Am Morgen lag der Ring noch immer auf dem Tisch.
Hans Castorp nahm ihn, steckte ihn wieder an den Finger.
Die Haut darunter war wieder warm, der Abdruck blieb kurz sichtbar, wie eine Erinnerung an Ungehorsam.
Er nahm das Telefon, öffnete die App, die so tut, als wäre sie ein Tagebuch, und sah die Kurven.
Es gab, wie erwartet, eine Lücke.
Ein weißes Stück in der Nacht, ein leeres Band zwischen den farbigen Segmenten. Keine Herzfrequenz, keine Temperatur, kein Schlafscore. Nur: Weiß.
Es sah aus wie eine Schande. Und es sah aus wie Freiheit.
Unter der Lücke stand, in jener höflichen, algorithmischen Sprache, die sich so gern als freundlich ausgibt:
Bitte tragen Sie Ihren Ring während der Nacht, um optimale Ergebnisse zu erzielen.
Hans Castorp starrte auf den Satz.
Er lächelte.
Es war ein höfliches Lächeln.
Und ein wenig unerquicklich.
Denn er begriff: Selbst die Lücke ist registriert. Selbst das Nichtwissen ist Wissen. Selbst der weiße Fleck ist ein Datensatz.
Er hörte, wie es an der Tür klopfte – nicht hart, nicht drohend, sondern so, wie es in Hotels klopft, wenn man etwas bringt, das man bestellt hat.
Ein Mitarbeiter stellte, ohne Worte, ein kleines Couvert auf den Tisch.
Hans Castorp öffnete es.
Darin lag eine Karte, gedruckt auf dickem Papier, mit dem Sonnenzeichen oben und einer handschriftähnlichen Schrift darunter:
Health Service Reminder: Kontinuität ist der Schlüssel.
Darunter ein kleiner Smiley, wie eine moderne Entschuldigung.
Hans Castorp legte die Karte hin, sah den Smiley an, und dachte, dass ein Smiley eine neue Form von Macht ist: Er lächelt, damit man sich nicht wehrt.
Er setzte sich an den Tisch.
Er nahm das Logbuch.
Er schlug eine neue Seite auf.
Der Stift lag daneben, ordentlich.
Hans Castorp hielt den Stift in der Hand, zögerte – und legte ihn wieder hin.
Stattdessen nahm er das Holzstäbchen, das immer noch in seiner Tasche war, dieses lächerliche, leichte Ding, das einmal ein Marshmallow getragen hatte und dann eine Wahrheit.
Er setzte die Spitze auf das Papier.
Er schrieb oben hin:
Die weißen Flecken.
Die Schrift war unsauber, weil ein Holzstäbchen kein Stift ist. Sie verwischte ein wenig. Und gerade dadurch war sie wahr.
Hans Castorp sah auf den Satz.
Er dachte an Gustav: Ein Satz lebt vom Weiß.
Er dachte an Zieser: Muskelaufbau ist einfach, aber hart.
Er dachte, mit einer plötzlichen, toniohaften Klarheit: Nicht nur Muskeln wachsen am Widerstand. Auch Sätze.
Er blätterte zurück, sah die Zahlen, die Wiederholungen, die Werte.
Dann ließ er eine Zeile frei.
Nur eine.
Ein kleiner, weißer Fleck in der Ordnung.
Er schloss das Buch.
Der Ring am Finger glänzte matt.
Und Hans Castorp empfand, dass das Gerät, das alles wissen sollte, in dieser Nacht nichts wusste – und dass gerade darum, in diesem Weiß, etwas geschehen war.