Abschnitt 4

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Dr. AuDHS erschien nicht wie jemand, der geholt wird, sondern wie jemand, der ohnehin schon da war und nur kurz unsichtbar gewesen ist. Er trat aus dem Hintergrund der Halle, aus einer jener Zonen, in denen Personal verschwindet, um danach wieder zu erscheinen, und er tat es mit jener ruhigen Geschwindigkeit, die weder Eile noch Trägheit verrät – eine Geschwindigkeit, die sagt: Ich bin beschäftigt, aber ich lasse mir Zeit für Sie, weil das zu meinem Bild gehört.

Er trug, wie immer, sein Schildchen mit den Buchstaben, die mehr nach Funktion als nach Person klangen, und er lächelte Hans Castorp an, als kenne er ihn bereits so gut, dass Formalitäten überflüssig seien. In diesem Lächeln lag, wie Hans Castorp es kannte, ein leichter Spott, nicht boshaft, sondern wissend: Der Spott dessen, der die Mechanik der Dinge durchschaut und doch mitmacht.

„Herr Castorp“, sagte Dr. AuDHS.

Hans Castorp spürte, wie ein kleiner Reflex in ihm zuckte. Der Name war immer noch ein Risiko. Und doch tat er, wie man in solchen Häusern tut, als sei alles in Ordnung.

„Herr Doktor“, sagte er und hielt an der Anrede fest wie an einem Geländer.

Dr. AuDHS nickte, als schmecke ihm das Altmodische.

„Man hat mir gesagt“, begann Hans Castorp, „ich solle…“ Er suchte nach dem Wort, weil er es nicht mochte. „…Hypertrophie betreiben.“

Dr. AuDHS sah ihn an, und sein Blick war der Blick eines Menschen, der gleichzeitig amüsiert und ernst ist.

„Betreiben“, wiederholte er. „Als wäre es eine Fabrik.“

„Es klingt“, sagte Hans Castorp, „wie Vergrößerung.“

„Es ist Vergrößerung“, sagte Dr. AuDHS. „Aber nicht im Sinne der Eitelkeit. Im Sinne der Hygiene.“

Hans Castorp hob die Brauen.

„Hygiene?“

„Ja“, sagte Dr. AuDHS, und jetzt bekam seine Stimme jenen Ton, den Hans Castorp in der Bibliothek schon gehört hatte: den Ton des Essayisten, der aus einer Beobachtung eine Moral macht. „Hygiene für den Muskelanteil – zur Verzögerung der alterungsbedingten Atrophie.“

Er sagte das so, als sei es der natürlichste Satz der Welt. Und vielleicht, dachte Hans Castorp, war es das in dieser Welt.

„Muskelanteil“, wiederholte Hans Castorp langsam. Er dachte an Dr. Porsches Bioimpedanzmessung, an Prozentzahlen, an den Körper als Diagramm. Er dachte: Der Mensch ist heute eine Zusammensetzung, und jede Zusammensetzung muss gepflegt werden wie ein Konto.

„Sie sehen“, fuhr Dr. AuDHS fort, „Dr. Porsche hat Ihnen Zahlen gegeben. Und Zahlen sind gut, weil sie beruhigen. Aber Zahlen sind auch unerquicklich, weil sie Aufgaben gebären. Und Sie, Herr Castorp, sind nicht der Typ, der Aufgaben liebt, wenn sie nicht…“ Er machte eine kleine Pause. „…mystisch sind.“

Hans Castorp schwieg. Das Wort mystisch traf ihn, weil es zugleich spöttisch und richtig war. Er hatte, im Berghof, gelernt, dass der Körper ein Geheimnis ist. Und hier oben wurde das Geheimnis in Tabellen zerlegt.

„Was soll ich tun?“ fragte er.

Dr. AuDHS zeigte mit einer leichten Bewegung seiner Hand in eine Richtung, die Hans Castorp erst nicht verstand, weil die Halle, wie jede Halle, keine Richtung hat, sondern nur Kreisläufe. Dann sagte er:

„Wir haben im Haus GYMcubes.“

Hans Castorp sah ihn an.

„Cubes“, wiederholte er.

„Würfel“, sagte Dr. AuDHS. „Freistehende Kabinen. Sie gehen hinein, und Sie sind allein mit dem Rack, der Langhantel, den Scheiben – und mit sich.“

„Das klingt“, sagte Hans Castorp, „wie eine moderne Beichte.“

Dr. AuDHS lächelte.

„Alles ist heute Beichte“, sagte er. „Nur dass man nicht mehr beichtet, um Vergebung zu erhalten, sondern um Daten zu liefern.“

Hans Castorp dachte an seine Manschette, an seine Abendwerte, an das Notieren; er dachte: Ja, man liefert.

„Ich könnte also… dort trainieren?“

„Sie könnten“, sagte Dr. AuDHS. „Und wenn Sie der Typ wären, der sich selbst etwas beibringt, hätte ich Ihnen einfach einen Zugangscode gegeben und Sie wären verschwunden – wie Sie so gern verschwinden.“

Hans Castorp spürte, wie ihm warm wurde. Er wollte widersprechen. Er konnte nicht.

„Aber“, fuhr Dr. AuDHS fort, und jetzt war in seiner Stimme etwas, das fast wie Stolz klang, „ich habe bereits mit meinem Partner gesprochen.“

„Partner?“ fragte Hans Castorp.

„Prof. Frank Zieser“, sagte Dr. AuDHS. „Er ist zufällig ebenfalls auf der Sonnenalp. Und er freut sich, Ihr Training persönlich zu übernehmen.“

Hans Castorp hatte den Namen noch nie gehört. Aber er spürte sofort, dass es ein Name war, der in diesem Milieu Gewicht hat – nicht wegen der Silben, sondern wegen der Art, wie Dr. AuDHS ihn aussprach: als wäre er ein Zertifikat.

„Professor?“ fragte Hans Castorp.

„In dieser Welt ist man schnell Professor“, sagte Dr. AuDHS trocken. „Man muss nur etwas finden, das andere nicht tun wollen, und es dann so erklären, dass es plötzlich alle tun müssen.“

Hans Castorp dachte an Optimierung.

„Wer ist er?“ fragte er.

Dr. AuDHS zuckte leicht die Schultern, als sei die Biografie zugleich unwichtig und entscheidend.

„Eine Kunstfigur“, sagte er. „Das ist das Schöne: Er ist so real, dass er schon wieder wie erfunden wirkt. Er war…“ Dr. AuDHS suchte, ob aus Ironie oder Vorsicht, nach einem unauffälligen Wort. „…erfolgreich.“

„Worin?“

„In der Kunst des Körpers“, sagte Dr. AuDHS. „Und in der Kunst, diese Kunst zu verkaufen. Er hat Maschinen nach Europa gebracht, als die Leute hier noch dachten, Kraft komme vom Kartoffelschälen. Er hat Hypertrophie als Rückentraining vermarktet. Sein Slogan war: Ein starker Rücken kennt keinen Schmerz!“

Hans Castorp lächelte unwillkürlich. Der Satz war so bürgerlich, so korrekt, so bequem in seiner Härte, dass er zugleich komisch und verführerisch wirkte.

„Und jetzt“, fuhr Dr. AuDHS fort, „hat er mit mir GYMcube gegründet. Personal Training. Menschlich und KI. Minimalismus mit Protokoll. Und er ist – das ist das Entscheidende – kein Motivator.“

„Was ist er dann?“

„Ein Ordner“, sagte Dr. AuDHS. „Ein Mann, der Ihre Ratlosigkeit in Wiederholungen übersetzt.“

Hans Castorp spürte, wie ihm das Wort Wiederholungen merkwürdig vertraut vorkam. Wiederholung war Zeit. Wiederholung war Kur.

„Wann?“ fragte er, und er hörte, wie schnell man sich fügen kann, wenn man nur ein Datum bekommt.

Dr. AuDHS warf einen Blick auf eine unsichtbare Uhr.

„Jetzt“, sagte er. „Right here, right now – wie er sagen würde.“

Hans Castorp hob den Kopf.

„Das sagt er?“

Dr. AuDHS lächelte, und in diesem Lächeln lag, wie so oft, die Freude desjenigen, der Zitate besitzt und sie in Situationen setzt, als wären sie Instrumente.

„Er sagt vieles“, sagte er. „Und vieles ist… unerquicklich wahr. Kommen Sie.“

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