungsvoll bist, sondern weil du aufhörst, Verantwortung mit Kleinkram zu verwechseln.

3) Die €0/h‑Schiene: Leidenschaft bekommt einen Slot

Leidenschaft ist nicht das, was „übrig bleibt“.

Wenn sie übrig bleibt, bleibt sie meistens nicht.

Also: Zeitblock im Kalender.

Nicht als „Belohnung“, sondern als Infrastruktur.

Und ja, auch hier: klare Rahmen.

• Startzeit.

• Endzeit.

• Ein Satz Ziel: „Ich will heute nur spielen / nur lesen / nur bauen.“

Das Ziel ist nicht Output. Das Ziel ist Zustand.

4) Zwei Währungen tracken: Ergebnis und Energie

Die meisten Menschen tracken nur Ergebnis (und wundern sich, warum sie austrocknen) oder nur Energie (und wundern sich, warum nichts fertig wird).

Ich tracke beides – aber getrennt.

• Arbeit: Was habe ich entschieden / geliefert / abgeschlossen?

• Leidenschaft: Wie fühle ich mich danach? (klarer? ruhiger? mutiger? lebendiger?)

Wenn deine Leidenschaft dich regelmäßig schlechter fühlen lässt, ist es keine Leidenschaft, sondern meistens Flucht.

5) Wöchentlicher Check: Wo habe ich mich belogen?

10 Minuten. Ehrlich. Ohne Drama.

• Wo habe ich €1000/h‑Arbeit billig gemacht?

(z.B. unvorbereitetes Meeting, halbfertige Entscheidung, zu große Verteiler, „wir schauen mal“)

• Wo habe ich €0/h‑Leidenschaft geopfert, um „brav“ zu sein?

(und mich dafür mit fünf Stunden Scrollen betäubt)

Dieser Check ist der eigentliche Motor. Nicht die Methode.

Die Methode ist der Schalter. Der Check ist das regelmäßige Umlegen.

Konkrete Beispiele (damit es nicht Theorie bleibt)

Beispiel 1: Meetings

€1000/h‑Standard:

Ein Meeting ohne Entscheidung ist ein Gespräch. Ein Gespräch ist okay. Aber dann nenn es nicht Meeting.

Minimal‑Regel:

• Agenda in 3 Punkten.

• Eine Entscheidung, die am Ende getroffen wird.

• Owner.

• Deadline.

Wenn das fehlt: streichen oder asynchron.

Beispiel 2: E‑Mails und „kurz“

E‑Mails sind oft Arbeit, die so tut, als wäre sie Kommunikation.

€1000/h‑Frage:

„Was ist die kleinste Antwort, die den nächsten Schritt auslöst?“

Oft ist das:

• ein klarer Vorschlag,

• zwei Optionen,

• eine Bitte um Go/No‑Go.

Nicht ein Roman. Nicht fünf Nebenthemen. Nicht eine kleine Weltgeschichte der Gründe.

Beispiel 3: Kreativarbeit

Viele machen den Fehler, Kreativität zu „optimieren“ – und wundern sich, dass sie versiegt.

€0/h‑Regel:

• Heute ist das Ziel: eine Skizze, keine Veröffentlichung.

Ein Absatz, kein Kapitel.

Ein Experiment, kein Produkt.

Klingt klein. Ist groß. Weil es die Tür offen hält.

Beispiel 4: Sport / Körper / Gesundheit

Hier passiert die klassische Verwechslung:

• Sport wird zu Arbeit (weil „muss“),

• und Arbeit wird zur Ausrede („ich hab keine Zeit“).

Wenn Sport dich lädt: €0/h.

Wenn Sport sich wie Strafe anfühlt: dann ist es Arbeit – und muss €1000/h‑würdig organisiert werden (kurz, wirksam, planbar, ohne Selbsthass).

Die drei gefährlichen Fallen

1) Die Hustle‑Falle

Wenn du nur den €1000/h‑Teil nimmst, wirst du effizient – und leer.

Du bekommst Output, aber verlierst Kontakt zu dir selbst.

Dann wird „Effektivität“ zur Tyrannei.

Das System braucht €0/h als Gegenlicht. Sonst ist es nur eine schön designte Selbstüberforderung.

2) Die „Leidenschaft als Vermeidung“‑Falle

€0/h ist kein Freifahrtschein fürs Weglaufen.

Ein einfacher Test:

• Nach Leidenschaft fühlst du dich weiter.

• Nach Vermeidung fühlst du dich kleiner (auch wenn es kurz angenehm war).

Wenn du ehrlich bist, kennst du den Unterschied.

3) Die Selbstmythologie‑Falle

„Ich koste €1000/h“ kann ein Ego‑Slogan werden.

Dann ist es vorbei.

Denn die Zahl ist kein Statussymbol. Sie ist eine Erinnerung:

Deine Lebenszeit ist nicht billig. Punkt.

Wenn du dich mit der Zahl über andere stellst, hast du das Prinzip moralisch verloren.

(Und meistens auch praktisch, weil du dann wieder performst, statt zu entscheiden.)

Ein 30‑Minuten‑Start, der wirklich funktioniert

Wenn du nur eine Sache mitnimmst, dann diese kleine Übung:

1. Schreib 20 Aufgaben auf (oder nimm die letzten 20 Kalender‑Blöcke).

2. Markiere 5 davon als €1000/h‑Arbeit.

3. Bei diesen 5: eliminiere 2 sofort. Radikal.

(Wenn du denkst „geht nicht“: delegieren/bündeln/standardisieren – aber nicht „so lassen“.)

4. Markiere 3 Dinge als €0/h‑Leidenschaft.

5. Blocke diese 3 in den Kalender – real. Diese Woche. Nicht „irgendwann“.

Danach wird sich dein System nicht „perfekt“ anfühlen.

Aber es wird sich anfühlen wie eine Wahrheit, die endlich ausgesprochen wurde.

Schluss: Der Schalter ist kein Symbol. Er ist eine Praxis.

Die Methode ist nicht „Zeitmanagement“.

Sie ist eine kleine Ethik der Aufmerksamkeit.

Sie sagt:

• Arbeit verdient Ernsthaftigkeit.

• Leidenschaft verdient Freiheit.

• Und beides verdient klare Grenzen.

Wenn du das ein paar Wochen machst, passiert etwas Merkwürdiges:

Du arbeitest weniger „stundenmäßig“ – und erreichst mehr.

Und du machst mehr Leidenschaft – ohne schlechtes Gewissen.

Nicht weil du plötzlich disziplinierter bist.

Sondern weil du endlich aufgehört hast, Zeit so zu behandeln, als wäre sie ein kostenloses Gut.

Und genau da, an dieser Stelle, klickt der Schalter.

×