Abschnitt 3

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Er gehorcht nicht dem Willen, und er gehorcht nicht der Tugend. Er gehorcht höchstens der Erschöpfung, und selbst diese ist kein zuverlässiger Befehl.

Hans Castorp hatte trainiert. Er hatte am Rack gestanden, er hatte acht, zehn, zwölf Wiederholungen getan, er hatte geschwitzt, er hatte geschrieben, er hatte gemessen, er hatte sich – wie Zieser es nannte – „geordnet“. Und er hatte, am Abend, pflichtbewusst, die Manschette um den Arm gelegt und den kleinen, korrekt gekleideten Mann an die Tür klopfen lassen, der „normal hoch“ heißt.

Die Diastole, knapp über achtzig, war gekommen wie immer: höflich, unerschütterlich. Sie hatte sich in seine Zahlenreihe gestellt, als sei sie ein Familienmitglied. Hans Castorp hatte sie notiert. Und dann hatte er, nach all dieser Ordnung, schlafen wollen.

Das war der Fehler.

Denn schlafen wollen ist, wie man, wenn man älter wird, lernt, eine Tätigkeit, die den Schlaf vertreibt. Der Schlaf kommt nicht, wenn man ruft; er kommt, wenn man aufhört zu rufen.

Hans Castorp lag im Bett, in jener modernen Hotelbett-Hülle, die zugleich weich und unpersönlich ist, und er spürte, wie sein Geist – der bürgerliche Verwalter der Gründe – den Dienst nicht quittierte, sondern erst recht antrat. Er hörte das Summen der Lüftung, dieses gleichmäßige, entseelte Atemgeräusch des Hauses; er hörte, irgendwo, das gedämpfte Rollen eines Wagens auf dem Teppich; er hörte das ferne Klirren eines Glases, als bezeuge jemand, dass auch nach Mitternacht noch Programm stattfindet.

Und er hörte – am lautesten – sein eigenes Denken.

Es war, als läge tief unter dem Haus, tief unter dem Schnee, tief unter der gepflegten Ruhe, eine Autobahn; und auf dieser Autobahn fuhren Gedanken, rastlos, grell, mit Scheinwerfern aus Erinnerung, die nie abblenden. Sie fuhren in Kolonnen, sie überholten sich, sie bremsten, sie beschleunigten – und Hans Castorp, der in seinem Leben so oft versucht hatte, aus Ordnungen zu entkommen, merkte: Aus der Ordnung des eigenen Kopfes entkommt man schlechter als aus einem Krieg.

Er dachte an den Krieg, ohne ihn denken zu wollen. Er dachte an das Feuerwerk, das der Krieg ohne Blut ist, und daran, wie sein Körper zusammengezuckt war. Er dachte an die Frau, die „Oui“ gesagt hatte, und daran, dass ein einziges Wort eine ganze Vergangenheit wecken kann. Er dachte an die Frage nach dem Namen, an das Holzstäbchen, an das Verwischen.

Und, als sei das nicht genug, dachte er auch noch an das, was er dachte – und das ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, die eigentliche Hölle des modernen Menschen: das Metadenken, die Überwachung der Überwachung.

Als er endlich, nach einer unbestimmten Zeit, in einen dösenden Zustand fiel, war er nicht sicher, ob es Schlaf war oder nur Erschlaffung. Und als er wieder aufwachte – oder glaubte aufzuwachen –, sah er im Dunkel einen schwachen Schein: das Display des Handapparats, das so tat, als schliefe es, aber in Wahrheit nur wartete.

Hans Castorp drehte sich um, zog die Decke höher, als könne er sich gegen Licht mit Stoff wehren. Und dann, irgendwann, kam der Morgen.

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