Sie setzten sich wieder.
Gustav schrieb.
Hans Castorp saß da, und seine Gedanken waren, trotz aller Praxis, trotz aller Rituale, wieder unten auf der Autobahn: Sie fuhren, sie flitzten, sie machten Lärm.
Er sah auf seinen Ring.
Der Ring zeigte ihm, nüchtern, dass sein Puls leicht erhöht war. Er zeigte ihm, dass die Hauttemperatur gestiegen war. Er zeigte ihm, dass der Tag „aktiv“ war.
Es war, als bekäme er, mitten in einer Tragödie, ein Fitness-Feedback.
Hans Castorp empfand eine Wut, die ihm fremd war.
Er nahm den Ring mit der anderen Hand, drehte ihn ein wenig, als könne man durch Drehen etwas ändern.
Er dachte: Ich habe gelernt, Werte zu verbessern. Ich habe nicht gelernt, Menschen zu behalten.
Neben ihm schrieb Gustav.
Dann hörte Hans ein Geräusch.
Es war nicht laut. Es war ein Husten, ein Würgen, etwas, das man am Strand nicht hören will, weil der Strand eine Bühne für Gesundheit sein soll.
Gustav stand plötzlich auf, zu schnell.
Er machte zwei Schritte, blieb stehen, beugte sich leicht vor, als würde er auf etwas schauen – das Wasser vielleicht, die Verfärbung –, und dann ging er, schneller, weg, hinter die Liegen, hinter die Sonnenschirme.
Hans Castorp blieb sitzen.
Er wusste nicht, ob er aufstehen soll. Er wusste nicht, ob er folgen soll. Er wusste nicht, ob er so tun soll, als sei nichts.
Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, der Moment, in dem die Zivilisation sich zeigt: in der Kunst, nicht zu wissen, wie man helfen soll, ohne die Ordnung zu stören.
Hans Castorp stand schließlich auf.
Er nahm, aus einer Bewegung heraus, die nicht bewusst war, seine Thermosflasche – vielleicht, weil sie ihm Halt gab, vielleicht, weil sie ein Gegenstand war, der ihm „Hygiene“ versprach.
Er ging Gustav nach.
Hinter den Liegen war ein schmaler Gang, ein Holzsteg, der zu den Kabinen führte.
Gustav stand dort, an einer Wand, die weiß gestrichen war, und hielt sich mit einer Hand fest. Die andere Hand war vor dem Mund, als würde er etwas zurückhalten.
Hans Castorp trat näher.
„Gustav“, sagte er.
Gustav hob den Blick.
In diesem Blick war keine Maske mehr.
„Gehen Sie“, sagte Gustav.
„Nein“, sagte Hans Castorp.
Gustav lachte kurz – ein trockenes, krankes Lachen.
„Sie sind wie eine Krankenschwester“, sagte er.
Hans Castorp schluckte.
„Ich war nie Krankenschwester“, sagte er. „Ich war…“ Er hielt inne, weil er nicht wusste, was er war.
Gustav schloss kurz die Augen.
„Es ist nichts“, sagte er wieder.
Hans Castorp sah ihn an. Er sah die Feuchtigkeit auf der Stirn, die Blässe unter der Schminke, die leichte Unruhe in den Händen.
„Sie lügen“, sagte er leise.
Gustav öffnete die Augen.
„Natürlich“, sagte er. „Das ist doch der Sinn der Maske.“
Und dann – als hätte der Körper genug von Sätzen – krümmte er sich, ganz kurz, und Hans Castorp hörte wieder dieses Geräusch, das man nicht hören will.
Hans Castorp legte ihm die Hand auf den Rücken.
Es war warm. Es war zu warm.
Gustav atmete schwer.
„Ich brauche keinen Arzt“, sagte er.
„Sie brauchen…“ Hans Castorp suchte nach einem Wort, das nicht banal ist.
Gustav sagte, mit einer plötzlichen Schärfe:
„Ich brauche meinen Satz.“
Hans Castorp schwieg.
Das war die Tonio-Achse, die plötzlich nicht mehr Theorie war, sondern Körper: der Schaffende, der glaubt, dass er nur als Schaffender existieren darf.
„Wenn der Körper nicht funktioniert“, hatte Gustav einmal gesagt, „kann man nicht schaffen.“
Und nun funktionierte der Körper nicht.
Hans Castorp spürte, wie ihm ein Satz in den Kopf kam, den er nicht wollte:
Vielleicht ist das die Strafe: nicht für falsche Sätze, sondern für den Glauben, dass Sätze retten.
„Kommen Sie“, sagte Hans Castorp. „Wir gehen ins Hotel.“
Gustav schüttelte den Kopf.
„Noch nicht“, sagte er.
Hans Castorp atmete aus.
„Zu lange“, sagte er, und er wusste nicht, ob er es zu Gustav sagte oder zu sich.
Gustav sah ihn an.
„Ja“, sagte er.