„Unerquicklich“ war, in diesem Sinne, auch: komisch. Komisch nicht als bloßer Witz, sondern als Erkenntnisform. Dieses Lachen, das nicht erlöst, sondern entlarvt. Es ist komisch, dass man in einem Haus des Lebens ausgerechnet Lilien aufstellt, die so feierlich duften, als seien sie bereits für einen Abschied gedacht. Es ist komisch, dass man „Hygiene“ sagt, wenn man eigentlich „Angst“ meint. Es ist komisch, dass man das Gerät, das uns ausmisst, so diskret macht, dass es wie Schmuck aussieht – und dass man damit, mit einer Art eleganter Unanständigkeit, die Kontrolle ans Herz legt, als wäre sie Zierde. Es ist komisch, dass ein Mensch, der nicht mehr der Esel sein will, auf dem Display seines Ringes ausgerechnet einen blauen Kreis leuchten sieht: blaues Gras, Wahrheit und Algorithmus in einem kleinen, kalten Widerspruch.
Aber das Wort war noch etwas anderes, und vielleicht war das sein eigentlicher Dienst: Es war das Zeichen für jene Stellen, an denen die Dinge nicht nur lästig, nicht nur komisch, sondern moralisch unangenehm werden; jene Stellen, an denen man sich nicht mehr nur ärgert, sondern ertappt fühlt.
Ich habe es „unerquicklich“ genannt, wenn Hans Castorp lächelt und dabei weiß, dass er lächelt. Dieses Bewusstsein des eigenen Ausdrucks – dieses kleine Theater, das wir vor anderen und vor uns selbst spielen – ist nicht nur eitel, es ist auch traurig. Ich habe es „unerquicklich“ genannt, wenn ein Mann langsam isst, nicht aus Genuss, sondern weil langsames Essen die letzte Form von Kontrolle ist, wenn die Nacht die Kontrolle genommen hat. Ich habe es „unerquicklich“ genannt, wenn man in Zahlen lebt: wenn die Manschette summt und der Wert erscheint und man sich, trotz aller Vernunft, fühlt, als sei man nicht mehr Mensch, sondern Kurve. Denn Zahlen sind, verehrte Leserin, verehrter Leser, die höflichste Form der Drohung: sie schreien nicht; sie bleiben.
Und dann, im zweiten Teil des Romans, in der Lagune, nimmt dieses Wort eine Färbung an, die kaum noch nervig heißt, sondern süßlich. Unerquicklich wird dort das Schöne. Unerquicklich wird das Bekannte, das man im Voraus kennt, bevor man es sieht – jene Art von Schönheit, die uns schon als Postkarte, als Film, als Klang, als Sehnsucht geliefert wurde und die deshalb, wenn sie endlich vor uns steht, nicht mehr Unschuld hat, sondern Anspruch. Unerquicklich wird, in Venedig, die Erkenntnis, dass Schönheit Lärm ist; dass sie das Innere nicht beruhigt, sondern beschäftigt; dass sie, mit ihrer feuchten, goldenen Art, den Menschen nicht tröstet, sondern bindet.
Unerquicklich wird auch das Bleiben.
Das ist, wenn man es zu Ende denkt, die große Linie, die dieses Wort im Roman zieht: Es markiert den Übergang von einer Welt, die uns nervt, zu einer Welt, die uns verführt – und beide Male, so verschieden die Gefühle sind, geht es um dieselbe Frage: Wer hat die Macht über meine Zeit?
Der Berg – das wissen wir seit dem Zauberberg – ist ein Ort der anderen Zeit. Er ist Schule, Verführung, Ausrede, Erkenntnis. Und die Sonnenalp, so sehr sie real und vertraut und zugleich literarisch verfremdet ist, hat diese Zeit übernommen: erst als Komfort, dann als Programm, dann als Optimierung. Und am Ende, in der Lagune, wird aus Optimierung eine Maske: eine Form, die schützt, aber auch isoliert; eine Form, die den Körper stark macht und das Innere dennoch nicht zur Ruhe bringt.
An diesen Punkten war „unerquicklich“ mein Stoppzeichen. Es war das Wort für: Hier kippt etwas. Hier wird etwas wahr, das man lieber nicht wahr hätte. Hier wird die Ironie zur Moral.
Und nun, verehrte Leserin, verehrter Leser, stellt sich die Frage, die man in einem Epilog nicht umgehen darf, ohne sich vor sich selbst zu schämen: Wenn „unerquicklich“ so viel leisten konnte – was ist dann, im Umkehrschluss, „erquicklich“?