Abschnitt 6

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Sie gingen weiter, den Weg entlang, der sich leicht bergab wand, vorbei an einem kleinen Wasserlauf, der aus der Golfanlage herauskam, geschniegelt, kanalisiert, und doch Wasser blieb: kalt, laufend, gleichgültig.

Dr. AuDHS sprach, wie er sprach, wenn er das Gefühl hatte, dass ein Moment lehrreich sei – und er sprach dabei nie so, als wolle er belehren, sondern so, als wolle er die Sache selbst zum Sprechen bringen.

„Wissen Sie“, sagte er, „warum Blutegel funktionieren?“

„Weil sie saugen“, sagte das ältere Mädchen und kicherte.

„Ja“, sagte Dr. AuDHS. „Aber warum können sie saugen? Weil Sie nicht merken, dass Sie bluten. Es ist nicht Schmerz, es ist nicht Gewalt. Es ist…“ Er suchte nach einem Wort, das die Kinder verstehen würden. „…es ist leise.“

Hans Castorp dachte an das vibrierende Telefon. Leise. Diskret. Modern.

„Und warum merken Sie es nicht?“, fuhr Dr. AuDHS fort, und jetzt sprach er mehr zu den Erwachsenen. „Weil Ihr System eins es als ‚sozial‘ interpretiert: als Pflicht, als Schuld, als Nettigkeit. Nettigkeit ist, verehrte Leserin, verehrter Leser – pardon, ich zitiere mich selbst –, eine der gefährlichsten Drogen der bürgerlichen Seele. Man will gemocht werden. Man will nicht der Böse sein. Man will nicht der Löwe sein, der sagt: Gehen Sie weg mit Ihrer Grasfrage.“

Morgenstern nickte. „Ich will nicht…“ Er stockte. „…ich will nicht hart sein.“

„Sie verwechseln hart mit klar“, sagte Dr. AuDHS. „Klarheit ist Hygiene. Hardness ist Ego. Sie brauchen Klarheit, nicht Hardness.“

Hans Castorp hörte das Wort Hygiene und dachte an Hypertrophie, an Muskeln, an Rituale. Es war merkwürdig, wie alles in diesem Haus auf Hygiene hinauslief: Hygiene für die Gefäße, Hygiene für den Muskel, Hygiene für den Schlaf – und nun Hygiene für die Beziehung.

„Und die Lilien“, sagte Dr. AuDHS, und er deutete mit einer Kopfbewegung auf die Kinder, die sich inzwischen einander einen Kiesel zeigten, als sei es ein Schatz. „Die Lilien sind empfindlich. Sie brauchen nicht, dass Sie perfekt sind. Sie brauchen, dass Sie da sind. Und da sein heißt manchmal: das Telefon in der Tasche lassen.“

Frau Morgenstern sah Dr. AuDHS an, und in ihrem Blick lag etwas, das weder Dankbarkeit noch Skepsis war, sondern etwas Drittes: Erkennen. Sie hatte diese Sätze, in anderer Form, vermutlich schon oft gedacht. Es war nur selten, dass ein Mann sie sagte, ohne sich dabei zum Helden zu machen.

Hans Castorp ging neben ihnen her und spürte, wie in ihm etwas arbeitete. Nicht der Muskel – der ging; nicht das Gefäß – das pulsierte; sondern etwas, das er lange nicht trainiert hatte: die Vorstellung, dass ein gutes Leben nicht aus Werten besteht, sondern aus Blicken.

Der Blick, verehrte Leserin, verehrter Leser: jene unscheinbare, unmessbare, oft missbrauchte Sache, die doch alles trägt. Hans Castorp sah Morgenstern, wie er, nach dem Telefon, bewusst zu seinen Kindern blickte. Er sah Frau Morgenstern, wie sie diesen Blick wahrnahm. Er sah, wie sich in dieser kleinen Szene eine Sicherheit herstellte, die kein Ring messen kann.

Er dachte an sich selbst. Er dachte an die Nacht, in der er den Ring nicht gefragt hatte. Und plötzlich verstand er, mit einer Klarheit, die ihm fast peinlich war: Das Weiß, das er gelassen hatte, war nicht nur gegen das Gerät gerichtet, sondern gegen die Einsamkeit. Denn man misst, wenn man allein ist. Man misst, weil niemand sonst da ist, der einen hält.

Und er, Hans Castorp, war allein.

Er war allein in einem Haus voller Menschen, was die unerquicklichste Form der Einsamkeit ist.

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