Abschnitt 7

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Sie fuhren zur Bahn.

Der Bahnhof war modern und zugleich alt, wie alle Bahnhöfe: Glas und Stahl, aber darunter dieser Geruch von Eisen, Öl, Vergangenheit. Menschen zogen Koffer. Koffer rollen ist der neue Gang.

Hans Castorp trug seinen Koffer nicht. Er rollte ihn. Es war bequem. Es war unerquicklich. Denn Rollen ist eine Form von Entlastung, die einem die Würde nimmt, dass man etwas trägt.

Gustav von A. ging voran, ohne zu eilen, aber zielstrebig, als sei er nicht Reisender, sondern eine Art Funktion.

Sie stiegen in den Zug.

Der Zug war, im Inneren, warm.

Die Sitze waren weich, aber nicht zu weich. Vielleicht hatte jemand, irgendwo, an Kautsonik gedacht.

Hans Castorp setzte sich ans Fenster.

Gustav von A. setzte sich ihm gegenüber.

Sie schwiegen, und das Schweigen war nicht unangenehm. Es war Arbeitsruhe. Es war die Ruhe zweier Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen gehen, aber denselben Grund nicht aussprechen wollen.

Der Zug fuhr an.

Langsam.

Dann schneller.

Die Landschaft begann zu gleiten.

Hans Castorp sah Berge, sah Felder, sah Dörfer, sah Straßen, auf denen Autos fuhren wie Gedanken. Er dachte an die Gedankenautobahn, an das Chamäleon, an Dr. Peter am Bergsee. Er dachte daran, wie die Gedanken dort unten fahren, und wie man oben sitzt und sie nur als Lichtfäden sieht.

Jetzt war er im Zug, und tief unten – oder neben ihnen – fuhr eine echte Autobahn. Fahrzeuge glitten. Lichter flackerten. Gedanken.

Er zog den Handapparat aus der Tasche, jenes flache Gerät, das ihm in den letzten Monaten so sehr zur zweiten Haut geworden war wie früher der Bleistift im Berghof. Er sah darauf, und er musste, trotz allem, lächeln: Die Maschine wusste sofort, dass er reist. Sie zeigte „Travel Mode“ an, als hätte sie ein Gefühl.

Er drehte sie um.

Nicht, weil er tugendhaft war, sondern weil er, in diesem Moment, einen kleinen weißen Fleck brauchte: eine Lücke, in der er allein ist.

Der Zug fuhr.

Die Stunden vergingen.

Man wechselte in einem Bahnhof den Zug.

Man trank Kaffee.

Man aß etwas, das nach Plastik schmeckte und doch sättigte.

Hans Castorp nahm, in einem Toilettenraum, heimlich einen Schluck Hibiskus-Weißtee aus einer Flasche, die er sich am Morgen hatte füllen lassen. Der Tee war tiefrot.

Er hielt die Flasche gegen das Licht.

Rot.

Wasser.

Zeit.

Er dachte an Gustav: Wasser ist das Einzige, was wirklich Zeit ist.

Er dachte an Venedig, ohne es zu kennen.

Und während er so dachte, spürte er, wie sich etwas in ihm verschob: Nicht der Blutdruck, nicht die Gefäßsteifigkeit, nicht die Muskelspannung – sondern die Art, wie er sich selbst betrachtet.

Denn bisher hatte er sich betrachtet wie ein Projekt.

Jetzt begann er, sich zu betrachten wie eine Figur.

Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, ein gefährlicher Übergang. Denn eine Figur hat Schicksal. Ein Projekt hat nur Ziele.

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