Die Erscheinung blieb nicht.
Sie ging weiter, wurde kleiner, verschwand schließlich hinter einem Sonnenschirm, hinter einer Reihe von Liegen, hinter der ordentlichen Geometrie des Strandes. Und damit hätte, für einen vernünftigen Menschen, die Sache erledigt sein können: eine Schönheit gesehen, ein Moment gehabt, weiter.
Aber Gustav von A. war kein vernünftiger Mensch.
Er nahm sein Notizbuch.
Er schrieb.
Hans Castorp konnte nicht sehen, was er schrieb; aber er konnte sehen, wie er schrieb: schnell, dicht, als müsse er etwas festhalten, das ihm entgleitet.
„Sie…“ begann Hans Castorp.
„Nicht“, sagte Gustav.
Ein einziges Wort.
Hans Castorp schwieg.
Er sah auf Gustav.
Und nun bemerkte er, dass Gustav anders aussah.
Nicht maskiert – das war er ohnehin –, sondern… angegriffen. Da war eine matte Feuchtigkeit auf der Stirn, ein Glanz, der nicht Kosmetik war. Seine Lippen waren, unter dem Glanz, ein wenig zu blass. Seine Hand, die den Stift hielt, zitterte kaum merklich.
Hans Castorp spürte, wie ihm ein Satz in den Kopf kam, der nicht von Dr. Porsche, nicht von AuDHS, nicht von Zieser war, sondern von etwas älterem, dunklerem:
Der Körper nimmt sich, was er will.
„Ist Ihnen…“ begann Hans.
Gustav schrieb weiter.
Dann hielt er kurz inne, legte den Stift auf das Papier, als müsste er ihn dort parken, und sagte leise:
„Es ist nichts.“
Hans Castorp atmete aus.
„Wirklich?“ fragte er.
Gustav sah ihn an.
In diesem Blick lag eine Nuance von Ärger.
„Wollen Sie jetzt…“ Gustav suchte nach einem Wort, und man merkte, dass er, trotz allem, noch die Kontrolle behalten wollte. „…medizinisch werden?“
Hans Castorp lächelte, obwohl ihm nicht nach Lächeln war.
„Ich bin seit Monaten medizinisch“, sagte er.
Gustav verzog den Mund.
„Sie sind… optimiert“, sagte er.
Hans Castorp spürte, wie ihm der Satz wehtat, weil er wahr war.
„Und Sie?“ fragte er.
Gustav sah wieder aufs Wasser.
„Ich bin beschäftigt“, sagte er noch einmal.
Dann stand er auf.
Er stand nicht leicht auf. Es war, als müsse er sich aus dem Liegestuhl herausheben wie aus einer Situation.
„Wohin?“ fragte Hans.
Gustav machte eine kleine, unbestimmte Handbewegung.
„Spazieren“, sagte er. „Das hilft.“
Hans Castorp dachte: Spazieren hilft gegen alles. Es ist der universale bürgerliche Trick.
„Ich komme mit“, sagte er.
Gustav nickte, ohne sich umzudrehen.
Sie gingen.
Der Sand war weich. Die Luft war schwerer geworden. Man spürte, wie der Tag in die eigene Haut hineindrückt.
Gustav ging zunächst schnell, dann langsamer.
Er blieb stehen, sah aufs Wasser.
Hans Castorp sah, aus der Nähe, dass die Farbe am Ufer nicht nur Licht war. Sie war, wie soll man sagen, eine Verfärbung, ein Schleier, der sich in die Bewegung mischte. Rot war zu viel gesagt – und doch war es, in einem bestimmten Winkel, ein Rot.
„Das Wasser…“ begann Hans.
Gustav sagte:
„Sehen Sie nicht hin.“
Hans Castorp starrte ihn an.
„Wie bitte?“
Gustav sah ihn an, und nun war da, in seinem Blick, etwas, das Hans nicht erwartet hatte: Angst. Nicht die laute, nicht die panische; sondern die stille, die sich schämt.
„Wenn Sie hinsehen“, sagte Gustav leise, „müssen Sie handeln.“
Hans Castorp spürte, wie ihm der Satz in den Magen fuhr.
„Und wenn wir handeln?“ fragte er.
Gustav senkte den Blick.
„Dann müssen wir gehen“, sagte er.
Hans Castorp schwieg.
Es war, verehrte Leserin, verehrter Leser, ein Moment von erschreckender Klarheit: Nicht der Ekel vor Krankheit hält Menschen oft fest; es ist die Angst vor dem Ende eines Begehrens.
Gustav hob den Kopf.
„Ich gehe nicht“, sagte er.
Es war kein Trotz. Es war ein Urteil.
Hans Castorp spürte, wie ihm System zwei einsetzte, dieses langsame Denken, das Mühe macht. Er spürte, wie sein Kopf versuchte, eine Rechnung zu machen, die nicht aufging: Freundschaft, Risiko, Pflicht, Schönheit, Satz.
„Gustav“, sagte er, und es war das erste Mal, dass er den Namen ohne „von A.“ sagte, als wäre das Adelspartikel plötzlich nebensächlich.
Gustav sah ihn an.
„Lassen Sie mich“, sagte er. Und dann, als wäre er selbst überrascht von seiner Härte, fügte er hinzu, leiser: „Bitte.“
Hans Castorp nickte.
Er nickte, weil er blieb.