Abschnitt 1

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Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, Zustände, die sich so unauffällig herstellen, dass man sie erst erkennt, wenn sie da sind – wie gute Manieren, wie eine Handschrift, wie jene Art von Ruhe, die nicht aus Nichtstun kommt, sondern aus Wiederholung. Und es gibt Zustände, die so auffällig sind, dass sie ihren eigenen Beweis mitführen: sie stehen im Spiegel, sie stehen in Zahlen, sie stehen in der Reaktion der Umgebung. Hans Castorp befand sich, nach Wochen und Monaten der kleinen, korrekten Gewalt gegen sich selbst, in einem solchen auffälligen Zustand.

Er stand, früh am Morgen, im weißen Bereich eines GYMcube, und das Weiß war, wie alles Weiß in unserer Zeit, nicht unschuldig, sondern funktional: es sollte nicht trösten, sondern zeigen. Der Würfel roch nach Metall, nach Gummi, nach jener trockenen Reinlichkeit, die nichts mit Wasser zu tun hat und doch wie Hygiene behandelt wird. Es war still, abgesehen von dem leisen Summen eines Bildschirms, der auf Bereitschaft stand, und dem unregelmäßigen Atem eines Menschen, der gelernt hatte, seinen Atem zu zählen, ohne ihn zu erleben.

Hans Castorp trug keine Kleidung am Oberkörper; nicht, weil er eitel war, sondern weil Eitelkeit ein zu billiges Wort wäre für dieses neue Verhältnis zum Körper, das man hier oben pflegte. Man zeigte sich, weil man sich messen wollte; man entblößte sich, weil man nicht mehr glaubte, dass irgendwo im Inneren ein Geheimnis wohne, das man respektieren müsse. Und doch wohnte es – nur anders.

Sein Körper war, in der Kälte des Spiegels und der Wärme des Blutes, zu einer Art Diagramm geworden.

Die Schultern standen breit, aber nicht auf jene plumpe, triumphierende Art, wie man sie aus Bildern von Kraftmenschen kennt, die der Welt beweisen wollen, dass sie stärker sind als sie selbst. Es war vielmehr eine ordentliche Breite, eine Breite, die sich aus Zug und Druck ergeben hatte, aus dem Hängen am eigenen Gewicht, aus dem Pressen der Stange über den Kopf, aus dem ständigen, unspektakulären Anspannen des Rumpfes. Die Brust war gezeichnet – nicht dramatisch, sondern präzise; und darunter lief der Bauch in jene klare, harte Fläche aus, die man, wenn man streng ist, unbürgerlich nennen könnte, weil sie nicht nach Behaglichkeit aussieht, sondern nach Entzug.

Die Linien der Bauchmuskeln traten hervor wie die Fugen in einem Steinboden: nicht als Schmuck, sondern als Ordnung. Seitlich, an den Flanken, zeichneten sich jene schmalen, zähen Muskeln ab, die den Rumpf zusammenhalten, wenn man schwer hebt und dabei nicht zerbrechen will; und darüber, an den Armen, liefen die Adern wie kleine Straßen – diskret, aber unübersehbar –, als habe der Körper, durch das Training, seine eigene Landkarte nach außen geschoben.

Ein Band lag um seinen Oberarm, dunkel, fest, mit einer kleinen, metallenen Kante: ein moderner Spion, der nicht mehr am Handgelenk saß wie ein Ring, sondern sich dort festbiss, wo der Muskel arbeitet. Hans Castorp hatte gelernt, dass man heute nicht mehr einfach „schwitzt“ – man „trackt“. Und er hatte gelernt, dass Tracking eine seltsame Intimität erzeugt: Man wird sich selbst zum Beobachter, und der Beobachter ist selten gnädig.

Er führte den Arm quer vor die Brust, zog ihn mit der anderen Hand in eine Dehnung, die Zieser ihm gezeigt hatte – nicht als Wellness, sondern als Pflicht –, und während er zog, sah er sein Gesicht.

Es war nicht jugendlich. Es war auch nicht alt. Es war – und das ist das Unheimliche an Optimierung – auf eine Weise neutral geworden, die man früher „gesund“ genannt hätte, heute aber „in Form“ nennt, als sei Gesundheit eine Gestaltfrage. Die Wangen waren nicht eingefallen, sondern straff; der Blick war klar, aber nicht freundlich, eher aufmerksam, als müsse er ständig prüfen, ob etwas aus der Reihe fällt. Das Haar, kurz, ordnungsgemäß, trug eine helle Strähne, die ihm etwas Fremdes gab, etwas, das nicht nach Mode aussah, sondern nach Zeit.

Und da war, in seinem Blick, die alte Sache: das Staunen.

Denn Hans Castorp, dieser Mensch der Empfindung, war nicht plötzlich zum Athleten geworden, weil er sich als Athlet empfand; er war es geworden, weil er, wie Dr. Porsche gesagt hatte, „Rituale der persönlichen Hygiene“ praktizierte – und Rituale wirken, auch wenn man sie nicht versteht. Er stand da, in Bestform, und verstand sie nicht.

Er verstand, dass er leichter geworden war, ohne schwächer zu sein. Er verstand, dass er morgens wacher war. Er verstand, dass sein Gang – dieses bürgerliche Fortbewegungsmittel – eine neue Federung bekommen hatte, weil die Muskeln am Oberschenkel, am Gesäß, am Rücken nicht mehr bloß Gewebe waren, sondern Arbeitsergebnis. Er verstand sogar, dass die Zahlen am Ring – der Ring! seine neue Ehe – ihm gelegentlich ein mildes Lob spendierten: ein tieferer Ruhepuls, eine ruhigere Nacht, ein besserer Wert.

Aber er verstand nicht, warum ihn das alles zugleich beruhigte und beunruhigte.

Denn wenn man, verehrte Leserin, verehrter Leser, seinen Körper formt, formt man nicht nur Muskeln; man formt auch Erwartungen. Und Erwartungen, einmal formiert, sind wie eine zweite Haut: man kann sie nicht ablegen, ohne sich nackt zu fühlen.

Hans Castorp löste die Dehnung, schüttelte den Arm aus. Er griff nach dem Logbuch, das Zieser in jedem Cube wie eine Bibel auslegte, und blätterte. Zahlen, Wiederholungen, Gewichte; und zwischen den Zahlen manchmal ein Wort: „sauber“, „zittert“, „ging“, „ging nicht“. Das Wort „ging nicht“ war, in seiner trockenen Ehrlichkeit, das Menschlichste an diesem Buch.

Er schrieb heute nichts. Heute war kein Trainingstag. Heute war – und auch das war eine moderne Formulierung – ein Spaziergangstag.

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