Spät in der Nacht – es muss gegen Mitternacht gewesen sein, oder kurz davor; und wenn ich Ihnen, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine Uhrzeit nenne, so tue ich das nicht, weil Uhrzeiten wichtig wären, sondern weil Hans Castorp inzwischen in einer Welt lebte, in der jede Bedeutung eine Zahl haben möchte – sah Hans Castorp auf seinen Ring.
23:59.
Eine Minute vor einem neuen Tag.
Eine Minute vor einem neuen Jahr.
Eine Minute vor… was?
Hans Castorp sah diese Ziffern, und er empfand, wie absurd es ist, dass die Zeit uns immer wieder die Illusion gibt, man könne neu beginnen, nur weil der Zeiger ein Stück weitergeht.
Neben ihm atmete Gustav flach.
Hans Castorp hörte es.
Er sah Gustav an.
Er sah – und das ist unerquicklich zu sagen –, wie die Maske, die Gustav am Morgen getragen hatte, nun keine Rolle mehr spielte. Schweiß hatte sie an den Rändern gelöst; eine kleine Linie an der Schläfe, ein dunkler Schatten am Kragen, wo etwas abgefärbt hatte. Es war nicht viel. Es war ein Hauch.
Nur ein Hauch.
Hans Castorp dachte: Angst ist die älteste Kosmetik.
Er dachte an den Friseur in Davos, an den Parfümgeruch, an das Lächeln. Er dachte an die Erscheinung am Strand, an den Blick.
Er dachte: Man bleibt, weil man etwas sehen will. Und man stirbt, weil man geblieben ist.
Gustav öffnete plötzlich die Augen.
„Sind Sie da?“ fragte er.
Hans Castorp nickte.
„Ja“, sagte er.
Gustav sah ihn an.
„Das Wasser…“ begann er.
Hans Castorp beugte sich vor.
„Ja?“ fragte er.
Gustav lächelte schwach.
„Es ist… rot“, sagte er.
Hans Castorp spürte, wie ihm ein kalter Strom durch den Bauch lief.
„Was meinen Sie?“ fragte er.
Gustav schloss die Augen.
„Alles“, sagte er.
Und dann – es war kein großer Moment, keine dramatische Geste, kein Donner –, wurde es stiller.
Nicht sofort. Nicht plötzlich.
Eher so, als würde ein Geräusch in der Ferne wegfahren.
Hans Castorp saß da.
Er wartete.
Er zählte nicht.
Der Ring vibrierte nicht.
Gustav atmete noch einmal, sehr flach, und dann – nicht als Ereignis, sondern als Abwesenheit – hörte er auf.
Hans Castorp sah ihn an.
Er sagte nichts.
Denn was sollte man sagen?