Abschnitt 6

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Das Wort fiel, und man sah, wie Morgenstern innerlich zusammenzuckte, weil das Bild so drastisch ist, dass es sich dem Anständigen entzieht.

„Die Blutegel an mir“, sagte Morgenstern schnell, „die habe ich adressiert. Ich… ich arbeite. Ich habe…“ Er stockte, und man merkte, dass es ihm peinlich war, über seine eigenen Vorsätze wie über ein Programm zu sprechen. „Ich habe Regeln. Für meine Ehe. Für meine Kinder. Ich…“

Dr. AuDHS hob die Hand.

„Ich weiß“, sagte er. „Ich habe sie gehört. Und es ist gut. Es ist…“ Er lächelte kurz. „…menschlich. Und schwer. Aber ich meinte nicht diese Blutegel.“

Morgenstern sah ihn an.

„Ich meine die Blutegel“, sagte Dr. AuDHS, „die sich an Ihre Gutmütigkeit hängen. Die Menschen, die Ihr Ja melken wie eine Kuh, die nicht treten darf. Die Menschen, die aus Ihrem Respekt einen Rabatt machen. Die Menschen, die, wenn Sie Grenzen setzen, plötzlich so tun, als seien Sie der Aggressor.“

Hans Castorp dachte unwillkürlich an seine eigene Geschichte: wie er verschwunden war, wie er Grenzen gesetzt hatte, indem er sich entzog. Auch eine Grenze, aber eine feige. Er spürte einen kleinen, moralischen Schmerz.

„Und was mache ich?“ fragte Morgenstern, leiser.

Dr. AuDHS blieb erneut stehen. Diesmal war es nicht Seminar, sondern etwas wie Freundschaft.

„Sie fokussieren“, sagte er.

„Worauf?“ fragte Morgenstern.

„Auf Ihre Lilien“, sagte Dr. AuDHS.

Morgenstern blinzelte.

„Meine was?“

„Ihre Frau“, sagte Dr. AuDHS. „Ihre Kinder. Ihre Menschen. Die Dinge, die blühen, wenn man sie schützt. Und Sie entfernen, ohne große Dramatik, ohne großen Diskurs, ohne Löwen-Gericht, die Blutegel.“

„Wie?“ fragte Morgenstern, und man hörte in dem Wie dieselbe Ratlosigkeit, die Hans Castorp so gut kannte.

Dr. AuDHS lächelte, und dieses Lächeln hatte den Riss: es war nicht nur professionell, es war auch ein wenig müde.

„Keep it simple“, sagte er, und man hörte, wie er Zieser zitiert, ohne Zieser zu sein.

Hans Castorp musste lächeln. Es war komisch, diese Zitate wie Münzen zwischen den Figuren wandern zu sehen: jeder benutzt sie, als wären sie sein eigenes Geld.

„Sie sagen Nein“, fuhr Dr. AuDHS fort. „Sie erklären es nicht zehnmal. Sie rechtfertigen sich nicht. Sie diskutieren nicht. Sie sagen Nein – und gehen. Das ist System zwei.“

Morgenstern schluckte.

„Das ist hart“, sagte er.

„Muskelaufbau ist einfach, aber hart“, sagte Dr. AuDHS.

Morgenstern lachte, diesmal wirklich. Ein kurzer Moment von Leichtigkeit im Ernst.

„Sie sehen“, sagte Dr. AuDHS, „wie gut Zieser als Philosophie taugt.“

Hans Castorp ging neben ihnen, hörte zu, und in ihm arbeitete etwas. Nicht als klare Erkenntnis, sondern als Verschiebung.

Er dachte: Ich habe gelernt, Nein zum Körper zu sagen, wenn er aufhören will. Ich habe gelernt, den Satz noch zu machen, obwohl es brennt. Ich habe gelernt, mein Essen zu planen, obwohl ich Hunger habe. Ich habe gelernt, mich auf eine Matte zu legen, obwohl es sticht. Aber habe ich gelernt, Nein zu Menschen zu sagen?

Er dachte an Tonio, an den Schaffenden, der zwischen Welten steht. Er dachte an Gustav von A., der irgendwo in diesem Haus wie ein literarischer Schatten auftauchte und Sätze sagte, die wie Notizen klangen: Empfehlungen sind die sanfteste Form des Befehls. Hier oben war alles Empfehlung. Und jede Empfehlung war, wenn man ehrlich ist, ein Befehl mit freundlicher Stimme.

„Und Sie, Herr Castorp?“ fragte Dr. AuDHS plötzlich, und Hans Castorp erschrak, weil er dachte, er sei unsichtbar geblieben.

„Ich?“ fragte Hans.

„Ja“, sagte Dr. AuDHS. „Sie hören zu, wie immer. Sie nicken, wie immer. Sie denken, wie immer. Aber was machen Sie mit dem, was Sie hören?“

Hans Castorp spürte, wie ihm warm wurde, nicht vom Wetter, sondern von der Frage.

„Ich…“ begann er.

Morgenstern sah ihn an, ernst, fast zärtlich. Es war die Zärtlichkeit derer, die wissen, dass man manchmal nicht weiß, wer man ist.

Hans Castorp suchte nach einem Satz, und er fand – wie so oft – keinen Satz, sondern ein Bild.

„Ich sehe“, sagte er schließlich, und es war, in seiner Einfachheit, ein seltsamer Satz, weil er so gut passte: Hans Castorp, der Zuschauer, der Empfinder, der Blickende.

Dr. AuDHS nickte.

„Der Blick“, sagte er. „Ja. Der Blick ist Ihr Talent. Aber der Blick ist auch eine Ausrede, wenn er Handlung ersetzt.“

Hans Castorp schwieg. Das traf.

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