Hans Castorp hob die Brauen.
„Eine Geschichte?“
„Ja“, sagte AuDHS. „Sie müssen dem Kopf etwas geben, das nicht Autobahn ist. Nicht Kampf. Nicht Optimierung. Eine Strecke, die langsam ist. Eine Strecke, die nicht ankommt, sondern ausläuft.“
Hans Castorp schwieg. In ihm regte sich, leise, ein Tonio‑Gefühl: dass Geschichten nicht nur Unterhaltung sind, sondern eine Art Rettung. Und dass Rettung zugleich gefährlich ist.
„Ich erzähle mir“, sagte AuDHS, „wenn ich nicht einschlafen kann, eine Geschichte. Nicht laut, natürlich – ich will die Nachbarn nicht erziehen –, sondern gedanklich. Und ich erzähle sie so, dass am Ende etwas passiert, das Ihr Kopf nicht kann: er lässt los.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Welche Geschichte?“
AuDHS machte eine kleine Pause, als müsse er entscheiden, ob er sich lächerlich machen will. Dann sagte er:
„Ein Chamäleon.“
Hans Castorp blinzelte.
„Ein Chamäleon“, wiederholte er.
„Ja“, sagte AuDHS. „Ein Chamäleon im Terrarium. Und eine Autobahn aus Gedanken. Und ein Bergsee. Zwei Liegestühle.“
Er sagte die Wörter, und man merkte, wie sie in ihm bereits eine beruhigende Ordnung hatten.
„Warum…“ begann Hans Castorp.
AuDHS hob die Hand.
„Nicht warum“, sagte er. „Wie. Sie müssen es nicht verstehen. Sie müssen es erzählen.“
Hans Castorp schwieg einen Moment. Er dachte an Zieser: Keep it simple. Er dachte: Vielleicht ist Schlaf auch so.
AuDHS trat einen Schritt näher, als wolle er dem Gespräch einen vertraulicheren Ton geben, und sagte:
„Ich schreibe es Ihnen nicht auf. Wer schreibt, der bleibt – ja. Aber beim Schlaf ist es umgekehrt: Wer schreibt, bleibt wach.“
Hans Castorp musste lachen, leise. Dann wurde er ernst.
„Also erzähle ich mir… ein Chamäleon?“
AuDHS nickte.
„Ja“, sagte er. „Sie erzählen. Und wenn Sie merken, dass Sie wieder abbiegen wollen – zu Porsche, zu Zieser, zu ‚normal hoch‘, zu Ihrer…“ Er ließ das Wort offen, höflich wie er war. „…Vergangenheit –, dann kehren Sie zurück zur Geschichte. Immer wieder. Das ist Meditation ohne Räucherstäbchen.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Und am Ende?“ fragte er.
AuDHS lächelte. Es war ein merkwürdig weiches Lächeln.
„Am Ende“, sagte er, „sitzt Dr. Peter AuDHS mit dem Chamäleon am Bergsee im Liegestuhl und lässt die Gedanken auf der Autobahn weit unten fahren.“
Hans Castorp starrte ihn an.
„Sie?“ fragte er.
AuDHS zuckte die Schultern.
„Warum nicht?“ sagte er. „Man darf sich selbst in Geschichten hineinsetzen. Das ist die einzige erlaubte Form von Narzissmus.“
Hans Castorp nickte langsam.
„Und das hilft?“
AuDHS sah ihn an, und sein Blick war für einen Moment ganz frei von Ironie.
„Es hilft“, sagte er. „Oder es hilft nicht. Das ist das Schöne. Man kann es nicht beweisen. Man kann es nur versuchen – und gerade weil man es nicht beweisen kann, ist es vielleicht endlich einmal nicht Optimization.“
Hans Castorp atmete aus. Er fühlte, wie sich in ihm etwas entspannte – nicht, weil er nun eine Lösung hatte, sondern weil jemand ihm erlaubt hatte, nicht zu gewinnen.
AuDHS trat zurück, und sein Ton wurde wieder der des Betreuers, der die Sache in Ordnung bringt:
„Gehen Sie heute Abend früh ins Zimmer. Messen Sie Ihren Blutdruck, wenn Sie müssen. Aber dann lassen Sie die Geräte in Ruhe. Die Matte kommt später. Und die Geschichte…“ Er lächelte wieder. „…die kommt jetzt schon. Sie tragen sie im Kopf.“
Hans Castorp nickte.
„Danke“, sagte er.
AuDHS hob die Hand, als wehre er Dank ab.
„Danken Sie mir nicht“, sagte er. „Danken Sie dem Chamäleon.“
Dann ging er, wie er gekommen war: nicht weg, sondern nur in eine andere Zone.
Hans Castorp blieb stehen und dachte: Ich werde mich heute Abend mit einem Chamäleon ins Bett legen.
Das war, wenn man ehrlich ist, unerquicklich.
Und zugleich tröstlich.