Abschnitt 9

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Der Core‑Block war, wie Zieser ihn nannte, „Pflicht“. Hans Castorp mochte das Wort nicht, aber er verstand es. Pflicht ist das, was bleibt, wenn das Fest vorbei ist.

Po‑Kopf‑Heben, Beinheben – Bewegungen, die nicht schön sind, nicht heroisch, sondern unerquicklich in ihrer Intimität, weil sie den Körper als Maschine zeigen.

Und dann, zuletzt: Hyperextensions.

Zieser legte die Hantelstange auf Hüfthöhe, sodass Hans den Oberkörper darüber nach vorn sinken lassen konnte, um ihn aus der Spannung von Beinhinterseiten und Po wieder aufzurichten. Hans Castorp dachte, dass dieses Aufrichten und Absenken eine Metapher sei, die man nicht einmal suchen muss.

„Immer zuletzt“, sagte Zieser. „Der Rücken ist der Vertrag. Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz.“

Hans Castorp musste, obwohl er müde war, kurz lachen. Es war ein trockenes Lachen.

„Das ist Ihr Slogan“, sagte er.

Zieser sah ihn an, und in seinem Blick war für einen Moment etwas wie Erinnerung – nicht sentimental, eher geschäftlich.

„War“, sagte er. „Heute ist es ein Satz, den man wiederholen kann, wenn die Leute glauben, sie müssten einen Grund haben.“

„Und was ist der Grund?“ fragte Hans Castorp.

Zieser antwortete, ohne zu zögern:

„Atrophie. Sie kommt. Sie ist still. Sie nimmt dir nicht nur Kraft, sie nimmt dir Haltung. Und Haltung ist…“ Er machte eine Pause, als wolle er Hans Castorp nicht zu sehr in die Seele sehen. „…mehr als Muskel.“

Hans Castorp machte die Hyperextensions. Fünfzehn. Die letzten drei waren schwer. Nicht schwer wie eine Last, sondern schwer wie das Bewusstsein, dass man etwas tut, das man künftig wieder tun muss.

Er schrieb den Core‑Block ins Logbuch.

Zieser nickte.

„Gut“, sagte er. „Satz für Satz. Ein Tag. Drei Tage. Eine Woche.“

Hans Castorp stand da, verschwitzt, mit einem Gefühl von Müdigkeit, das nicht krank war, sondern ehrlich. Und er empfand, merkwürdigerweise, eine Art Ruhe – nicht die Ruhe der Entspannung, sondern die Ruhe der getanen Pflicht.

„Und jetzt?“ fragte er.

Zieser sah ihn an.

„Jetzt duschen“, sagte er. „Dann essen. Dann schlafen. Und heute Abend messen.“

Hans Castorp hob die Brauen.

„Messen?“

Zieser deutete auf das Logbuch.

„Measure what matters“, sagte er noch einmal. Und dann, fast freundlich: „Der Körper lernt, wenn du hinschaust.“

Hans Castorp dachte: Und wenn man hinschaut, sieht man vielleicht Dinge, die man nicht sehen will. Aber er sagte nichts.

„Morgen“, fuhr Zieser fort, „Legs: Kniebeugen und Hüftdrücken. Übermorgen Pull: Klimmzüge und Rudern. Dann Ruhetag. Wieder Push. 3 Tage Training, 1 Tag Pause. Keep it simple.“

Hans Castorp nickte.

„Und wenn ich morgen…“ begann er.

Zieser hob die Hand, und seine Stimme war nicht hart, nur klar:

„Wenn du etwas wirklich willst, findest du einen Weg.“

Hans Castorp schwieg. Er wusste nicht, ob er etwas wirklich wollte. Aber er wusste, dass er nicht mehr so leicht aus Dingen herauskam, sobald sie notiert waren.

„Es war…“ begann er, und er suchte nach einem Wort, das nicht lächerlich klingt.

Zieser half ihm.

„Hart“, sagte er. „Und einfach.“

Dann lächelte er – diesmal tatsächlich – und sagte, als wäre es ein Abschied und eine Drohung zugleich:

„Es gibt keine Wunder. Es gibt nur Training.“

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