Abschnitt 5

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Unten, am Rand der Empfangshalle, stand Kautsonik.

Er stand nicht, er war dort; wie ein Möbelstück, das sprechen kann. Sein Anzug saß tadellos, seine Haltung war jene althotelhafte Mischung aus Dienlichkeit und Würde, und man spürte, dass dieser Mann, wenn man ihm die Sonne wegnehmen würde, immer noch in der Lobby stehen bliebe, weil Stehen sein Beruf und sein Charakter geworden war.

„Herr Castorp“, sagte Kautsonik und neigte den Kopf, als sei selbst das Nicken ein Ritual.

Hans Castorp nickte zurück.

„Ich gehe ein wenig hinaus“, sagte er, und es klang, als müsse man in diesem Haus selbst das Gehen anmelden.

Kautsonik lächelte trocken.

„Sehr gut“, sagte er. „Bewegung ist wichtig. Sitzen ist das neue Rauchen, sagt man.“

Hans Castorp musste lachen, leise. Es war komisch, diese Sätze aus Ziesers Mund, aus Porsches Mund, aus AuDHS’ Mund – und nun aus Kautsoniks Mund zu hören, als wären sie Gemeingut, wie Salz.

Kautsonik sah auf Hans’ Hand.

„Der Ring“, sagte er. „Schick.“

Hans Castorp spürte den Reflex, die Hand zu verbergen.

„Er misst“, sagte er.

„Ja“, sagte Kautsonik. „Alles misst. Wir messen sogar die Freude. Sie wissen: Feedbackbögen.“

Er machte eine kleine Pause, und in dieser Pause lag das, was man in Hotels diskreten Ernst nennt.

„Nur“, sagte er dann, „wenn einmal etwas fehlt…“ Er hob die Augenbrauen. „…dann fragt das System. Nicht ich. Das System.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Was fehlt?“ fragte er.

Kautsonik hob die Schultern.

„Nichts“, sagte er. „Noch nichts. Ich sage es nur, weil ich ein freundlicher Mensch bin. Guest Relations, nicht Gestapo.“

Er sagte es wieder, und wieder war es komisch, und wieder fröstelte es im Hintergrund.

Hans Castorp nickte.

„Freude dem, der kommt“, sagte er leise, mehr zu sich als zu Kautsonik.

„Ja“, sagte Kautsonik. „Und Freude dem, der geht.“

Hans Castorp nickte, und diesmal war das Nicken nicht nur Höflichkeit, sondern ein Entschluss.

Er ging.

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