Abschnitt 1

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Verehrte Leserin, verehrter Leser,

es ist unerquicklich, mit einem Wort zu enden, das sich so beharrlich in einen Text hineingeschrieben hat, als gehöre es nicht zur Stilfrage, sondern zur Physiologie; als sei es kein Adjektiv, sondern ein kleiner Muskelreflex. Und doch will ich genau damit beginnen, alldieweil ich Ihnen ja versprochen habe, dieses Wort nicht nur zu benutzen, sondern es am Ende auch zu befragen – wie man einen Gast befragt, der zu lange geblieben ist und dessen Mantel bereits über der Armlehne hängt.

„Unerquicklich“ – das ist, zunächst, im schlichtesten Sinn: nervig. Es ist das, was uns an der Moderne nicht das Großartige, sondern das Klebrige ist. Nicht die Technik an sich, sondern ihre Höflichkeit; nicht die Programme, sondern ihre ständige Einladung. Es sind diese freundlichen Diagramme, die aussehen, als wollten sie uns beruhigen, während sie uns in Wahrheit nur erinnern, dass wir etwas zu tun haben. Es sind die Benachrichtigungen, die immer „nur kurz“ etwas sagen wollen und dann, wie alle ungebetenen Ratgeber, das Innere mitbeschäftigen. Es ist die Tatsache, dass man heute selbst Schlaf – dieses letzte Naturrecht, dieses alte, tierische Versinken – in Kategorien, Scores, Prozente und eine „Readiness“ verwandelt hat, die klingt wie eine Tugend, aber sich anfühlt wie ein Dienstplan.

Nervig ist, mit einem Wort, die dauernde Aufforderung zum Bessersein – und zwar nicht heroisch, sondern hygienisch: als müsse man die Seele mit einer Bürste schrubben und den Charakter mit einem Update versehen. Nervig ist, dass sogar das Vergnügen, dieses alte anarchische Feld, nicht mehr ohne Konzept auskommt: Fotobox statt Photographie, Networking statt Plauderei, Longevity statt Leben. Nervig ist, dass man dem Menschen inzwischen so misstraut, dass man sogar das Flackern der Kerze imitiert, weil das echte Flackern als zu unberechenbar gilt.

In diesem Sinn war „unerquicklich“ im Roman oft ein leiser Seufzer; ein Etikett für das Kleine, das stört. Und die Sache wäre damit erledigt, wenn das Nervige nicht – wie so vieles Nervige – nur die Oberfläche wäre.

Denn das Wort ist, sobald es ein zweites Mal auftaucht, nicht mehr bloß Ärgernis, sondern Methode. Es wird eine Geste der Distanz, ein trockenes Zwinkern, ein Schutz vor dem Pathos. Ich habe es gebraucht, um mich selbst, beim Schreiben, daran zu hindern, die Sonnenalp, den Berg, die Kälte, das Licht, die Kuppeln, die Ringe, die Versprechen, die Mantras – all das – in Ehrfurcht zu tränken. Man kann, verehrte Leserin, verehrter Leser, vor Hotels ebenso rührselig werden wie vor Kathedralen; und Hotels sind, wenn man ehrlich ist, die Kathedralen unserer Gegenwart: sie haben ihre Liturgie, ihre Gewänder, ihre heiligen Gegenstände (Karte, Schlüssel, Band am Handgelenk, Ring am Finger), und sie haben, vor allem, die Möglichkeit, uns für ein paar Tage so zu behandeln, als wären wir wichtiger als unsere eigenen Fehler.

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