Er kam nicht hastig, nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit jener unaufgeregten Selbstverständlichkeit, die Menschen haben, die gewohnt sind, dass man auf sie wartet. Er trug, wie immer, eine Art Uniform der Unbestimmtheit: nicht Arztkittel, nicht Anzug, sondern etwas Drittes – sportlich, aber nicht sportlich genug, um zu prahlen; gepflegt, aber nicht geschniegelt genug, um zu lügen.
Er sah die Kinder, sah die Frau, sah das Papier.
„Ah“, sagte er, und in diesem „Ah“ lag alles: Ironie, Zustimmung, die leichte Freude des Diagnostikers, wenn ein Symptom sich hübsch präsentiert.
„Herr Doktor“, sagte Hans Castorp, und es klang, wie immer, als sei dieses Wort eine Tür, die er aufstößt, um sich dahinter zu verstecken.
„Guten Morgen“, sagte Dr. AuDHS. Dann, zu Frau Morgenstern: „Sie sind also die Lilien.“
Frau Morgenstern lächelte, und es war nicht beleidigt, sondern amüsiert. Die Kinder kicherten, weil Kinder auf Blumen reagieren, als wären sie Tiere.
„Lilien?“, fragte das ältere Mädchen.
„Ja“, sagte Dr. AuDHS. „Lilien. Das ist ein Kompliment. Es heißt: schön, sensibel, und man muss aufpassen, dass man sie nicht zertritt, wenn man mit seinen Stiefeln durchs Leben trampelt.“
Er setzte sich, als gehörte er dazu. Und vielleicht gehörte er dazu, denn er war in diesem Haus die Instanz, die alles verband: Körper und Idee, Messung und Moral.
„Und“, sagte er, und sein Blick fiel wieder auf die Liste, „das sind Ihre fünf Gebote.“
„Vorsätze“, korrigierte Morgenstern.
„Das ist das gleiche“, sagte Dr. AuDHS trocken. „Nur ohne Gott. Unsere Zeit hat Gott abgeschafft und die Checkliste behalten.“
Morgenstern verzog den Mund, als wolle er protestieren, aber er protestierte nicht. Er sah, wie seine Frau mit dem jüngeren Kind einen Löffel führte, ruhig, geduldig; und in diesem Anblick lag vermutlich der Grund, warum er nicht protestierte.
„Sie sagten“, sagte Dr. AuDHS, „die Blutegel draußen.“
„Ja“, sagte Morgenstern.
„Gut“, sagte Dr. AuDHS. „Dann ist heute ein Trainingstag. Nicht für den Muskel, sondern für die Grenze.“
Hans Castorp hörte das Wort „Training“ und spürte, wie es in ihm einen kleinen Reflex auslöste: den Reflex der Leistung, des Plans, der Wiederholung. Es war merkwürdig, wie schnell das Haus ihn umgeformt hatte.
„Wir gehen jetzt“, sagte Frau Morgenstern, sehr praktisch, als müsse man die Moral nicht diskutieren, sondern leben. „Die Kinder wollen raus.“
Dr. AuDHS nickte. „Sehr gut. Bewegung. Sie wissen: Der Mensch ist kein Lauftier, sondern ein Geh-Trab-Tier. Und vor allem: Sitzen ist das neue Rauchen.“ Er sagte es mit einem Tonfall, der zugleich Zieser zitierte und Zieser parodierte, ohne dass man genau wusste, welche Seite stärker war.
Die Kinder standen auf, Frau Morgenstern zog ihnen Jacken an, die aussahen, als könnten sie sowohl Regen als auch Weltuntergang abhalten, und Hans Castorp stand ebenfalls auf.
Er nahm sein Tablett, stellte es weg, und während er das tat, dachte er an sich selbst. Er dachte daran, dass er nicht einmal wusste, ob er gut geschlafen hatte, weil er sich ein Weiß gegönnt hatte. Und nun ging er mit Menschen hinaus, deren Schlaf nicht gemessen, sondern geweckt wird, durch kleine Stimmen, durch Bedürfnisse, durch das Wort „Papa“.
Es war, verehrte Leserin, verehrter Leser, als hätte man ihm eine andere Art von Kurve gezeigt.