Man kommt in Venedig nicht an, verehrte Leserin, verehrter Leser; man löst sich ein.
Denn die gewöhnliche Ankunft – jener bürgerliche Vorgang, bei dem man aus einem Wagen steigt, den Fuß auf festen Boden setzt, die Luft prüft und sich sagt: Hier bin ich – ist in dieser Stadt nur halb möglich. Der Boden ist zwar da, gewiss; er ist sogar erstaunlich zuverlässig, wenn man bedenkt, dass er auf etwas ruht, das dem Boden widerspricht. Aber unter der festen Platte, unter dem Stein, unter den Treppenstufen und Schwellen ist das Wasser; es ist nicht Kulisse, nicht Schmuck, nicht Kurortbecken, nicht „Feature“, sondern Träger. Es trägt. Es trägt Häuser, es trägt Boote, es trägt Geräusche, und es trägt – das ist das Schlimmste – die Zeit.
Hans Castorp hatte am Ende des vorigen Tages, irgendwo zwischen Tunnel und Kurve, zwischen Berg und Flachland, das Wasser am Horizont gesehen, als sei es ein Satz, den man plötzlich versteht, weil man ihn endlich ausgesprochen hört. Er hatte dabei, wie er inzwischen fast alles tat, auf den Ring gesehen: auf die Uhrzeit, auf den Puls, auf die Schritte – und er hatte gedacht, sehr langsam, sehr klar: Er zählt alles. Nur nicht das.
Nun stand er, noch ehe er recht begriffen hatte, dass der Zug wirklich angehalten habe, auf einem Bahnsteig, der sich, wie Bahnsteige es tun, für ein Stück Welt ausgibt. Es war warm. Nicht die wohltemperierte Wärme der Sonnenalp, die in Leitungen geführt und in Prospekten versprochen wird; es war eine Wärme, die aus der Luft kommt, die in die Kleidung kriecht und die man nicht „abschalten“ kann, indem man eine App berührt. Diese Wärme roch nicht nach Hotelwäsche und Zeder, nicht nach Desinfektion und Bademantel; sie roch nach Diesel, nach nassem Stein, nach Salz, nach etwas Süßlichem, das man erst später als Fäulnis erkennt, weil die Sinne höflich sind und den Abgrund gern in Parfüm verpacken.
Gustav von A. ging voran.
Er ging nicht hastig. Er ging überhaupt nicht wie ein Mensch, der ankommt. Er ging wie ein Mensch, der etwas ausführt, das er sich schon geschrieben hat. In der Hand trug er sein Notizbuch; und das Notizbuch war, wie immer, nicht offen, aber es war präsent, als trüge er nicht Papier, sondern den Beweis seiner Existenz.
Hans Castorp folgte ihm.
Er trug seinen Koffer nicht; er hatte ihn rollen lassen, wie es die Moderne vorsieht, als wolle sie das Tragen abschaffen, damit man sich nur noch mit sich selbst zu beschäftigen habe. In der rechten Hand hielt er, fast unbewusst, die Flasche mit dem Hibiskus-Weißtee, die er am Morgen gefüllt hatte; und als er merkte, dass er sie hielt, musste er – wie schon so oft – über sich selbst lächeln. Denn wie lächerlich ist es, dachte er, in eine Stadt zu kommen, die seit Jahrhunderten vom Wasser lebt, und dabei sein eigenes Wasser mitzubringen, tiefrot, abgemessen, angesetzt, gefiltert, als müsse man die Welt erst durch ein Sieb lassen, bevor man sie trinken darf.
Er trank nicht.
Er roch.
Und er sah.
Das erste, was man sah, wenn man, vom Bahnsteig aus, durch den Ausgang trat, war keine Straße. Es war eine Öffnung. Es war ein Blick, der ins Freie führte – und das Freie war nicht Land, sondern Wasser. Man sah, hinter einem Geländer, das Wasser des Canal Grande, grünlich, träge und zugleich in ständiger Bewegung, weil es sich, wie Zeit, niemals wirklich beruhigt. Boote glitten vorbei, Vaporetti, Taxis, Lastkähne; Menschen standen darin wie Figuren in einem Theater, das sich selbst nicht ernst nimmt, weil es zu alt ist für Ernst.
Hans Castorp blieb einen Moment stehen.
Nicht aus Bewunderung; Bewunderung ist eine Pose, und er war, trotz aller Bestform, zu sehr der Mann der Empfindungen, um sich so schnell zu posieren. Er blieb stehen, weil sein Körper – dieser treue Registrator – etwas tat, was er von der Sonnenalp nicht kannte: Er ließ die Sinne nach außen springen, ohne gleich ein Programm daraus zu machen. Und zugleich fühlte Hans Castorp, wie sein Inneres, das so lange im Dienst der Messung gestanden hatte, nach einem Halt suchte, nach einem Satz, nach einem Namen.
„Da ist es“, sagte Gustav von A., ohne sich umzudrehen.
„Was?“ fragte Hans Castorp.
Gustav von A. hob die Hand, als zeige er auf etwas, das man nicht verfehlen kann, und sagte:
„Süden.“
Hans Castorp schaute auf das Wasser.
Es war unerquicklich komisch, dass ein Wort, das aus fünf Zeichen besteht, so viel leisten soll; und doch leistete es. Denn „Süden“ war hier nicht Himmelsrichtung, nicht Wetter, nicht Temperatur; es war eine Verheißung, die mit jedem Geruch, jedem Lichtreflex, jedem Schluck Luft bestätigte, dass der Berg, so sehr er auch in einem sein kann, nicht das Ganze ist. Der Berg war oben Ordnung. Der Süden war unten Unordnung. Und Unordnung hat, wenn man sich lange genug an Ordnung gewöhnt hat, etwas Verführerisches, fast Moralisches: Sie wirkt wie Freiheit.
Gustav von A. setzte sich in Bewegung.
Hans Castorp folgte.