Die Bank stand im Rack, und die Stange lag darüber wie eine Linie, die man greifen muss, damit sie nicht über einem schwebt wie ein Urteil. Zieser zeigte ihm, wie man sich hinlegt, wie man die Schulterblätter „in die Bank schraubt“, wie man die Füße festsetzt, als wäre der Boden nicht Boden, sondern Vertrag.
„Keep it simple“, sagte er noch einmal, als Hans Castorp zu viel überlegte. „Du liegst. Du greifst. Du drückst. Du kontrollierst.“
Hans Castorp griff die Stange.
Sie war kalt. Nicht unangenehm, aber eindeutig. Metall ist ehrlich.
„Nur die Stange“, sagte Zieser. „Wir lernen erst die Bewegung. Kein Heldentum. Heldentum verletzt.“
Hans Castorp nickte.
Zieser stand hinter dem Kopfende, die Hände nah, aber ohne zu berühren – eine Präsenz, die zugleich Sicherheit und Kontrolle ist.
„Runter“, sagte er. „Zum Brustbein. Hoch. Acht Wiederholungen.“
„Acht“, wiederholte Hans Castorp.
„Der Königssatz“, sagte Zieser.
Hans Castorp atmete ein, senkte die Stange, spürte, wie das Gewicht – dieses geringe, lächerliche Gewicht – plötzlich nicht mehr lächerlich war, weil es in seinen Händen lag und nicht in irgendeiner abstrakten Empfehlung.
Er drückte. Er spürte die Brust, die Schultern, den Trizeps; er spürte, wie der Körper sich organisiert, wenn er muss.
Bei der sechsten Wiederholung spürte er ein leichtes Zittern, und es erschrak ihn nicht, es überraschte ihn nur: Er hatte nicht erwartet, dass Ehrlichkeit so schnell kommt.
„Zwei noch“, sagte Zieser. „Right here, right now.“
Hans Castorp machte die siebte. Dann die achte.
Er legte die Stange zurück, und der metallische Klang, mit dem sie einrastete, war wie ein Punkt in einem Satz.
„Gut“, sagte Zieser. „Notieren.“
Hans Castorp setzte sich auf, griff nach dem Logbuch. Zieser gab ihm einen Stift. Es war ein gewöhnlicher Stift, nicht elegant, nicht stylisch, kein Tablet‑Stylus, sondern etwas, das auf Papier kratzt.
Hans Castorp hielt ihn einen Moment, und in diesem Halten war etwas Eigenartig‑Rührendes: ein Mann, der mit einem falschen Namen lebt, schreibt jetzt Zahlen in ein Buch, als wären Zahlen die wahrhaftigsten Namen.
Er schrieb hinter die von Zieser vornotierte Gewichtsstufe und die Zielwiederholungszahl 8: 8.
„Satz gilt erst, wenn notiert“, sagte Zieser.
Hans Castorp nickte. Es war Zauberberg‑Logik. Die Kurve.
„Dehnen“, sagte Zieser.
Er führte Hans an das Rack, Arm an den Pfosten, Brust auf Schulterhöhe.
„Fünf.“
Hans Castorp hielt.
„Vier.“
Das Ziehen war unangenehm, aber es war sauber.
„Drei.“
„Zwei.“
„Eins.“
„Andere Seite“, sagte Zieser.
Hans Castorp tat es.
Dann zurück zur Bank.
„Jetzt Satz zwei“, sagte Zieser. „Mehr Wiederholungen, weniger Last. Wir bleiben bei der Stange, aber du machst zehn.“
Hans Castorp legte sich wieder hin, Zieser reduzierte die Scheiben auf die neue Gewichtsstufe.
„Zehn“, wiederholte er.
Er drückte. Bei acht spürte er, wie das Zittern stärker wurde, und sein Geist wollte sagen: Das reicht. Aber der Körper, dieser ehrliche, zog weiter.
Zehn.
Er legte ab. Er schrieb: 10.
„Satz drei“, sagte Zieser. „Zwölf.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Zwölf“, sagte er, und es klang, als rede er von einem Urteil.
„Es gibt keine Wunder“, sagte Zieser ruhig. „Es gibt nur Training.“
Hans Castorp machte zwölf. Die letzten zwei waren langsam. Er spürte, wie die Zeit sich dehnte, wie jede Sekunde eine kleine Ewigkeit wurde, und er dachte: So ist es mit dem Leben. Man glaubt, es sei leicht, und dann wird es einfach nur länger.
Er schrieb: 12.
Zieser nickte, als hätte Hans Castorp gerade nicht gedrückt, sondern eine Prüfung bestanden.
„Schulterdrücken“, sagte er.