Abschnitt 8

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Am Abend gingen sie an die Lagune.

Es war nicht geplant.

Oder es war geplant, aber nicht ausgesprochen. Gustav von A. sprach Pläne selten aus; er schrieb sie. Und manchmal schrieb er sie nicht einmal; er tat einfach so, als seien sie schon geschrieben.

Sie gingen durch die Stadt, hinaus aus den engen Gassen, hinaus aus dem Gedränge, hinaus aus dem Lärm, und plötzlich lag vor ihnen wieder diese Fläche, dieses Wasser, das nicht Meer ist und nicht See, sondern Zwischenzustand: die Lagune.

Die Sonne stand tief.

Das Licht war warm.

Nicht warm wie Hotelwärme, sondern warm wie ein Gedanke, der plötzlich weich wird.

Das Wasser war grün, aber es hatte Stellen, in denen es rotlich schimmerte, weil die Sonne es so färbte; und Hans Castorp dachte unwillkürlich an das Hibiskusrot, das er am Morgen getrunken hatte. Rot und Grün, dachte er. Warnung und Leben. Blut und Alge. Fest und Krankheit. Alles zugleich.

Sie setzten sich auf eine niedrige Mauer.

Gustav von A. schlug sein Notizbuch auf.

Natürlich.

Hans Castorp sah, wie er schrieb.

Er schrieb nicht viel.

Er schrieb, wie er immer schrieb: wenige Worte, aber so gesetzt, dass sie wie Urteil wirken.

Hans Castorp wollte fragen: Was schreiben Sie?

Er fragte nicht.

Er sah hinaus.

Und da sah er, weit drüben, auf einer Stegkante, die schöne Erscheinung.

Oder jemand, der ihr glich.

Oder die Idee von ihr.

Es war zu weit, um Details zu sehen. Und vielleicht war das gut, weil Details die Schönheit immer in Besitz nehmen wollen. Er sah nur eine Gestalt, aufrecht, ruhig, ein wenig abgesetzt vom Rest, wie ein Punkt im Bild, den das Auge nicht lassen kann. Die Gestalt stand, als wüsste sie, dass sie gesehen wird; und sie sah, vielleicht, gar nicht zurück, sondern aufs Wasser, so wie Hans Castorp aufs Wasser sah, nur aus anderem Grund.

Hans Castorp spürte, wie sein Ring, dieser kleine Priester, eine Zahl anzeigte.

Die Herzfrequenz war ein wenig höher.

Nicht dramatisch.

Nur ein Hinweis.

Und Hans Castorp dachte, sehr langsam, sehr klar: Das ist das Lächerlichste.

Und zugleich dachte er: Das ist das Wahrste.

Denn der Körper, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist der beste Erzähler. Er erzählt nicht in Metaphern. Er erzählt in Ausschlägen.

Gustav von A. schrieb.

Hans Castorp sah auf das Notizbuch.

Er sah nicht, was dort stand.

Aber er wusste, was dort stand.

Es stand dort, dachte er, wahrscheinlich wieder dieses Wort:

Süden.

Oder vielleicht ein anderes:

Bleiben.

Denn Hans Castorp erinnerte sich plötzlich an den Traum, den er in der Sonnenalp gehabt hatte, an den Satz, der ihm damals wie eine süßliche Warnung erschienen war:

Venedig ist weniger ein Ort als ein Zustand: Wasser, Schönheit, Verfall, und ein leises, süßliches Gefühl, dass man zu lange bleibt.

Er spürte dieses Gefühl.

Es war leise.

Es war süßlich.

Es war, wie so vieles, unerquicklich.

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