Es war, als sie sich trafen, nicht mehr Winter, nicht mehr Übergang, nicht mehr jene beleidigte Zeit, in der der Schnee alles korrekt macht und das Grün nur als Ausnahme erscheint. Es war Frühsommer, und das ist in den Bergen eine Unverschämtheit: ein Grün, das so frisch ist, dass es wie neu erfunden wirkt, ein Licht, das so klar ist, dass es jede Sentimentalität entlarvt, und eine Luft, die so tut, als sei sie rein, obwohl sie längst von Straßen, Küchen, Menschen, Heizungen und Eitelkeiten durchdrungen ist.
Die Sonnenalp lag im Land, als hätte jemand sie nicht gebaut, sondern abgestellt: ein großer Komplex aus Häusern, Terrassen, Wegen, Wasserflächen, Gärten, der sich in die Hügel setzte wie ein Dorf, das sich für ein Schloss hält, oder wie ein Schiff, das im Grün festgefahren ist und daraus eine Tugend macht. Von oben, wenn man den Blick hätte, sähe man, wie die Anlage sich wie eine Stadt ausbreitet: die Dächer wie Schuppen, die Wege wie Adern, die Pools wie kleine Lagunen – und um all das herum die Wiesen, die Felder, die Straßen, die sich schlängeln, als wüssten sie, dass sie nur die Nebenrollen in diesem großen Wellnessstück sind.
Hans Castorp trat aus dem Haupthaus, und er hatte, wie immer, diesen Moment der Irritation: Drinnen ist es Bühne, draußen ist es Welt. Drinnen wird man angesprochen, registriert, gelächelt; draußen riecht es nach Gras, und das Gras fragt nicht nach Namen.
Morgenstern wartete bereits.
Philipp Morgenstern – der Mann, der einst in einer Perücke und unter einer Eselmaske gestanden hatte, um der Welt für einen Abend zu erlauben, lächerlich zu sein, und der sich danach geschworen hatte, nie wieder ein Esel zu sein, der behauptet, das Gras sei blau – stand heute ohne Maske, ohne Perücke, ohne Requisit. Er trug eine leichte Jacke, die so aussah, als sei sie teuer und zugleich praktisch; und seine Hände waren, wie bei vielen Menschen, die viel denken und wenig tragen, unbeschäftigt. Sein Gesicht hatte jene Art von Müdigkeit, die nicht vom Schlafmangel kommt, sondern von sozialen Konflikten: die Müdigkeit des Guten, das sich mit dem Groben herumschlagen muss.
Dr. AuDHS kam ein wenig später dazu, wie immer mit jener Mischung aus Selbstverständlichkeit und Abwesenheit, die manche Menschen haben, die sich für zuständig halten, ohne sich aufzudrängen. Er ging, als sei der Weg bereits gedacht, bevor er ihn betrat. Sein Blick war aufmerksam, aber nicht neugierig; er schaute nicht, um zu besitzen, sondern um zu ordnen.
„Herr Castorp“, sagte er, und in diesem Ton lag die alte Anrede, die Kautsonik so gern benutzte: diese altmodische Würde, die in einem modernen Kontext wie eine kleine Rebellion wirkt.
„Herr Doktor“, sagte Hans Castorp, weil er ihn, wie immer, so nannte, als sei das Kürzel AuDHS keine Namensform, sondern ein Amt.
Morgenstern nickte Hans zu.
„Du siehst…“ begann er, und hielt dann inne, als wolle er nicht in jene Falle treten, die Männer so gern stellen: die Falle, einen anderen Mann öffentlich zu bewerten.
Hans Castorp lächelte.
„Korrekt?“ fragte er.
Morgenstern schnaubte leise.
„Korrekt“, sagte er. „Ja. Korrekt. Du siehst aus, als würdest du nicht mehr desertieren können.“
Hans Castorp spürte einen kleinen Stich, weil das Wort so beiläufig fiel und doch alles enthielt. Er antwortete nicht. Er antwortete, wie er so oft antwortete: mit einem höflichen Schweigen, das mehr verriet als es verbarg.
Sie gingen los.