Ein Chamäleon lebte lange Zeit in einem Terrarium.
Es war kein trostloser Ort. Unter der warmen Lampe hatte es sich eine kleine Welt erschaffen: eine Bühne aus Papier, eine Palme, eine Puppe. Manchmal spielte es Theater, ganz für sich, während ein Fisch aus seinem Glas zusah, den Mund leicht geöffnet, als wolle er staunen. Das Licht machte alles weich und golden.
Doch jenseits des Glases rauschte es unaufhörlich – wie ein Strom aus Wörtern, Gedanken, Bedeutungen, die niemals zur Ruhe kamen.
Eines Nachts stand das Terrarium auf dem Dach eines Autos.
Die Fahrt war schnell, fast lautlos, und tief unter ihnen zog sich eine Autobahn aus leuchtenden Buchstaben durch die Dunkelheit. Gedanken flitzten dort entlang wie Fahrzeuge, rastlos, grell. Im Glas hingegen lag eine merkwürdige Stille, als halte eine unsichtbare Hand die Welt an.
Dann kam der Ruck.
Das Terrarium geriet ins Rutschen, kippte, fiel. Glas zersprang in der Luft, funkelte wie kleine Regenbogen, bevor es den Boden erreichte.
Das Chamäleon sprang im letzten Moment hinaus, landete im Gras am Straßenrand, zitternd, nach Luft schnappend. Der Fisch war verschwunden. Die Bühne auch. Alles, was vertraut gewesen war, war fort.
Im Gras kniete ein Junge. Dunkles Haar, ein schlichter Mantel, daran ein kleiner goldener Kronen-Pin.
Er wirkte, als gehöre er nicht ganz hierher.
„Hallo“, sagte das Chamäleon.
„Hallo“, antwortete der Junge.
So begann ihre Begegnung.
Das Chamäleon erzählte von dem Verlust: von Besitzern, die weggefahren waren, von der Puppe, vom Fisch, von der Einsamkeit, die plötzlich alles füllte. Der Junge hörte zu. Etwas in ihm wurde warm, als hätte jemand eine Kerze angezündet.
„Dann will ich dein Freund sein“, sagte er leise.
Sie setzten sich ins Gras.
Der Junge hieß Peter. Er erzählte von einem anderen Planeten, von Königreichen, von Wasser, das dort fehlte, und von einer Königin namens Alice. Er sprach von einem Berater, dem Hutmacher, von verrückten Ideen und von der Fähigkeit zu fliegen – nicht durch Kraft, sondern durch Ruhe. Wenn er still wurde und an etwas Schönes dachte, wurde er leicht wie eine Feder.
Doch hier, sagte Peter, sei es zu laut.
Die Gedankenautobahn rauschte zu nah.
Sie machten sich auf den Weg, fort vom Lärm, hin zu einem grünen Hügel im Abendlicht.
Zuerst war der Anstieg sanft. Das Gras flüsterte an ihren Knöcheln vorbei, Felsen tauchten auf, kalt und fest. Das Chamäleon zeigte den Weg, flink und sicher. Peter folgte, tastete, rutschte, fand Halt.
An einer fast senkrechten Wand zweifelte er.
Das Chamäleon hielt ihn.
Gemeinsam schafften sie es hinauf.
Vom Gipfel aus wirkte das Land ruhig, wie ein ausgebreiteter Teppich. Die Gedankenautobahn war nur noch ein dünner Faden am Horizont.
Peter legte seine Hand auf das Herz des Chamäleons.
„Danke“, sagte er.
Weiter oben fanden sie einen Bergsee.
Spiegelglatt. Zwei verlassene Liegestühle standen am Ufer. Sie setzten sich, ließen die Beine baumeln, sahen zu, wie sich die bewaldeten Hänge im Wasser spiegelten.
Der Wind strich über den See, nahm die letzten lauten Gedanken mit sich fort.
Es blieb nur noch ein leises Ploppen einer Welle.
Ein und aus.
Peter schlief ein.
Das Chamäleon blieb wach.
Es zählte Sterne. Spürte den warmen Boden. Und dachte, ohne Worte, mit einer Klarheit, die es lange nicht gekannt hatte:
Hier bin ich richtig.
Und als der Morgen kam – denn natürlich gibt es immer einen Morgen, auch nach der stillsten Flucht –, saß nicht mehr der Junge am Ufer.
Da saß, im Liegestuhl, Dr. Peter AuDHS.
Er war derselbe, und er war ein anderer. Der Mantel war weg, der Pin war fort, aber der Blick war geblieben: dieser Blick, der zugleich teilnehmen und taxieren kann, der zugleich trösten und ordnen will.
Neben ihm saß das Chamäleon, die Beine baumelnd wie ein kleines, altes Wesen, und beide sahen hinunter ins Tal.
Ganz weit unten, weit unter dem Bergsee, weit unter dem Spiegel, zog sich die Gedankenautobahn. Sie leuchtete noch. Die Fahrzeuge fuhren noch. Worte, Gründe, Erinnerungen. Sie fuhren, als müssten sie ankommen.
Dr. Peter AuDHS lehnte sich zurück, als hätte er endlich nichts zu betreuen.
„Fahr“, sagte er leise, und es war nicht klar, ob er es zu den Gedanken sagte oder zu sich.
Und er ließ sie fahren.