Am Abend, in der Summit Suite – oder wie sie hieß, denn Zahlen sind heute, wie wir wissen, zu diskret –, stellte Hans Castorp die Dosen auf den Tisch.
Neben dem Tisch stand ein Tablet. Es leuchtete, freundlich, und begrüßte ihn mit einem Namen, den er seit Jahren nicht mehr als seinen Namen empfand. Er ignorierte es.
Er legte stattdessen das Holzstäbchen daneben.
Es lag da, hell, schlicht, lächerlich – und plötzlich hatte es zwei Bedeutungen: Es war der Stift des Verwischens, und es war vielleicht, morgen früh, der Stab, mit dem man Pulver rührt. Das Schreiben und das Schlucken, dachte Hans Castorp, sind heute Nachbarn.
Dann nahm er die Blutdruckmanschette.
Er setzte sich ans Bett, nicht, weil er müde war, sondern weil Sitzen bei Messungen eine Form von Ernst ist. Er legte die Manschette um den Oberarm, schloss sie, drückte den Knopf.
Die Manschette pumpte sich auf.
Es ist ein unangenehmes Gefühl, verehrte Leserin, verehrter Leser: Dieses Aufblasen, dieses Drücken, als wolle eine fremde Hand dem Arm sagen, wo seine Grenze ist. Hans Castorp spürte, wie der Druck ihn an etwas erinnerte, das er nicht erinnern wollte: an Befehle, an Gleichschritt, an das Gefühl, dass der Körper nicht mehr einem selbst gehört.
Er atmete. Er versuchte, „nicht obsessiv“ zu sein.
Das Gerät piepste.
Zahlen erschienen.
Hans Castorp beugte sich vor, als wären es Orakel.
Systole – er las es, ohne es zu verstehen; er verstand nur, dass es „oben“ heißt. Dann Diastole. Und dort stand, wie eine kleine, ordentliche Drohung:
82.
Knapp über achtzig.
Normal hoch.
Er starrte auf die Zahl, als könne sie sich ändern, wenn man sie streng genug betrachtet. Dann nahm er einen Stift – diesmal keinen Holzstift, sondern einen richtigen –, und schrieb die Zahl auf ein Blatt Papier, das neben dem Bett lag. Er schrieb: 82.
Und in dem Moment, in dem er es schrieb, empfand er, wie sich etwas in ihm beruhigte: Das Geschriebene ist kontrollierbar. Das Ungeschriebene ist Gefahr.
Er legte den Stift weg.
Er legte das Papier in die Schublade, als verstecke er ein Geständnis.
Dann ging er ins Bad, wusch sich die Hände, als müsse er die Zahl abwaschen. Es ist unerquicklich, wie sehr man heute die Reinlichkeit mit Beruhigung verwechselt.
Er legte sich ins Bett.
Er dachte an Dr. Porsche, an die orange Krawatte, an die warmen Augen und den Riss darunter. Er dachte an Dr. AuDHS, an Kürzel, an Empfehlungen. Er dachte an Gustav von A., der Sätze schreibt, damit er bleiben darf. Er dachte an Morgenstern, der Vorsätze schreibt, damit er nicht mehr Esel ist.
Und er dachte: Ich bin gesund. Und gerade das ist die Aufgabe.
Er schlief. Nicht tief. Nicht ehrlich. Aber er schlief.