Abschnitt 6

0:00 / 0:00

Nicht die Zeit der Gefühle, nicht die Zeit der Erinnerung, sondern die Zeit der Termine: jetzt dieser Raum, jetzt jener, jetzt warten, jetzt weiter. Und Hans Castorp, der einst gelernt hatte, dass Zeit oben anders geht, lernte nun etwas Neues: Zeit geht heute nicht anders, sie wird anders verwaltet.

Am Ende führte man ihn in ein Zimmer, das weniger nach Gerät und mehr nach Gespräch aussah.

Ein Schreibtisch. Ein Stuhl. Zwei Stühle. Ein Bildschirm. Ein Fenster, durch das man Schnee sah, als wäre der Winter das beruhigende Hintergrundbild der Untersuchung.

Und dort stand Dr. med. Wendelin Porsche.

Er war, in der Realität, weniger „Cover“ als im Prospekt – und doch erkannte man ihn sofort: die Brille, die offenen Augen, die orange Krawatte, die zugleich Festlichkeit und Warnfarbe war. Er sah Hans Castorp an, und sein Blick war warm, fast väterlich; aber unter dieser Wärme lag etwas, das nicht ganz heil war: ein Drang, eine Ungeduld, als wolle er den Menschen schneller machen, als er ist.

„Herr Castorp“, sagte Dr. Porsche, und seine Stimme hatte diese ärztliche Freundlichkeit, die zugleich beruhigt und in Besitz nimmt. „Willkommen im neuen Jahr. Setzen Sie sich.“

Hans Castorp setzte sich.

Dr. Porsche setzte sich nicht sofort. Er blieb einen Moment stehen, sah auf den Bildschirm, auf die Ausdrucke, auf die Kurven, und Hans Castorp hatte den Eindruck, dass dieser Mann nicht nur Arzt ist, sondern auch Dirigent: Er liebt die Ordnung der Zahlen.

„Also“, sagte Dr. Porsche, und nun lächelte er wirklich, als wolle er etwas Schönes schenken. „Alles perfekt.“

Es ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, ein wunderbarer Satz. Er macht aus dem Menschen einen Erfolg. Und er ist zugleich die gefährlichste Einleitung, weil sie die Abweichung erst möglich macht.

Hans Castorp spürte, wie er für einen Moment erleichtert war – und sich im selben Moment für diese Erleichterung schämte. Denn was ist Erleichterung anderes als die Freude, nicht zu fallen?

Dr. Porsche hob den Zeigefinger, als wolle er eine kleine, elegante Einschränkung setzen.

„Aber“, sagte er.

Hans Castorps Herz machte einen kleinen, unordentlichen Schlag, als hätte es auf dieses Wort gewartet.

„…Blutdruck“, sagte Dr. Porsche, und nun wurde seine Stimme sachlicher, fast liebevoll in ihrer Genauigkeit. „Diastole knapp über achtzig. Das ist …“ Er ließ die Pause wirken, als sei das Wort ein Etikett, das man sorgfältig aufklebt. „…normal hoch.“

Normal hoch.

Ein Wortpaar wie eine Hotelkuppel: durchsichtig, bequem, und doch eine Grenze.

„Normal hoch“, wiederholte Hans Castorp.

Dr. Porsche nickte.

„Das ist nicht krank“, sagte er schnell, als müsse er beruhigen. „Aber es ist …“ Er suchte nach einem Begriff, und hier zeigte sich der Riss: Er fand nicht den alten Begriff der Gefahr, sondern den neuen Begriff der Aufgabe. „…eine Optimierungszone.“

Optimierungszone.

Hans Castorp dachte: Auch ich bin eine Optimierungszone. Ich bin nicht tot, ich bin nicht frei. Ich bin dazwischen.

Dr. Porsche klickte auf dem Bildschirm, und nun erschien eine Zahl, die Hans Castorp nicht sofort verstand, weil sie nicht nach Blutdruck aussah, sondern nach Geschwindigkeit.

„Wir haben auch Ihre Gefäßsteifigkeit gemessen“, sagte Dr. Porsche. „BaPWV. Rechts zehn Komma drei Meter pro Sekunde, links elf Komma vier.“

Er sprach die Werte aus, als wären sie Wetterdaten. Hans Castorp hörte „Meter pro Sekunde“ und dachte unwillkürlich wieder an den Namen Porsche: Geschwindigkeit überall.

„Das ist“, sagte Dr. Porsche, und jetzt war in seiner Stimme ein Hauch von Befriedigung, als hätte er etwas entdeckt, das ihn rechtfertigt, „leicht erhöht. Nicht dramatisch. Aber interessant.“

Interessant.

Man möchte nicht interessant sein, wenn es um Gefäße geht.

„Was bedeutet das?“ fragte Hans Castorp.

Dr. Porsche lehnte sich zurück, und seine väterliche Wärme kehrte zurück, als wolle er eine Geschichte erzählen.

„Ihre Gefäße“, sagte er, „sind ein bisschen … korrekt.“

Hans Castorp hob die Brauen.

Dr. Porsche lächelte kurz. Es war ein kleines, menschliches Lächeln, und darin lag der Riss: Er wusste, dass er eben metaphorisch geworden war.

„Verzeihen Sie“, sagte er. „Ich spreche manchmal wie ein Schriftsteller, wenn ich müde bin. Ich meine: Die Elastizität ist nicht mehr so, wie sie mit zwanzig wäre. Das ist normal. Aber wir sehen es früh. Und wenn wir es früh sehen, können wir …“

„…optimieren“, sagte Hans Castorp.

Dr. Porsche nickte, und nun war da, ganz kurz, etwas Fanatisches.

„Ja“, sagte er. „Optimieren. Nicht im Sinne von Perfektion, sondern im Sinne von Pflege. Rituale der persönlichen Hygiene.“

Rituale.

Hans Castorp dachte an Aderlass. An Prospekte. An die Kapelle.

„Welche Rituale?“ fragte er.

Dr. Porsche hob die Hand, als zähle er Gebote auf.

„Hypertrophie“, sagte er. „Ernährung. Stressreduktion. Schlaf. Aktivität – geistig und körperlich.“

Hypertrophie.

Das Wort klang, als hätte man einen Muskel in Latein getauft. Hans Castorp sah Dr. Porsche an.

„Hypertrophie“, wiederholte er langsam, „ist also die neue Tugend.“

Dr. Porsche lachte kurz. Es war ein warmes Lachen, aber darunter lag etwas, das nicht lachte: die Angst vor der Zeit.

„Wenn Sie so wollen“, sagte er. „Muskeln sind eine Art Zins. Sie zahlen Ihnen später zurück.“

Hans Castorp dachte: Zins. Wieder ein Konto.

„Und weshalb sagen Sie mir das?“ fragte er. „Ich bin doch … perfekt.“

Dr. Porsche sah ihn an, und nun wurde seine Stimme leiser, fast vertraulich.

„Weil Perfektion“, sagte er, „in Ihrem Alter eine Leistung ist. Und jede Leistung muss gepflegt werden.“

Es war ein Satz, der väterlich klang – und zugleich wie eine Drohung. Hans Castorp spürte, wie ihm die Worte Gustav von A. in den Kopf stiegen:

Wenn der Körper nicht funktioniert, kann man nicht schaffen.

„Was empfehlen Sie?“ fragte er.

Dr. Porsche griff in eine Schublade und zog zwei kleine Dosen hervor.

×