Zwischen dem Gespräch und dem Abend lag ein Tag, der, wie alle Tage in solchen Häusern, mehr Programm war als Zeit. Hans Castorp aß, er ging, er trank Wasser, das nach Zitronenblättern schmeckte, er las ein wenig, ohne zu lesen, er betrachtete die Menschen, die sich hier oben in ihren Wellness‑Uniformen bewegten wie in einer moralisch gereinigten Welt.
Und am Nachmittag, als er – mehr aus Gewohnheit als aus Neigung – zur Bibliothek hinaufging, jener Galerie über dem Leuchter, wo die Stille immer ein bisschen so tut, als sei sie echt, geschah es, dass er ihn sah.
Nicht „ihn“ als Person, nicht „Gustav von A.“ als Name – Namen sind gefährlich, und Hans Castorp hat gelernt, vorsichtig zu sein –, sondern eine Gestalt.
Sie stand zwischen den Regalen, halb im Licht, halb im Schatten, und sie war von jener Korrektheit, die nicht geschniegelt wirkt, sondern notwendig. Der Mann trug ein dunkles Jackett, nicht auffällig, nicht teuer auf eine laute Weise; und in seiner Hand hielt er ein kleines Notizbuch, das nicht dekorativ war, sondern gebraucht. Sein Kopf war leicht gesenkt, als lausche er, aber er lauschte nicht nach Geräuschen; er lauschte nach Sätzen.
Hans Castorp blieb am Geländer stehen, sah hinunter in die Empfangshalle, wo Menschen Gläser hielten und lachten, und dann wieder hinüber zu dieser Gestalt.
Sie schrieb.
Nicht hektisch. Nicht romantisch. Sie schrieb in jener ruhigen, präzisen Weise, die sagt: Hier wird nicht gefühlt, hier wird geformt. Und Hans Castorp spürte, wie ihm ein Satz aus Ziesers Mund in den Kopf trat, völlig unpassend und gerade deshalb schneidend:
Wer schreibt, der bleibt.
Hans Castorp dachte, mit einem toniohaften Stich: Wer nicht schreibt – was bleibt der?
Er sah, dass an dem Mantel des Mannes, ganz klein, fast lächerlich diskret, ein Pin steckte: ein winziges goldenes Zeichen, das im Licht kurz aufblitzte. Es war nicht zu erkennen, was es genau darstellte. Es hätte ein Kronchen sein können. Es hätte ein Wappen sein können. Es hätte ein Scherz sein können.
Hans Castorp sah es nur einen Augenblick.
Dann hob der Mann den Kopf. Nicht zu Hans hin, nicht als erkenne er ihn, sondern einfach, als nehme er die Umgebung wahr. Der Blick streifte die Galerie, die Bücher, den Leuchter, die Halle – und Hans Castorp hatte, für einen Moment, das Gefühl, als sei auch er nur ein Gegenstand in dieser Wahrnehmung: eine Figur, die man registriert, ohne sie anzusehen.
Der Blick glitt weiter.
Und der Mann war wieder in seinem Notizbuch.
Hans Castorp stand noch einen Moment und fragte sich, ob er eben jemanden gesehen hatte oder nur eine Idee: die Idee des Schaffenden, die Idee dessen, der seine Existenz durch Form rechtfertigt. Er dachte an Tonio, ohne Tonio zu kennen, und er dachte: Es gibt Menschen, die schlafen schlecht, weil sie zu viel fühlen. Und es gibt Menschen, die schlafen schlecht, weil sie zu viel schreiben.
Er ging hinunter.