Der Speisesaal – er trug einen Namen, der nach internationalem Komfort klang und doch, wie so viele Namen hier, nur ein Etikett war auf einer uralten Sache: dem Essen – lag im Erdgeschoss, mit großen Fenstern hinaus auf Wiesen, die inzwischen nicht mehr winterlich weiß, sondern beinahe unverschämt grün waren. Die Golfbahnen, diese geometrische, bürgerliche Form der Natur, glänzten wie frisch gekämmt; dahinter standen dunkle Fichten, und noch dahinter, als wäre das Ganze nur eine Bühne, erhob sich die Bergkulisse, blau und grau, mit Schnee in den Falten.
Das Buffet war aufgebaut wie immer: korrekt, reichlich, mit jener moralischen Ambivalenz, die ein Luxusfrühstück stets ausstrahlt. Es ist ein Fest und eine Beichte zugleich. Man nimmt, als hätte man es verdient, und man schaut, als müsste man sich rechtfertigen. Hier lagen die Eier, dort der Lachs, hier das Brot, dort die Früchte; und über allem lag ein Geruch nach Kaffee, Butter und dem leisen, nie ganz eingelösten Versprechen, dass dieser Tag „gut“ werde.
Hans Castorp nahm sich, wie er es inzwischen gelernt hatte, nicht „alles“, sondern „das Richtige“: ein wenig Eiweiß, ein wenig Fett, Gemüse, vielleicht eine Handvoll Beeren. Er hatte, wie so viele Gäste in diesem Haus, die Moral des Essens verinnerlicht; er aß nicht mehr nach Hunger, sondern nach Konzept. Und es ist unerquicklich, verehrte Leserin, verehrter Leser, dass man in dieser Moral zugleich eine neue Form von Angst erkennt: die Angst vor dem Körper, die sich geschniegelt hat, wie er einmal gesagt hatte.
Er suchte sich einen Platz am Rand – denn er saß gern am Rand, selbst wenn er im Zentrum war – und gerade als er sich setzte, hörte er eine Stimme, die ihn ansprach, nicht laut, aber bestimmt, mit jener Mischung aus Freundlichkeit und Energie, die Menschen haben, die es gewohnt sind, in Konflikten zu vermitteln.
„Castorp!“
Er blickte auf und sah Philipp Morgenstern.
Morgenstern kam auf ihn zu, und hinter ihm – und das war neu – kamen zwei kleine Gestalten, die sich an seine Jacke klammerten, und neben ihm ging eine Frau, deren Gesicht zugleich müde und schön war, wie es Gesichter sind, die nicht aus Schlafmangel, sondern aus Verantwortung müde werden.
„Das ist meine Frau“, sagte Morgenstern, und in der Weise, wie er „meine Frau“ sagte, lag etwas, das Hans Castorp, der Mann der Zwischenräume, zugleich rührte und stach: Besitz und Schutz, Selbstverständlichkeit und Verpflichtung, alles in zwei Worten.
Die Frau lächelte höflich. Sie hatte klare Augen, und in ihnen lag jene Art von Wachsamkeit, die nicht Misstrauen ist, sondern Fürsorge. Sie reichte Hans Castorp die Hand.
„Guten Morgen“, sagte sie.
„Guten Morgen“, sagte Hans Castorp und spürte, wie seine Höflichkeit plötzlich eine andere Farbe bekam. Es ist merkwürdig: Man kann in Hotels hundert Hände schütteln, und sie bleiben, wie Hotelwäsche, sauber und bedeutungslos; und dann kommt eine Hand, die nicht „Gast“ ist, sondern „Leben“, und plötzlich ist man wieder ein Mensch, der Fehler machen kann.
Die beiden Mädchen – sie mochten sechs und neun sein, oder sieben und zehn; Kinder haben in Hotels eine andere Zeitrechnung, sie sind immer „klein“ und doch immer „schon groß“ – sahen ihn an, erst scheu, dann neugierig.
„Das ist Hans“, sagte Morgenstern, und er sagte es, als sei Hans ein Freund, nicht nur ein Mitgast. „Ein Freund von Papa.“
Das ältere Mädchen nickte, als nähme sie es zur Kenntnis, wie ein kleines Protokoll. Das jüngere versteckte sich halb hinter dem Bein der Mutter und lugte hervor.
„Wir haben gesagt, wir gehen nach dem Frühstück raus“, sagte Morgenstern zu Hans, während sie sich um den Tisch herum sortierten, als entstünde plötzlich, mitten im Speisesaal, eine kleine private Ordnung. „Du kommst doch mit? Und der Herr Doktor…“ – er machte eine unbestimmte Bewegung mit der Hand, als müsse man Dr. AuDHS nicht einladen, sondern nur zulassen – „…der kommt auch.“
Hans Castorp nickte, und er wusste nicht recht, warum er nickte, denn er war nicht der Mann der Familienausflüge, nicht der Mann der Kinderstimmen, nicht der Mann der kleinen Jacken und Trinkflaschen. Aber er nickte, weil in diesem Nicken etwas lag, das er selten geübt hatte: Teilnahme.
Sie setzten sich. Die Mutter – Frau Morgenstern – nahm dem jüngeren Kind die Serviette ab, die es sich bereits in den Schoß geknüllt hatte, glättete sie, und in dieser kleinen Bewegung lag eine ganze Welt von Geduld.
Morgenstern bestellte Kaffee, fragte nach Kakao für die Kinder – Kakao, dieses Wort, das Hans Castorp seit der Walpurgisnacht nicht mehr gehört hatte, ohne an Wintersonne und Marshmallows zu denken – und dann, kaum dass die Tassen standen, griff er in seine Jackentasche und zog etwas heraus.
Es war kein Gerät, kein Ring, keine Manschette; es war ein Stück Papier.
„Ich habe sie dabei“, sagte er, und er sagte es mit einer Mischung aus Stolz und Scham, wie man über etwas spricht, das man ernst nimmt, aber fürchtet, dass andere es lächerlich finden.
Hans Castorp sah auf das Papier. Es war gefaltet, ein wenig abgegriffen, und darauf standen, in ordentlicher Handschrift, fünf Wörter, untereinander, jedes mit einem Punkt, als sei es ein Satz für sich.
Frau Morgenstern sah es und seufzte nicht, lächelte nicht spöttisch; sie nickte nur, ganz klein. Das war, verehrte Leserin, verehrter Leser, vielleicht das Erstaunlichste: dass eine solche Liste in einer Ehe nicht automatisch komisch ist, sondern – wenn sie ernst gemeint ist – eine Form von Demut.
„Respekt“, las Hans Castorp leise.
„Mitgefühl“, sagte Morgenstern.
„Verantwortung“, sagte Frau Morgenstern, fast wie eine Ergänzung, als wollte sie zeigen: Ich habe es gehört, und ich werde dich daran erinnern, ohne dich zu demütigen.
„Sicherheit“, sagte Morgenstern und sah dabei seine beiden Kinder an, als sei dieses Wort nicht abstrakt, sondern körperlich.
„Partnerschaftlichkeit“, sagte er zuletzt, und es klang, als müsse man dieses lange Wort besonders behutsam aussprechen, damit es nicht in der Luft zerbricht.
Hans Castorp schwieg. Nicht aus Unverständnis, sondern aus einem Gefühl, das er nicht benennen konnte: einer Art Toniohaften Wehmut. Denn Tonio – wenn wir ihn, verehrte Leserin, verehrter Leser, in diese Szene hineinrufen dürfen, obgleich er nicht hier ist – hätte genau so geschwiegen: mit Bewunderung und mit Schmerz. Bewunderung für die bürgerliche Form, die sich als Moral verkleidet; Schmerz darüber, dass man selbst nicht ganz dazugehört, selbst wenn man am Tisch sitzt.
„Ich habe die Blutegel in mir“, sagte Morgenstern, und jetzt wurde seine Stimme leiser, fast privat, obwohl sie im Speisesaal saßen, zwischen Marmeladengläsern und Croissants. „Also… die Dinge, die ich gemacht habe, diese…“ Er suchte nach einem Wort, das nicht zu hart klang. „…Spitzen. Die Ironie. Das Recht haben wollen. Das habe ich…“ Er tippte auf das Papier. „…adressiert.“
Frau Morgenstern legte ihre Hand kurz auf seinen Unterarm. Eine Sekunde. Kein Pathos. Eine Geste der Partnerschaftlichkeit, die nicht „Team“ sagt, sondern Team ist.
„Aber draußen“, fuhr Morgenstern fort, „draußen sind noch welche.“ Er hob die Augen, sah Hans Castorp an, und in diesem Blick lag die Bitte, verstanden zu werden, ohne dass man es dramatisiert. „Menschen, die…“ Er machte eine Bewegung, als würde etwas an ihm hängen. „…die meine Gutmütigkeit benutzen. Immer. Und ich merke es – und dann argumentiere ich. Und dann werde ich…“ Er lachte kurz, bitter. „…Tiger.“
Hans Castorp dachte an die Fabel, an den Esel, den Tiger, den Löwen. Er dachte daran, wie Dr. AuDHS gesagt hatte: Es ist unlogisch, mit einem Esel zu streiten, und noch unlogischer, den Löwen damit zu behelligen. Er dachte auch daran, wie modern diese Fabel ist: ein kleines Lehrstück über die Energieökonomie des Geistes.
„Und jetzt“, sagte Morgenstern, „will ich nicht mehr Tiger sein. Und ich will nicht mehr Esel sein. Ich will…“ Er sah auf die Liste, als sei sie ein Geländer. „…ich will nur…“ Er lachte wieder, diesmal fast schüchtern. „…normal sein.“
Normal. Dieses Wort, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist im Zauberberg-Kontext immer ein gefährliches Wort gewesen. Denn „normal“ ist dort entweder das Tal – und das Tal ist Krieg – oder es ist eine Illusion, die man sich leistet, solange man oben ist. Hier, auf der Sonnenalp, ist „normal“ wiederum ein Marketingbegriff: der Normalwert, der Normalbereich, das „normal hoch“. Und doch meinte Morgenstern etwas anderes: die Normalität des Guten, die Normalität des Respekts, die Normalität einer Ehe, die nicht dauernd blutet.
Hans Castorp nickte, und er wusste wieder nicht recht, warum er nickte. Vielleicht, weil er es auch wollte, ohne es zu wollen.
Da kam Dr. AuDHS.