Es war ein kleiner Moment, aber er wirkte wie eine Szene: drei Männer im Grün, und plötzlich wird aus einem Spaziergang ein Seminar.
„Schauen Sie“, sagte Dr. AuDHS, und er zeigte nicht auf die Anlage, nicht auf die Berge, sondern auf das Gras selbst, so als wäre das Gras der eigentliche Text. „Der Esel ist nicht dumm. Das ist wichtig. Der Esel ist…“ Er suchte nach einem Wort, das nicht moralisch ist. „…zweckmäßig. Er will keinen Diskurs. Er will eine Situation, in der er recht hat.“
Morgenstern schnaubte.
„Das ist doch dumm“, sagte er.
„Nein“, sagte Dr. AuDHS. „Es ist effizient. Dumm ist der, der glaubt, dass jeder Streit um Wahrheit geht.“
Hans Castorp dachte an Settembrini und Naphta, an endlose Debatten, an Begriffe, die wie Waffen benutzt wurden. Damals ging es auch nicht immer um Wahrheit. Es ging um Zuständigkeit. Um Status. Um das Gefühl, recht zu haben.
„Der Tiger“, fuhr Dr. AuDHS fort, „ist das Tier der Wahrheit. Er sieht: grün. Er kann es nicht lassen. Er sagt es. Und er glaubt, damit sei die Sache…“
„…erledigt“, sagte Hans Castorp leise, und er erschrak, weil er gesprochen hatte.
Dr. AuDHS sah ihn an, und in diesem Blick lag ein kleines, anerkennendes Nicken.
„Erledigt“, bestätigte er. „Aber Wahrheit erledigt selten etwas. Wahrheit ist nur ein Angebot. Manchmal ein Angriff.“
Morgenstern zog die Stirn kraus.
„Und der Löwe?“ fragte er.
„Ah“, sagte Dr. AuDHS, und jetzt kam jene Ironie, die nicht spöttisch ist, sondern erkenntnisfreundlich. „Der Löwe ist das interessanteste Tier. Nicht, weil er recht hat, sondern weil er Macht hat. Er entscheidet, welche Wahrheit gilt – nicht als Erkenntnis, sondern als Ordnung.“
„Er sagt: wenn du glaubst, es ist blau, dann ist es blau“, sagte Morgenstern, und man hörte den Ekel.
„Ja“, sagte Dr. AuDHS. „Das ist ein Satz, der in unserer Zeit sehr beliebt ist. Man nennt das dann Toleranz. Man nennt es Perspektive. Man nennt es…“ Er hob leicht die Schultern. „…Empathie. Aber oft ist es nichts anderes als Konfliktvermeidung.“
Hans Castorp dachte an die Sonnenalp selbst, an ihre ganze Architektur des Konfliktvermeidens: weiche Sessel, warme Lichter, beruhigende Fenster, Programme, die alles in „Experience“ verwandeln. Hier oben wird sogar Krankheit so arrangiert, dass sie nicht stört.
„Und warum bestraft er den Tiger?“ fragte Hans Castorp.
„Weil der Tiger den Fehler macht, Energie zu investieren“, sagte Dr. AuDHS. „Zeit. Aufmerksamkeit. Nerven. Der Löwe bestraft nicht die Wahrheit. Er bestraft die Verschwendung.“
Morgenstern verzog den Mund.
„Das ist…“ sagte er. „Das ist zynisch.“
„Es ist biologisch“, antwortete Dr. AuDHS. „Und jetzt kommen wir zu etwas, das Sie beide schon kennen, ohne es zu kennen.“