Abschnitt 11

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Am Morgen war das Wasser draußen glatt.

Die Lagune lag da, als wäre nichts geschehen.

Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die größte Kränkung des Todes: dass die Welt nicht mitstirbt.

Hans Castorp stand am Fenster.

Er hatte nicht geschlafen. Er hatte gesessen, gesehen, gewartet; und irgendwann war ein Mann gekommen, hatte leise gesprochen, höflich, servicehaft; irgendwann hatte man Gustav fortgebracht, so diskret, als sei er ein Gepäckstück.

Man hatte Hans Castorp Kondolenzen ausgesprochen.

Man hatte ihm Wasser angeboten.

Empfohlen.

Hans Castorp hatte genickt.

Nun stand er da.

Er nahm sein Notizbuch.

Nicht Gustavs. Sein eigenes.

Er setzte sich an den Tisch.

Er legte den Ring ab.

Er legte ihn neben das Glas, und das Glas war leer.

Er nahm den Stift.

Er schrieb.

Nicht Werte. Nicht Puls. Nicht Schritte.

Er schrieb:

Das Wasser war heute Morgen rosig.

Er schrieb:

Es wird empfohlen, nicht zu trinken.

Er schrieb:

Empfehlung ist die höfliche Form der Wahrheit.

Er schrieb:

Ein Schaffender bleibt, weil er glaubt, dass der Satz ihn rettet.

Er schrieb:

Ein Bleibender bleibt, weil er nicht gehen kann.

Er schrieb:

Und doch ist das Gehen manchmal die einzige Hygiene.

Er hielt inne.

Er sah auf die Sätze.

Sie waren nicht schön.

Sie waren nicht geschniegelt.

Sie waren wahr.

Er hörte draußen das Wasser.

Es klang wie immer.

Er spürte, wie ihm etwas in der Brust weh tat – nicht wie Krankheit, nicht wie Blutdruck, nicht wie Gefäßsteifigkeit; sondern wie Verlust.

Er stand auf.

Er trat ans Fenster.

Draußen, im Licht, schimmerte die Lagune an einer Stelle rötlich, weil der Himmel noch ein Restrot trug.

Hans Castorp sah es.

Und er dachte, ganz langsam, willentlich, System zwei:

Man kann die Zeit nicht desertieren.

Man kann sie nur – für einen Abend, für eine Nacht, für ein Programm – dazu bringen, so zu tun, als wäre sie nicht da.

Dann ist sie wieder da.

Er nahm den Ring.

Er hielt ihn in der Hand.

Er spürte sein Gewicht, so klein, so lächerlich.

Er steckte ihn nicht an.

Das ist vielleicht, verehrte Leserin, verehrter Leser, der erste wirkliche Fortschritt, den Hans Castorp gemacht hat.

Er blieb noch einen Moment stehen, sah auf das Wasser.

Und dachte: Es ist rot.

Dann drehte er sich um.

Er ging.

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