Am Nachmittag begegneten sie Tonio wieder.
Oder, genauer: der Figur, die Tonio heißen könnte.
Sie trug heute keine Festkleidung; sie trug eine schlichte Hose, ein Hemd, und auf der Brust hing ein kleines Schildchen mit dem Hotel‑Logo. Angestellt, hatte sie gesagt. Das ist auch eine Kunst.
Sie kam ihnen entgegen auf einer Brücke, blieb stehen, weil sie Hans erkannte, und lächelte.
Nicht dienstlich.
Eher so, wie man lächelt, wenn man jemanden wiedererkennt, der in einem selbst etwas geweckt hat.
„Sie sind immer noch unterwegs“, sagte die Person.
Hans Castorp nickte.
„Und Sie sind immer noch… angestellt“, sagte er.
Die Person lachte leise.
„Man kann auch angestellt sein und unterwegs“, sagte sie. „Das ist die modernste Form.“
Gustav von A. stand daneben.
Er sagte nichts.
Tonio – nennen wir die Figur, verehrte Leserin, verehrter Leser, der Einfachheit halber so, weil sie sich in diese Stellung gestellt hat – sah Gustav an.
Der Blick glitt über Gustavs Haare.
Über das Gesicht.
Über den Duft, den man, wenn man nah genug ist, nicht nicht riechen kann.
Tonio lächelte nicht.
Tonio sagte nur:
„Sie haben sich… verändert.“
Gustav hob das Kinn.
„Man muss gepflegt sein“, sagte er.
Tonio nickte langsam.
„Man muss vieles“, sagte Tonio. „Es wird empfohlen.“
Hans Castorp spürte, wie ihm ein kleines Lachen in den Hals stieg.
Es war ein bitteres Lachen.
Denn dieses „Es wird empfohlen“ war plötzlich überall. Es war wie ein Refrain, der die Welt in eine Kur verwandelt.
„Was wird empfohlen?“ fragte Hans Castorp.
Tonio sah ihn an.
Und in diesem Blick lag etwas, das nicht Scherz war.
„Dass man nicht krank wird“, sagte Tonio.
Gustav winkte ab.
„Man wird nicht krank, wenn man…“, begann er.
Hans Castorp wusste nicht, was er sagen wollte: wenn man ordentlich ist? wenn man sich wäscht? wenn man Disziplin hat? wenn man bestforming betreibt?
Tonio unterbrach ihn.
Nicht unhöflich.
Nur klar.
„Es gibt Menschen im Haus, die Durchfall haben“, sagte Tonio. „Es gibt Menschen, die Fieber haben. Die Küche desinfiziert mehr. Die Handläufe werden öfter gewischt. Man lächelt mehr. Und wenn man mehr lächelt, ist das nie ein gutes Zeichen.“
Hans Castorp sah Tonio an.
Gustav sah weg.
„Das ist Venedig“, sagte Gustav. „Hier ist immer etwas.“
Tonio nickte.
„Ja“, sagte Tonio. „Hier ist immer etwas. Aber manchmal ist es mehr.“
Hans Castorp dachte an das Wasser.
Er dachte an die braune, rötliche Spur im Waschbecken.
Er dachte an das Hibiskus‑Rot.
Er dachte: Rot ist nie nur schön.
„Warum sagen Sie es mir?“ fragte Hans Castorp.
Tonio zuckte die Schultern.
„Weil Sie schauen, als wollten Sie es wissen“, sagte Tonio. „Und weil ich…“
Tonio zögerte.
Dann sagte Tonio, leise:
„Weil ich nicht möchte, dass Menschen zu lange bleiben.“
Hans Castorp spürte einen Stich.
Er dachte an den letzten Satz seines gestrigen Abends.
Dass man zu lange bleibt.
Er sah Gustav an.
Gustav sah nicht zurück.
Gustav sah, über Tonios Schulter hinweg, zur Lagune.
Und Hans Castorp wusste: Gustav bleibt.
Nicht, weil er es nicht versteht.
Weil er es versteht und trotzdem bleibt.
So ist der Mensch, verehrte Leserin, verehrter Leser: Er weiß, und er tut es trotzdem.
Tonio ging.
Nicht beleidigt.
Nur mit jenem kleinen Schatten im Gesicht, den Angestellte nicht zeigen sollen, der aber manchmal durchrutscht, weil auch Angestellte Menschen sind, und Menschen, wie gesagt, sind schlecht im Maskentragen, wenn es ernst wird.
Hans Castorp blieb mit Gustav auf der Brücke stehen.
Das Wasser unter ihnen war grün.
Es roch süßlich.
Es war warm.
„Wir sollten vielleicht…“, begann Hans Castorp.
Gustav unterbrach ihn.
„Nein“, sagte er.
Nur dieses eine Wort.
Nein.
Es war kein trotziges Nein.
Es war ein Nein wie ein Satzzeichen.
Hans Castorp schwieg.
Er dachte an Morgenstern.
Er dachte an die Eselmaske.
Er dachte: Morgenstern will die Maske ablegen, weil er nicht mehr blau behaupten will.
Und Gustav setzt eine Maske auf, weil er das Grau nicht ertragen will.
Es ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, eine der bitteren Komödien des Lebens, dass wir unsere Moral oft ausgerechnet dort streng anwenden, wo sie uns nicht schmerzt – und dass wir sie dort aufweichen, wo sie uns retten könnte.