Abschnitt 7

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Am nächsten Tag gingen sie.

Denn in Venedig geht man.

Man geht nicht, um irgendwo anzukommen; man geht, weil das Gehen hier die einzige Form von Orientierung ist, und weil Orientierung hier, verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht in Geradeaus besteht, sondern in Umwegen. Man geht über Brücken, die man nicht braucht; man geht durch Gassen, die ins Nichts führen; man geht an Türen vorbei, hinter denen man Leben ahnt, und doch nie sieht. Man geht und geht, und das Wasser ist immer irgendwo, wie ein leises, grünes Auge.

Hans Castorp ging mit Gustav von A.

Gustav ging schnell.

Nicht aus Eile, sondern aus Disziplin.

Er ging, als müsse er, durch Gehen, einen Satz ausführen.

Hans Castorp ging neben ihm.

Er ging nicht mehr schwer. Sein Körper war, wie er in der Sonnenalp gelernt hatte, effizient geworden. Die Schritte waren leise. Die Muskeln arbeiteten. Der Rücken war stark. Die Atmung ruhig. Er spürte, wie die Monate im GYMcube, die Kniebeugen, die Klimmzüge, die Königssätze, all das, was man als „Hygiene“ verkauft, hier unten in einer anderen Art von Freiheit aufging: Er konnte gehen, ohne zu leiden. Und doch, dachte er, ist es genau das: Dass man die Freiheit erst dann merkt, wenn der Körper nicht mehr dazwischenruft.

Er sah auf den Ring.

Er zeigte: 5.432 Schritte.

Es war Vormittag.

„Sehen Sie“, sagte Gustav von A. plötzlich, ohne sich umzudrehen.

Er zeigte auf eine Wand.

An der Wand hing, wie überall in dieser Stadt, ein Schild. Es war klein. Es war unscheinbar. Und doch war es, wie so viele Schilder, eine Form von Ordnung. Auf dem Schild stand – auf Italienisch, auf Englisch, auf Deutsch – etwas, das Hans Castorp sofort kannte, weil er es in der Sonnenalp hundertmal gelesen hatte, nur in anderer Gestalt:

Es wird empfohlen…

Hans Castorp blieb stehen.

Gustav von A. blieb nicht stehen.

„Was wird empfohlen?“ fragte Hans Castorp.

Gustav von A. drehte sich um.

„Dass man das Wasser nicht trinkt“, sagte er.

Hans Castorp sah auf das Schild.

Es war, wenn man es streng nimmt, eine Kleinigkeit: Leitungswasser meiden, Hände waschen, Eiswürfel prüfen, Vorsicht in der Hitze. Es war, wenn man es streng nimmt, nur Hygiene.

Aber Empfehlungen, verehrte Leserin, verehrter Leser, sind nie nur Hygiene. Sie sind Moral. Sie sind Angst. Sie sind die Form, in der eine Gesellschaft sich selbst sagt: Wir wissen, dass wir gefährdet sind, aber wir wollen es nicht aussprechen.

Hans Castorp spürte, wie ihm ein Kältefaden den Rücken hinunterlief, obwohl es warm war.

„Warum empfehlen sie es?“ fragte er.

Gustav von A. sah ihn an.

In diesem Blick lag, ganz kurz, etwas wie Spott.

„Weil man es immer empfiehlt“, sagte er. „Und weil man immer glaubt, man könne sich retten, wenn man nur richtig handelt.“

Hans Castorp sah auf den Ring.

Er dachte: Dr. Porsche hätte das verstanden.

Er hätte gesagt: Ritual.

Er hätte gesagt: Hygiene.

Er hätte gesagt: bestforming.

Und hier, in dieser Stadt, wirkte es plötzlich – wie alles – wie Maske.

Sie gingen weiter.

Sie kamen an einem Platz vorbei, auf dem Menschen saßen und aßen.

Hans Castorp roch Kaffee, Fisch, Schweiß, Parfüm.

Er sah Menschen, die fotografierten.

Er sah Menschen, die sich selbst fotografierten.

Er sah Menschen, die mit einem Ring am Finger ihre Schritte zählten, als seien sie im Urlaub und doch in der Pflicht.

Er musste lachen.

Nicht laut.

Nur innerlich.

Denn wie unerquicklich ist es, dachte er, dass man selbst in einer Stadt, die seit Jahrhunderten beweist, dass alles verrottet, alles sinkt, alles sich auflöst, noch immer versucht, sich durch Zahlen zu beruhigen.

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