Er ging weiter, in den hinteren Teil der Galerie, wo ein Tisch stand.
Und dort saß Gustav von A.
Man erkannte ihn nicht daran, dass er „berühmt“ aussähe – Berühmtheit, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist selten ein Gesicht, öfter eine Haltung –, sondern daran, dass er nicht las, wie Menschen in Hotels lesen, nämlich um sich zu entspannen oder zu schmücken, sondern so, als sei das Lesen Arbeit. Neben ihm lag ein Notizbuch. Er schrieb hinein, ohne hastig zu sein, aber ohne jene Trägheit, die Urlauber an den Tag legen, als wollten sie sich selbst beweisen, dass sie heute „nichts müssen“.
Hans Castorp blieb stehen.
Es war, als sähe er eine Form von Legitimation, die ihm fehlte.
Gustav hob den Blick.
Er sah Hans Castorp an, nicht neugierig, nicht prüfend, eher mit jener unaufdringlichen Wachheit, die manche Menschen haben, die sich nicht leicht täuschen lassen, weil sie sich selbst zu oft getäuscht haben.
„Sie sind wieder oben“, sagte Gustav.
Hans Castorp nickte.
„Ich bin…“ begann er – und merkte, wie lächerlich es ist, in einem Hotel etwas über Sein zu sagen.
Gustav lächelte kurz.
„Sie sind sehr…“ sagte er, und er schien nach dem Wort zu suchen, das Zieser und Porsche und AuDHS gleichermaßen gern benutzen würden. „…optimiert.“
Hans Castorp musste lächeln. Das Wort hatte etwas Komisches, weil es so technisch ist und doch so menschlich gemeint sein will.
„Es ist ein Programm“, sagte er.
„Ja“, sagte Gustav. „Programme haben immer recht. Sie sind so gebaut.“
Hans Castorp setzte sich, nicht direkt gegenüber, sondern leicht versetzt – die bürgerliche Distanz, die er immer wieder einhielt, auch wenn er sich nach Nähe sehnte.
Er sah auf das Notizbuch.
„Sie schreiben“, sagte er.
„Ich muss“, sagte Gustav. „Sonst bleibe ich nicht.“
Hans Castorp dachte an Zieser: Wer schreibt, der bleibt. Ein Spruch aus dem Gym, hier oben plötzlich Literatur.
„Und was“, fragte Hans Castorp, vorsichtig, „schreiben Sie?“
Gustav hob die Schultern.
„Weiße Flecken“, sagte er.
Hans Castorp spürte einen kleinen Schlag im Brustkorb, als hätte jemand ihm den Ring kurz fester gezogen.
„Wie meinen Sie?“ fragte er.
Gustav tippte mit dem Stift auf eine Stelle im Notizbuch, die tatsächlich leer war: ein Absatz, eine Lücke.
„Das“, sagte er. „Das Ungeschriebene. Das Nichtgesagte. Das, was man nicht füllt, weil man weiß, dass jede Füllung eine Lüge wäre.“
Hans Castorp sah die Leere an, und er empfand, wie unangenehm sie ist – und wie notwendig.
„Unsere Zeit“, fuhr Gustav fort, „hat eine Obsession mit Vollständigkeit. Sie will alles messen, alles erzählen, alles zeigen. Und wenn etwas fehlt, wird es nicht als Grenze akzeptiert, sondern als Fehler. Sie kennen das.“
Hans Castorp hob unwillkürlich die Hand, sah auf den Ring.
Gustav sah es.
„Ah“, sagte er leise. „Das Auge.“
Hans Castorp hätte gern etwas ironisch-gelehrtes gesagt, etwas Settembrinihaftes vielleicht, aber er war nicht Settembrini. Er war Hans Castorp, und Hans Castorp sagte stattdessen:
„Es beruhigt.“
Gustav nickte.
„Beruhigung ist eine große Macht“, sagte er. „Sie kann auch eine große Lüge sein.“
Er beugte sich etwas vor.
„Lassen Sie sich nicht zu sehr verbessern“, sagte er dann, und der Satz fiel so schlicht, so unpathetisch, dass er gerade dadurch wie ein Befehl klang.
Hans Castorp lächelte, weil er den Satz kannte – und weil er ihn noch immer nicht verstand.
„Wie soll man sich denn verbessern“, fragte er, „ohne…?“
Gustav hob die Hand.
„Ich sage nicht: verbessern Sie sich nicht“, sagte er. „Ich sage: lassen Sie ein Loch. Lassen Sie einen Rand. Lassen Sie etwas, das nicht kontrolliert ist. Sonst sind Sie irgendwann nicht mehr Mensch, sondern…“ Er suchte kurz. „…eine perfekte Datei.“
Hans Castorp dachte an sein Alias. An die Papiere. An die Türen, die sich geschlossen hatten, bevor jemand begriff, wer hindurch war. Er dachte: Ich habe mich gerettet, weil ich eine Lücke war.
„Sie meinen“, sagte er langsam, „dass die Lücke…“
„…Sie schützt“, sagte Gustav. „Und Sie zwingt. Beides.“
Er lehnte sich zurück.
„Ein Satz“, sagte er, „lebt vom Weiß. Er ist nicht nur Buchstaben. Er ist auch Abstand. Pause. Atem.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Und ein Leben?“ fragte er.
Gustav lächelte wieder, kurz, und es war ein Lächeln, das weder tröstete noch verletzte.
„Ein Leben auch“, sagte er.
Dann schwieg er, und das Schweigen war kein Mangel, sondern ein Raum.
Hans Castorp spürte, dass er etwas tun wollte – nicht denken, nicht fühlen, sondern tun.
Er stand auf.
„Danke“, sagte er.
Gustav nickte, als wäre Dank hier nicht nötig, weil es nicht um Freundlichkeit ging, sondern um Wahrheit.
Hans Castorp ging die Treppe hinab, unter dem Leuchter hindurch, und der Leuchter brannte über ihm, wie eine ordentliche Sonne.