Abschnitt 5

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Am Nachmittag sah Hans Castorp die schöne Erscheinung.

Es geschah nicht in einem dramatischen Moment. Es geschah nicht, wie man sagen würde, „auf einen Schlag“. Schönheit, verehrte Leserin, verehrter Leser, tritt selten so auf, wie sie in Prospekten und Gemälden auftritt; sie schleicht sich hinein, sie entsteht aus einer Konstellation: Licht, Blickwinkel, Bewegung, und – das ist entscheidend – aus der Bereitschaft des Betrachtenden, sie als Schönheit zu erkennen.

Hans Castorp war bereit.

Vielleicht war er sogar zu bereit.

Er war mit Gustav von A. in einem Salon gewesen, der im Hotel lag und der, wie solche Salons, so tat, als sei er für Musik da, während er in Wahrheit für Blicke da war. Ein Klavier stand dort, schwarz, poliert, als sei es nicht Instrument, sondern Möbel der Kultur. In der Ecke saßen Menschen, die so taten, als dächten sie. An den Wänden hingen Bilder von Lagunen und Gondeln, wie eine ironische Verdopplung der Realität: Man malt das, was draußen ist, um drinnen so zu tun, als hätte man draußen gesehen.

Gustav von A. saß nicht.

Er stand am Fenster, schaute hinaus, als wolle er die Stadt nicht durch die Augen, sondern durch eine innere Disziplin aufnehmen. Hans Castorp setzte sich, weil er sich in solchen Situationen gern setzt: am Rand, beobachtend, halb dabei, halb nicht.

Da öffnete sich eine Tür.

Eine Person trat ein.

Und Hans Castorp spürte, ohne zu wissen warum, dass sein Körper einen Impuls gab.

Der Ring, der sonst nur zählt, meldete – wenn man so will – einen kleinen, unbedeutenden Ausschlag.

Die Person war erwachsen.

Das ist wichtig, verehrte Leserin, verehrter Leser, weil wir in Geschichten allzu schnell geneigt sind, Schönheit mit Unschuld zu verwechseln, und Unschuld mit Jugend. Aber diese Person trug keine Unschuld; sie trug eine Art vollendete Form, die nicht kindlich war, sondern bewusst, ausgearbeitet, als hätte das Leben selbst an ihr wie ein Bildhauer gearbeitet.

Sie war schlank, aber nicht mager; sie war aufrecht, aber nicht steif. Die Schultern standen, als wüssten sie, was sie tun. Das Gesicht war ruhig. Die Haare – hell, fast weiß im Licht – lagen so, dass man nicht sagen konnte, ob sie natürlich so fallen oder ob eine Hand sie so gelegt hat. Die Kleidung war einfach: ein helles Hemd, eine leichte Hose, nichts Auffälliges. Und gerade diese Einfachheit machte die Erscheinung so eindringlich, weil sie zeigte: Hier wird nicht geschmückt. Hier ist, was ist.

Die Person ging nicht schnell.

Sie ging wie jemand, der weiß, dass er gesehen wird, ohne es zu wollen.

Oder ohne es zuzugeben.

Hans Castorp sah sie an.

Und in diesem Ansehen lag etwas, das er, mit Dr. AuDHS im Ohr, sofort als Gefahr erkannte. Denn der Blick, der Schönheit betrachtet, ist nie unschuldig. Er macht aus der Schönheit einen Gegenstand, und er macht aus sich selbst einen Täter, auch wenn er nichts tut als schauen.

Gustav von A. drehte sich um.

Er sah die Person.

Er sagte nichts.

Aber Hans Castorp sah, wie Gustav von A. ganz kurz den Mund zusammenzog, als hätte er, für einen Moment, vergessen zu atmen.

Das war, dachte Hans Castorp, die Wahrheit.

Und sie war schön.

Und unerquicklich.

Die Person setzte sich nicht.

Sie ging durch den Raum, als gehöre er ihr nicht, und setzte sich dann an einen Tisch, an dem bereits andere saßen: eine ältere Frau, korrekt, geschniegelt, mit einer Haltung, die nach Verantwortung roch; ein Mann, der die Stirn zu hoch trug; zwei weitere Personen, die lachten. Es war ein gewöhnlicher Kreis. Aber die Person, die eben eingetreten war, machte ihn ungewöhnlich, weil sie wie ein Lichtpunkt darin saß.

Hans Castorp nahm sein Notizbuch nicht.

Er nahm, wie er es gelernt hatte, erst das System 2.

Er sagte sich, sehr langsam: Das ist nur eine Person.

Er sagte sich: Das ist nicht Wahrheit, nur weil es schön ist.

Er sagte sich: Du bist nicht hier, um zu schauen.

Und während er es sich sagte, schaute er.

So ist der Mensch, verehrte Leserin, verehrter Leser: Er weiß, und er tut es trotzdem.

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