Abschnitt 1

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Es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie sehr der Mensch – dieses doch so geschwätzige, so begriffslüsterne Tier – sich von Kreisen beruhigen lässt. Man zeichnet sie in Schulhefte, um Ordnung zu üben; man setzt sie in Programme, um Fortschritt zu simulieren; man hängt sie als Leuchter in Hallen, damit das Licht nicht bloß leuchte, sondern auch formell sei; man legt sie ins Wasser als Rettungsring, als Versprechen, dass selbst der Abgrund, wenn er schon da ist, wenigstens eine Griffkante habe. Und man trägt sie am Finger, als Schmuck, als Siegel, als Auge – als kleiner, diskreter Kreis, der zugleich sagt: Ich gehöre. Und: Ich werde gezählt.

Der Kreis ist die freundlichste Geometrie, weil er keine Richtung kennt. Er ist, wenn man so will, die Form des Bleibens.

Und doch – und das ist seine Bosheit – ist er auch die Form des Wiederkehrens. Denn wer im Kreis läuft, kommt nicht voran; er kommt nur wieder an den Anfang, nur ein wenig müder, nur ein wenig erfahrener, nur ein wenig näher an jenem Ende, das er so gern „Ziel“ nennt, um nicht „Tod“ sagen zu müssen.

Hans Castorp wusste das, ohne es zu wissen. Er war nicht der Mann, der Kreise zeichnete; er war der Mann, der sich in ihnen bewegte. Und gerade deshalb musste er, als er in diesen Tagen in Venedig erwachte, einen Augenblick lang – nur einen, aber er war scharf genug – das Gefühl haben, er sei an einem Punkt angekommen, an dem die Kreise, die ihn getragen hatten, beginnen, sich zu schließen.

Er wachte früh auf.

Nicht, weil er ausgeschlafen war – Schlaf ist, wie wir wissen, keine Eigenschaft mehr, sondern eine Kennzahl –, sondern weil die Luft in seinem Zimmer bereits warm war, warm auf eine Art, die nicht tröstet, sondern klebt. Das Licht fiel nicht frisch, nicht nordisch, nicht bergklar durch die Vorhänge, sondern es kroch, gelblich, weich und zugleich unerquicklich gierig, über die Möbel, als wolle es alles besitzen, was es berührt. Draußen hörte man Wasser.

Nicht das brave Wasser eines Beckens, das man in einem Wellnessresort mit Kugeln dekoriert; nicht das ordentliche Wasser eines Pools, in dem die Blasen die Funktion haben, zu vergnügen. Sondern dieses andere Wasser, das keine Funktion hat, außer zu sein: Es schlug gegen Stein, gurgelte, rieb, zog, als wüsste es, dass Stein und Mensch ihm gleichgültig sind.

Hans Castorp griff – reflexhaft, wie man nach dem Puls greift, wenn man sich daran gewöhnt hat, dass der Puls eine Nachricht sein kann – nach seiner Hand.

Der Ring war da.

Er leuchtete nicht. Er ist nicht eines jener Produkte, die schreien. Er ist, wie alle wirklich mächtigen Dinge, diskret. Er zeigte ihm Zahlen.

6:41.

17%.

Irgendeine Kurve, irgendein Kreis, der irgendwo blau war, irgendwo grün, irgendwo – je nachdem, wie man die Schwellen setzt. Hans Castorp sah es, und er fühlte – und das war neu –, dass er es nicht mehr glauben wollte.

Er stand auf, ging zum Fenster, schob den Vorhang beiseite.

Venedig lag da.

Es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wie sehr man Venedig im Voraus kennt, bevor man es sieht. Man kennt es aus Bildern, aus Sätzen, aus Musik, aus jener bürgerlichen Bildung, die uns Städte beibringt wie Gedichte. Und dann steht man da und merkt: Das Bekannte ist nur die Maske, und dahinter ist etwas, das sich nicht zitieren lässt, weil es riecht.

Es roch nach Salz und nach Altem. Nach Algen, nach Diesel, nach einem süßen, kaum merklichen Fäulnisduft, der nicht schockiert, sondern sich einträgt, wie ein leiser Eintrag in eine Logdatei. Und zwischen all dem – und das war der erste Stich – lag etwas Chemisches, etwas, das nicht aus Natur kommt, sondern aus Ordnung: ein Desinfektionsgeruch, als habe jemand versucht, diese Stadt, die aus Wasser gebaut ist, mit Hygiene zu retten.

Hans Castorp dachte an Dr. Porsche.

Er dachte an „Hygiene“ als Moral.

Und er dachte, ohne sich zu wundern, an Hibiskus.

Denn auf dem kleinen Tisch stand, wie ein lächerlicher, mitgereister Hausaltar, sein Glas mit dem Tee, den er am Vorabend angesetzt hatte – nicht ganz kochendes Wasser, Hibiskusblüten, Weißtee. Er hatte es getan, weil Ritual, wie Dr. Porsche gesagt hatte, Last in Form verwandelt. Er hatte es getan, weil er nicht ertragen konnte, dass er in einer Stadt, die Zeit aus Wasser macht, ohne seine Zeitrituale wäre.

Er hob das Glas.

Die Farbe war tiefrot.

Tiefrot, wie Dr. Porsche es angekündigt hatte, als hätte er nicht über Tee gesprochen, sondern über Schicksal.

Hans Castorp hielt das Glas gegen das Licht.

Das Rot leuchtete, als sei es gesund. Als sei Rot hier ein Vitalitätsbeweis, nicht ein Warnsignal.

Und dann hörte er unten, auf der Gasse, Stimmen.

Nicht laut, aber mit jener besonderen Aufgeregtheit, die Menschen bekommen, wenn sie etwas wissen, das offiziell nicht gewusst werden darf. Venedig, so begriff Hans Castorp, war in diesen Tagen nicht nur eine Stadt der Masken; sie war auch eine Stadt der Gerüchte.

„Si consiglia…“, hörte er.

Man empfiehlt.

Das Wort Empfehlung hatte ihn seit der Sonnenalp begleitet wie ein Schatten. Empfehlung: der sanfteste Befehl. Empfehlung: die höfliche Gewalt. Empfehlung: die Moderne in einem Wort.

Er zog sich an, langsam, mechanisch, in jener Art, wie man sich anzieht, wenn man zugleich gehen und bleiben will.

Denn das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die eigentliche Krankheit solcher Orte: Sie machen das Bleiben schön, und dadurch wird das Gehen moralisch.

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