Draußen, vor dem Haus, lag die Welt.
Sie lag nicht im Sinne eines Besitzes, sondern im Sinne einer Offenheit. Die Sonnenalp – diese große Anlage aus Holz, Glas, Wegen, Teichen, Programmen – saß im Grün wie ein geordnetes Tier; ein Tier, das man gezähmt hatte, indem man ihm Wellness angeboten hatte.
Die Wiesen waren hell, saftig, und in ihnen lagen hier und da noch weiße Flecken – kleine Schneereste in Senken, Schatten, unter Büschen. Das Weiß war nicht mehr Winter; es war Erinnerung. Und Hans Castorp, der eben noch über „blaues Gras“ gesprochen hatte, dachte, wie hübsch und unerquicklich es ist, dass die Wirklichkeit sich nicht um unsere Fabeln kümmert: Das Gras war grün. Und darüber lag, fleckweise, Weiß.
Er ging einen Weg entlang, der sich sanft vom Haus wegzog, an einem Teich vorbei, an einem Zaun, hinter dem Kühe standen und mit jener geduldigen Gleichgültigkeit kauten, die jeder Optimierer insgeheim beneidet: Sie leben in Wiederholung, und sie nennen es Leben.
Der Himmel war klar. In der Ferne standen Berge, die noch Schnee trugen; oben Weiß, unten Grün. Auch das war eine Kurve: oben/unten, Ordnung/Inversion, wie im Zauberberg – nur dass hier nicht Krankheit das Oben rechtfertigte, sondern Komfort.
Hans Castorp blieb stehen und sah zurück.
Die Sonnenalp lag aus dieser Perspektive nicht mehr wie eine Lobby, sondern wie eine Stadt; mehrere Flügel, Dächer, Terrassen, Wege, Wasserflächen. Eine Ordnung im Grün. Ein Programm in der Natur.
Er hörte seinen Atem.
Er merkte, wie sein Körper – trainiert, gezügelt, bestformed – automatisch in Rhythmus ging. Die Schritte hatten eine Kadenz. Der Gang war leicht. Er hätte, ohne es zu wollen, die Schritte zählen können, weil der Körper gelernt hat, sich selbst zu überwachen. Es ist unerquicklich, wie schnell man sich daran gewöhnt, sich zu kontrollieren.
Er hob die Hand, sah auf den Ring.
Der Ring war da. Der Ring war warm geworden. Der Ring war zufrieden.
Und Hans Castorp empfand plötzlich eine Art Widerstand, nicht gegen den Ring selbst, sondern gegen das Gefühl, dass der Ring zufrieden ist. Denn was ist Zufriedenheit eines Geräts anderes als Gehorsam?
Er blieb stehen.
Er drehte den Ring am Finger, einmal, zweimal.
Dann zog er ihn ab.
Es war ein kleiner, fast lächerlicher Akt. Ein Stück Metall von einem Finger. Eine Geste, die in keiner Moraltheorie vorkommt und in keiner Religion – und die doch, in einer Zeit der Messung, eine Provokation ist.
Die Haut darunter war blasser, ein schmaler Ring aus Weiß: ein Abdruck, ein Zeichen der Zugehörigkeit. Ein weiterer weißer Fleck.
Hans Castorp hielt das Gerät in der Hand, betrachtete es. Es lag schwerer darin, als er erwartet hatte.
Er steckte es in die Tasche.
Nicht weggeworfen. Nicht zerstört. Nur: nicht sichtbar. Nicht aktiv.
Dann ging er weiter.
Und plötzlich, verehrte Leserin, verehrter Leser, wurde das Gehen anders.
Nicht, weil der Ring ihn mechanisch verändert hätte – er ist ja kein Zauber, er ist nur ein Sensor –, sondern weil das Gehen ohne Messung eine andere Qualität hat: Es ist nicht mehr Teil eines Programms, es ist wieder ein Ereignis. Der Weg ist nicht mehr „Schrittzahl“, er ist wieder Weg.
Hans Castorp fühlte das Gras unter den Schuhen, die leichte Feuchtigkeit, die noch vom Schnee in den Schatten kam; er roch Erde. Er hörte, wie irgendwo ein Vogel rief, und er dachte: Wenn ich das nicht aufzeichne, ist es dann weniger wahr?
Das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die moderne Frage: Wir trauen der Erfahrung nicht mehr, wenn sie nicht dokumentiert ist.
Er ging, und er merkte, wie sein Kopf, dieser Affe im Anzug, sofort zu arbeiten begann: Wie viele Schritte? Wie viele Minuten? Welche Herzfrequenz?
Er musste lachen.
„System eins“, murmelte er, und es klang, als spräche er mit einem Haustier, das man nicht schimpfen darf, weil es nur tut, was es kann.
Er zwang sich, langsam zu denken. System zwei.
Ich gehe, dachte er. Das genügt.
Es war anstrengend.