Abschnitt 8

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Am Abend saß er in seiner Suite, am Tisch, auf dem der Ring lag oder am Finger saß – es ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, unerquicklich, wie sehr wir uns an Kreise klammern – und vor ihm lag das Logbuch.

Er nahm das Holzstäbchen, dieses lächerliche Werkzeug, das einmal einen Marshmallow getragen hatte und dann eine Wahrheit und dann, in seiner Tasche, zu einem Schreibgerät geworden war.

Er setzte die Spitze an.

Er schrieb oben hin:

Die fünf Vorsätze.

Dann schrieb er, darunter, jedes Wort für sich, mit einem Punkt, als sei es ein Satz, als könne man mit einem Punkt den Charakter abschließen.

Respekt.

Mitgefühl.

Verantwortung.

Sicherheit.

Partnerschaftlichkeit.

Er sah auf die Wörter. Sie standen da, ordentlich und doch – weil ein Holzstäbchen kein Stift ist – ein wenig verwischt. Sie waren nicht gedruckt, sie waren nicht perfekt. Sie sahen aus, als hätten sie Widerstand gekostet.

Hans Castorp dachte an Morgenstern, wie er das Telefon in die Tasche gesteckt hatte. Das war vielleicht der eigentliche Punkt. Nicht der Punkt am Ende des Wortes, sondern der Punkt im Moment, in dem man nicht reagiert.

Er dachte an Frau Morgenstern, wie sie die Hand auf den Unterarm gelegt hatte. Das war Sicherheit. Nicht als Konzept, sondern als Berührung.

Er dachte an die Kinder, wie sie einen Käfer betrachtet hatten, als sei das Leben nicht kompliziert. Das war Mitgefühl, ohne Wort.

Er dachte an sich selbst. Und plötzlich, ganz toniohaft, spürte er, dass diese fünf Wörter, so ordentlich sie dastanden, in seinem Leben eine Lücke hatten.

Er ließ eine Zeile frei.

Nur eine.

Ein kleiner weißer Fleck unter fünf großen Worten.

Er wusste nicht, welches Wort dort stehen müsste. Vielleicht „Liebe“. Vielleicht „Mut“. Vielleicht „Zugehörigkeit“. Vielleicht nichts.

Er schloss das Buch.

Der Ring glänzte matt.

Und Hans Castorp empfand, dass es in der Welt der Programme Dinge gibt, die man nicht messen kann – und dass man sie dennoch, oder gerade deshalb, üben muss.

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