Abschnitt 4

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Sie gingen später hinaus.

Man muss, verehrte Leserin, verehrter Leser, in einer Stadt wie dieser gehen; schon allein, weil das Gehen hier nicht nur Fortbewegung ist, sondern Teilnahme. Wer hier fährt, sieht; wer geht, ist gesehen. Und gesehen werden ist, wie Gustav von A. wusste, eine der Bedingungen, unter denen die Maske Sinn hat.

Hans Castorp ging neben ihm her.

Die Luft war warm, aber nicht heiß; sie war weich, als hätte sie sich entschlossen, niemanden zu verletzen. Und doch lag in dieser Weichheit etwas Bedrückendes: ein feuchter Druck, der sich auf die Stirn legt wie eine Hand.

In den Gassen roch es, an manchen Stellen, stärker nach Desinfektion.

Man sah Männer – man möchte sagen: Arbeiter, aber das Wort ist in einer Stadt der Touristinnen und Touristen schon fast obszön –, die mit Schläuchen spritzten, als würden sie die Steine waschen. Die Flüssigkeit glänzte kurz, dann verdunstete sie. Sie trugen Handschuhe. Sie trugen Masken. Es war, als sei die Stadt selbst zum Patienten geworden.

Hans Castorp dachte an den Berghof.

Damals hatte man, in Davos, die Krankheit nicht versteckt. Man hatte sie kultiviert; man hatte ihr Räume gegeben, Zeiten, Rituale. Hier versteckte man sie. Und Verstecken ist, wie man weiß, eine Form von Anerkennung: Man versteckt nur, was man fürchtet.

„Sehen Sie“, sagte Hans Castorp, „das ist…“

„Ja“, sagte Gustav von A. und ließ den Satz nicht fertig werden.

Sie kamen an einem kleinen Laden vorbei, in dessen Tür ein Mann stand, der Zigaretten verkaufte, Postkarten, Wasser. Er sah müde aus. Seine Hände waren braun, seine Augen hell.

Als Hans Castorp vorbeiging, sagte der Mann etwas auf Italienisch, und es klang nicht wie Werbung.

Gustav blieb stehen, drehte sich um.

„Was hat er gesagt?“ fragte Hans.

Gustav antwortete nicht sofort. Er hörte noch einmal hin, als wolle er die Sprache nicht nur verstehen, sondern schmecken.

Der Mann sagte es noch einmal, ein wenig lauter, als merke er, dass hier zwei Fremde sind, die in Wahrheit schon längst dazugehören.

„Acqua cattiva“, sagte er. „Non bere.“

Schlechtes Wasser. Nicht trinken.

Hans Castorp spürte, wie ihm kalt wurde, obwohl es warm war.

„Schlechtes Wasser“, wiederholte er.

Gustav von A. zuckte die Schultern.

„Wasser ist immer schlecht“, sagte er. „Es ist alt.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Sie sind merkwürdig ruhig“, sagte er.

Gustav von A. lächelte – kaum sichtbar.

„Ich bin nicht ruhig“, sagte er. „Ich bin beschäftigt.“

Hans Castorp verstand.

Beschäftigt sein ist eine moderne Form von Nicht-Fühlen. Und Nicht-Fühlen ist eine alte Form von Überleben.

Sie gingen weiter.

Auf einem Platz stand eine kleine Gruppe von Menschen, die um eine Frau in Uniform herumstand. Man hörte Worte wie „Hospital“, „controllo“, „precauzione“. Hans Castorp verstand nicht alles, aber er verstand genug: Kontrolle, Vorsicht. Begriffe, die im Hochland Wellness bedeuten – und hier plötzlich etwas anderes.

Gustav von A. blieb kurz stehen, sah hin.

„Wollen Sie…?“ begann Hans.

„Nein“, sagte Gustav.

Es war ein sehr kurzes Nein.

Hans Castorp dachte an die Fabel vom Esel und dem Tiger, die Morgenstern so beschäftigt hatte. Der Tiger hatte recht, aber er hatte, wie der Löwe sagte, die größere Dummheit begangen: Zeit verschwendet.

Hier, dachte Hans, ist es umgekehrt: Man verschwendet Zeit nicht, indem man diskutiert; man verschwendet sie, indem man nicht hinsieht.

Und doch, verehrte Leserin, verehrter Leser, kann man nicht immer hinschauen. Man kann nicht ständig System zwei einschalten, dieses langsame, willentliche Denken, das Mühe macht. Man lebt nicht in Mühe. Man lebt in Automatismen.

Hans Castorp merkte, wie sein Kopf begann, sich zu rechnen: Wahrscheinlichkeit, Risiko, Inkubationszeit – lauter Begriffe, die, wenn man sie ausspricht, so tun, als sei das Leben berechenbar.

Er sah auf seinen Ring.

Der Ring zeigte nichts, was man „Gefahr“ nennen könnte. Er zeigte, im Gegenteil, etwas wie Zustimmung: Schritte, Puls, Temperatur – alles im Rahmen.

Der Ring, dachte Hans Castorp, ist ein notorisch schlechter Philosoph.

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