Das Wort ist alt. Es riecht ein wenig nach Bibel und nach vergessenen Predigten; und gerade deshalb ist es mir, beim Schreiben dieses Epilogs, sympathisch geworden. Denn unsere Zeit hat, für das Gute, zu viele Vokabeln, die entweder nach Werbung klingen (Wellness, Selfcare, Longevity) oder nach Pflicht (Optimierung, Leistung, Disziplin). Uns fehlt, merkwürdigerweise, ein Wort für das Gute, das nicht verkauft und nicht befiehlt. „Erquicklich“ könnte eines sein: nicht das Perfekte, nicht das Maximierte, sondern das, was erquickt – was erfrischt, stärkt, aufrichtet, ohne zu peitschen.
Erquicklich ist, in einem ersten, sehr einfachen Sinn: Ruhe, die nicht durch Betäubung entsteht. Nicht das „Runterkommen“ im Sinne einer Dämpfung, sondern das Stillwerden im Sinne einer Ordnung, die nicht von außen kommt, sondern von innen. Es ist erquicklich, wenn der Ring – dieser kleine Priester – einmal nichts zu melden hat, nicht weil er abgenommen wird, sondern weil er, für einen Moment, belanglos wird. Es ist erquicklich, wenn ein Mensch nicht schläft, weil er „alles richtig“ gemacht hat, sondern weil sein Inneres müde genug ist, sich hinzugeben.
Erquicklich ist aber auch: Wahrheit, die nicht grausam ist. Eine Zahl, die nicht droht, sondern informiert. Ein Logbuch, das nicht kontrolliert, sondern erinnert. „Measure what matters“ – ja; aber erquicklich wird dieser Satz erst, wenn man dazu auch die Gnade hat, nicht alles zu messen, was möglich ist. Erquicklich ist, dass System 2 überhaupt existiert: dieser langsame, anstrengende Denker in uns, der nicht automatisch reagiert, sondern entscheidet; der nicht sofort zuschlägt, sondern fragt: Lohnt es sich? Muss ich das jetzt wirklich sagen? Muss ich mich wirklich in diesen Streit ziehen lassen? Der Löwe in der Fabel, so unerquicklich er als König der Herablassung wirkt, hat in einem Punkt recht: Es ist unlogisch, Zeit mit dem Esel zu verschwenden.
Erquicklich ist: Kraft. Nicht als Eitelkeit, sondern als Fähigkeit. Es ist erquicklich, wenn der Körper wieder etwas kann, was er nicht mehr konnte; wenn die Treppe im Hotel nicht nur Dekor ist, sondern Entscheidung; wenn Gehen nicht nur Zahl ist, sondern Bewegung. Erquicklich ist der Moment nach dem Königssatz, wenn der Mensch, brennend und erschöpft, zugleich spürt: Ich bin nicht nur Zuschauer meines Lebens, ich bin Handelnder. Und erquicklich ist, paradox genug, auch die Anstrengung selbst – nicht weil sie angenehm wäre (sie ist es selten), sondern weil sie uns aus jener modernen, schlaffen Unerquicklichkeit herausholt, in der alles weich ist und doch nichts gut.
Erquicklich ist: Grenzen. Das ist ein Punkt, den der Roman – über Morgenstern – beinahe leiser, aber vielleicht deutlicher als alle Werte und Ringe formuliert. Respekt, Mitgefühl, Verantwortung, Sicherheit, Partnerschaftlichkeit: Das sind keine „Soft Skills“, das sind Schutzmauern um die Lilien. Und Lilien – ich habe sie im Text als Blumen von zweifelhafter Höflichkeit beschrieben – sind in Wahrheit die empfindlichsten Wesen: sie verkünden nicht, sie brauchen Schutz. Erquicklich ist, Blutegel zu erkennen, nicht aus Härte, sondern aus Liebe. Erquicklich ist, sich nicht mehr ausnutzen zu lassen – nicht, weil man „stärker“ wirken will, sondern weil man sonst das Beste, was man hat, ständig in kleine, sinnlose Kämpfe abfließen lässt.
Erquicklich ist: das rechte Maß des Verweilens. Ich weiß, das klingt nach dem Spruch, den ich im Prolog bereits befragt habe; und ja, ich gebe zu, ich kann mich diesem Satz nicht entziehen, weil er die ganze Dialektik dieses Buches in drei Zeilen trägt: Freude dem, der kommt. Friede dem, der verweilt. Freude dem, der geht. In meinem Roman habe ich den Frieden unterschlagen, weil ich – zauberbergverführt, unerquicklich ehrgeizig – das Haus, das mich beruhigt hat, in Unruhe färben musste, um überhaupt erzählen zu können. Aber in einem Epilog darf man es aussprechen: Friede ist nicht Langeweile. Friede ist nicht Stillstand. Friede ist jene Qualität der Zeit, in der man nicht flieht, aber auch nicht klebt; in der man bleibt, ohne zu versacken; in der man geht, ohne zu desertieren.
Und zuletzt – und das ist vielleicht die eigentliche, literarische Erquicklichkeit – ist erquicklich: die Fähigkeit, sich selbst zu sehen, ohne sich zu verachten. Hans Castorp hat gelernt, dass Masken nicht nur aufgesetzt werden, sondern auch nicht abgesetzt. Ich habe beim Schreiben gelernt, dass Worte dasselbe tun können: Sie können Maske sein oder Blick. „Unerquicklich“ war oft Maske, ein ironisches Tuch über einer peinlichen Wahrheit. „Erquicklich“ soll, wenn es mir gelingt, Blick sein: ein Versuch, das Gute zu benennen, ohne es zu verkitschen.
Wenn ich also, verehrte Leserin, verehrter Leser, aus diesem Roman – aus seinen Ringen und Rettungsringen, seinen Kuppeln und Kameras, seinen Stollen und Lilien, seinen Cubes und Lagunen, seinem blauen Gras und roten Wasser – in wenigen Sätzen destillieren soll, was ich für ein langes, gesundes, glückliches Leben als erquicklich empfinde, dann vielleicht so:
Es ist erquicklich, die Wahrheit über sich selbst nicht als Urteil zu behandeln, sondern als Material.
Es ist erquicklich, sich Grenzen zu erlauben: gegenüber dem Lärm, gegenüber dem Streit, gegenüber den Blutegeln, gegenüber der eigenen Versuchung, zu lange zu bleiben.
Es ist erquicklich, den Körper nicht als Projekt der Eitelkeit zu benutzen, sondern als Gefäß der Freiheit: damit man gehen kann, wenn man gehen muss, und bleiben kann, wenn man bleiben will.
Es ist erquicklich, Schönheit nicht als Besitz zu missverstehen, sondern als Begegnung: ansehen, danken, weitergehen, bevor sie zur Sucht wird.
Es ist erquicklich, die Sprache so zu gebrauchen, dass sie nicht verletzt, nicht beschämt, nicht ironisch zersticht, wo Zärtlichkeit nötig wäre – und dass sie dennoch wahr bleibt.
Oder auch, im Geiste Tonios, im Sinne des Schaffens, und doch nun auf eine erquickliche Weise anders:
Es ist erquicklich, bestforming als bei Bedarf wiederholbaren Übergangszustand der Optimierung, aber auch Selbstfürsorge und Reflexion zu schaffen.
Es ist erquicklich, es zu schaffen, sich im Leben ohne Fingerring auf die eigenen Lilien zu konzentrieren.