Abschnitt 1

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Hans Castorp stand an einer Treppe.

Man unterschätzt, verehrte Leserin, verehrter Leser, die Treppen in Hotels. Sie sind nicht, wie die Treppen in Bürgerhäusern, ehrliche Verbindungen zwischen oben und unten; sie sind vielmehr dekorierte Entscheidungen, diskrete Prüfungen, in Holz und Teppich eingelassene Fragen: Willst du wirklich gehen? Willst du dich wirklich bewegen? – und zwar nicht in jener hygienisch normierten Weise, die der Ring am Finger als Schritte protokolliert, sondern in jener anderen, ungleich ungehörigeren, in der ein Schritt nicht mehr als Zahl, sondern als Schicksal gilt.

Die Treppe, vor der er stand, führte von der Halle hinauf – oder hinunter, je nachdem, wo man sich innerlich gerade wähnt –, und über ihr hing der Leuchter, dieses große, geschlossene Lichtgebinde, dessen Kranzform ihm seit Wochen wie ein freundlicher Vorwurf erschienen war: Kreis, Kreis, Kreis. Ring am Finger. Ring im Schnee, der orangefarbene Rettungsring draußen, der Reklame und Moral zugleich war. Ringlicht in der Fotobox. Alles ringförmig, alles wiederkehrend, alles so getan, als gäbe es keinen Bruch.

Und doch war der Bruch da.

Er war nicht laut. Er war nicht dramatisch. Er war, wie die meisten Veränderungen in einem Menschen, unerquicklich unscheinbar.

Hans Castorp blieb einen Augenblick stehen, nicht aus Müdigkeit – Müdigkeit war, seit er trainierte, ein klarer Begriff geworden, ein Muskelzustand, eine Zeit im Logbuch –, sondern aus jener Art von Zögern, die nichts mit dem Körper zu tun hat, sondern mit dem Namen. Denn was ihn, seit Kautsonik ihm in dieser trocken-komischen Art die Schubladen des Hauses gezeigt hatte, mehr beschäftigte als die Gefäßsteifigkeit, war nicht mehr die Frage, wie hoch seine Diastole sei, sondern wie tief sein Eintrag.

Man trägt in solchen Häusern alles ein.

Zuerst den Namen, dann die Zimmernummer, dann die Kreditkarte, dann die Vorlieben (Kissen hart, Kissen weich), dann die Unverträglichkeiten (glutenfrei, konfliktfrei), dann die Wünsche (Meerblick, Bergblick, nicht gesehen werden). Und schließlich trägt man, ohne dass es ausdrücklich gesagt wird, auch die Abweichungen ein: die kleinen Unregelmäßigkeiten im Verhalten, die Blicke, die nicht passen, die kurze Pause, bevor jemand „Ja“ sagt. Das Register ist nicht nur Papier; es ist Wahrnehmung.

Und Hans Castorp, der seit Jahren mit einem Namen lebte, den er inzwischen nicht mehr als Lüge, sondern als eine Art höfliche Behauptung empfand, spürte plötzlich wieder – ganz leise, aber klar –, wie dünn das Papier ist, auf dem man sich selber schreibt.

Er setzte den Fuß auf die erste Stufe.

Und in diesem Moment hörte er hinter sich die Stimme, die in diesem Haus wie eine Glocke funktioniert: nicht weil sie laut wäre, sondern weil sie seit Jahrzehnten immer an der Schwelle erklingt.

„Der Herr.“

Kautsonik stand am Tresen, aufrecht, obwohl sein Körper längst andere Vorschläge machte. Er trug, wie immer, seine dunkle Jacke mit den hellen Nähten, als hätte man ihm das Prinzip Ordnung direkt auf den Stoff genäht; am Kragen leuchtete das kleine Rot, dieses diskrete Festzeichen, das sagt: Auch der Dienst ist ein Leben.

In seiner Hand hielt er einen Umschlag.

Nicht groß. Nicht offiziell. Kein Fenster, keine Aufkleber; nur Papier, das in der modernen Welt bereits eine leichte Unanständigkeit besitzt, weil es sich nicht tracken lässt, solange es nicht gescannt wird.

„Das ist für Sie“, sagte Kautsonik.

Hans Castorp trat einen Schritt zurück, vom Treppenbeginn weg – und man könnte, wenn man poetisch sein wollte, sagen: Er ließ die Entscheidung noch einmal liegen.

„Von wem?“ fragte er.

Kautsonik zuckte die Schultern minimal.

„Von einem Herrn“, sagte er, und man hörte, dass er das Wort „Herr“ noch ernst nimmt, während andere es schon als Floskel behandeln. „Er hat nicht sehr viel gesagt. Aber er hat…“ – Kautsonik machte eine kleine Pause, als wolle er prüfen, ob er diesen Satz wirklich aussprechen soll – „er hat Ihren Namen gesagt.“

Hans Castorp spürte, wie der Ring an seinem Finger – dieses treue, kleine Auge – einen Moment lang warm wurde, als hätte er eine Erregung registriert, die Hans selbst nicht eingestanden hätte. Er nahm den Umschlag.

Er war leicht.

Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, das Unheimliche an Nachrichten: Sie wiegen fast nichts, und doch verschieben sie ganze Körper.

„Danke“, sagte Hans Castorp.

Kautsonik nickte.

„Freude dem, der kommt“, sagte er, und es klang wie ein Routinegruß.

Hans Castorp sah ihn an.

„Und Freude dem, der geht“, fügte Kautsonik hinzu, trocken.

Hans Castorp lächelte, aber das Lächeln war nicht mehr nur höflich. Es hatte, unter der Höflichkeit, einen Stich von Erleichterung, als hätte jemand ihm erlaubt, an etwas zu denken, das er bisher nur als Anmaßung empfunden hatte: an Weggehen.

„Sie gehen nicht gern“, sagte Kautsonik, als spräche er einen Befund aus.

„Ich gehe nie“, sagte Hans Castorp.

„Das ist dasselbe“, erwiderte Kautsonik.

Und dann, als wäre damit alles gesagt, wandte er sich dem nächsten Gast zu, der einen Kissenwunsch hatte, und war wieder ganz Dienst, ganz Gegenwart, ganz „da“. Da sein ist sein Beruf, hatte er gesagt. Und Hans Castorp dachte, dass Da-Sein vielleicht die höchste Form von Treue ist – und dass Weggehen die höchste Form von Untreue sein kann, ohne dass sie deshalb falsch sein muss.

Er ging zur Seite, in die Nähe einer roten Säule, die die Halle stützte wie eine blutrote These. Er schob den Umschlag auf, langsam, als müsse er dem Papier Zeit geben, sich zu entscheiden, was es sein will: Einladung, Drohung, Nichtigkeit.

Innen lag kein Brief. Kein langes Schreiben. Gustav von A. war, wie man inzwischen wusste, kein Mann der Umstände; er war ein Mann der Sätze, und er behandelte selbst die Umstände wie Sätze: knapp, zwingend, mit einem unerbittlichen Rhythmus.

Es war nur ein Kartonstreifen, abgerissen, als hätte man ihn im Vorbeigehen aus einer Mappe gerissen. Darauf, mit einer Handschrift, die so diszipliniert war, dass sie beinahe unsympathisch wirkte, standen drei Zeilen:

Bibliothek. Heute. 16 Uhr.

Und darunter, einzeln gesetzt, wie ein Urteil, wie ein Versprechen:

Süden.

Hans Castorp sah auf das Wort.

Es war lächerlich, dass vier Buchstaben und ein Umlaut so viel in ihm bewegen konnten.

Aber lächerlich ist oft nur der erste Name für das, was wahr ist.

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