Der Morgen, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist, wie wir wissen, die Verwaltung der Nacht. Er kommt, zählt nach, macht Inventur. Und wenn er heute noch eine zusätzliche Grausamkeit besitzt, dann die, dass er nicht mehr allein inventarisiert, sondern Geräte inventarisieren lässt.
Hans Castorp griff – nicht gierig, eher zögernd – nach dem Handapparat und sah, was der Ring ihm zu sagen hatte.
Die Auswertung war freundlich, und gerade deshalb war sie unerquicklich.
Sie sagte, in Zahlen, was sich wie ein Urteil las:
Einschlaflatenz: 47 Minuten.
Wachzeiten: 3 Episoden, zusammen 58 Minuten.
REM: 12 %.
Dazu, in einem Nebensatz, der wie eine höfliche Rüge wirkte: Stressindikatoren erhöht.
Hans Castorp starrte auf die Zahlen, als säße ein fremder Mensch in seinem Bett und hätte ihm seine Nacht auswendig vorgelesen.
Er empfand nicht Scham – Scham ist ein soziales Gefühl –, sondern eine Art beleidigter Ratlosigkeit. Er hatte doch alles getan. Er hatte doch sogar geschwitzt. Er hatte doch sogar notiert. Er hatte doch, wenn man streng ist, „geleistet“. Und dennoch war die Nacht, dieser unbestechliche Rest, nicht in Ordnung.
„REM“, sagte er leise, und das Wort klang wie eine Abkürzung für etwas, das man nicht kennen sollte. Es klang wie AuDHS. Es klang wie Porsche. Es klang nach einer Welt, in der selbst die Träume mit Buchstaben verwaltet werden.
Er legte den Handapparat weg und sah an die Decke.
Ein Teil von ihm dachte: Man könnte den Ring ablegen. Man könnte den Handapparat ausschalten. Man könnte die Nacht wieder sich selbst überlassen.
Aber dieser Teil war schwach. Denn Hans Castorp, der in seiner Biografie einmal die große Ordnung der Welt verlassen hatte, war in dieser kleinen Ordnung inzwischen erstaunlich fügsam geworden. Vielleicht, dachte er, weil er in ihr nicht erschossen werden konnte. Vielleicht, weil sie ihm eine Form von Rechtfertigung gab: Wenn ich optimiere, darf ich bleiben.
Und so tat er, was man in solchen Häusern tut, wenn ein Wert nicht stimmt:
Er begann, den Schlaf zu betreiben.